Digital Gap in Kanzleien: Wo Ă–sterreich jetzt steht

KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech••By 3L3C

Österreichs Kanzleien driften digital auseinander. Wie Sie den „Digital Gap“ schließen und KI für Vertragsanalyse, Rechtsrecherche und Kanzleimanagement real nutzbar machen.

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Der Digital Gap in Ă–sterreichs Anwaltskanzleien

2025 liegt die Spannbreite in österreichischen Kanzleien so weit auseinander wie selten zuvor: Manche Teams arbeiten täglich mit KI-gestützter Vertragsanalyse, andere drucken noch E‑Mails aus und diktieren Schriftsätze ins Bandgerät. Genau diesen Abstand – den „Digital Gap“ zwischen denen, die machen, und denen, die nichts tun – nimmt Andrei Salajan, Director Legal Tech & Innovation bei Schoenherr, bei der Future-Law Legal Tech Konferenz ins Visier.

Für die Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ ist dieser Gap entscheidend. Denn KI in der Rechtsberatung funktioniert nur dort, wo die digitalen Grundlagen gelegt sind: Daten, Prozesse, Mindset. Wer hier weiter zögert, wird in den nächsten zwei bis drei Jahren nicht nur Effizienz, sondern auch Mandate verlieren.

In diesem Beitrag geht es darum, wo Österreich aktuell steht, wie sich der Digital Gap konkret in Kanzleien zeigt, was KI heute realistisch leisten kann – und wie Sie als Partner:in oder Kanzleimanager:in vom „Nichts tun“ ins „Machen“ kommen, ohne Ihre Kanzlei zu überfordern.


1. Wo steht Ă–sterreich beim Digitalisierungsgrad der Anwaltschaft?

Österreichs Rechtsbranche ist nicht komplett rückständig, aber sie ist extrem ungleich digitalisiert.

Ein grobes Bild aus Gesprächen mit Kanzleien, Verbänden und Legal-Tech-Anbietern:

  • Rund 10–15 % der Kanzleien arbeiten bereits mit klaren Digital- und KI-Strategien, straffem Kanzleimanagement und messbaren KPIs.
  • Etwa 40–50 % befinden sich im „Tool-Chaos“: Es gibt Software, E‑Akte, vielleicht ein DMS – aber keine durchgängigen Workflows.
  • Der Rest arbeitet traditionell: viel Papier, wenig Automatisierung, kaum datenbasierte Entscheidungen.

Warum ist das heikel?

Weil Mandanten – gerade Unternehmensmandanten – längst nicht mehr nach reiner juristischer Exzellenz auswählen, sondern nach Geschwindigkeit, Transparenz und Planbarkeit. Wer bei Reporting, Kollaboration und digitalen Prozessen nicht mithalten kann, verliert gegen modern aufgestellte Kanzleien im DACH-Raum.

Der Digital Gap ist kein Technikproblem, sondern ein Wettbewerbsproblem.


2. „Die, die machen“: Wie moderne Kanzleien KI und Legal Tech nutzen

Wer „macht“, arbeitet nicht zwangsläufig futuristisch, sondern konsequent pragmatisch. Diese Kanzleien kombinieren klassische Rechtsarbeit mit klaren technischen Bausteinen.

Typische Merkmale digital fĂĽhrender Kanzleien

  1. Standardisierte Workflows

    • Einheitliche Aktenstruktur, egal ob M&A, Arbeitsrecht oder Litigation
    • Klar definierte Schritte fĂĽr Mandatsannahme, Fristen, Qualitätssicherung
    • Automatisierte Dokumentenerstellung fĂĽr Standardverträge, NLAs, Vollmachten
  2. Daten statt BauchgefĂĽhl

    • Auswertungen zu Stundensätzen, Profitabilität pro Mandant, Auslastung
    • Klare Zahlen zu Bearbeitungszeiten: z.B. „Due Diligence Share Deal, 200 Dokumente: 40 % Zeitersparnis durch KI-gestĂĽtzte Analyse“
  3. Gezielter KI-Einsatz – nicht überall, sondern dort, wo der Hebel groß ist:

    • Vertragsanalyse mit KI: Markierung von Klauselrisiken, Vergleich mit internen Playbooks
    • KI fĂĽr Rechtsrecherche: schnellere Erstbewertungen, Vorschläge zu Argumentationslinien
    • Kanzleimanagement mit KI: Auswertung von Zeitaufzeichnungen, Prognose von Ressourcenbedarf
  4. Kultur des Ausprobierens

    • Kleine Piloten statt monatelanger Theorie
    • Associates dĂĽrfen Tools testen und Feedback geben
    • Fehler sind erlaubt, solange sie dokumentiert und genutzt werden, um besser zu werden

Konkretes Beispiel:

Eine mittelgroĂźe Wiener Wirtschaftskanzlei (ca. 30 Jurist:innen) hat ein KI-gestĂĽtztes Vertragsanalyse-Tool in der M&A-Praxis eingefĂĽhrt. Ergebnis nach sechs Monaten:

  • durchschnittlich 35–45 % weniger Zeit bei Standard-Due-Diligence-PrĂĽfungen
  • höhere Konsistenz der Reportings, weil Vorlagen und Findings strukturiert sind
  • Partner:innen können sich stärker auf Deal-Strukturierung und Verhandlung fokus­sieren

Das ist kein Science-Fiction-Szenario, sondern Stand 2025 – sofern Prozesse und Daten sauber vorbereitet sind.


3. „Die, die nichts tun“: Warum viele Kanzleien beim Thema KI blockiert sind

Auf der anderen Seite stehen Kanzleien, die Digitalisierung vor sich herschieben – oft aus nachvollziehbaren Gründen.

Die typischen Blockaden

  1. Angst vor Kontrollverlust

    • „KI könnte einen Fehler machen und wir haften.“
    • „Wenn die Associates die Tools nutzen, verlieren sie das juristische Handwerk.“

    Realität: Gute Kanzleien setzen KI als Assistenz, nicht als Ersatz. Freigabe, rechtliche Bewertung und Verantwortung bleiben beim Menschen.

  2. Ăśberforderung durch Tool-Vielfalt

    • Markt wirkt unĂĽbersichtlich, von E‑Akte bis Generative AI
    • Sorge, sich festzulegen und in drei Jahren wieder wechseln zu mĂĽssen

    Hier hilft eine einfache Regel: Zuerst Prozesse klären, dann Tools auswählen.

  3. Fehlende interne Zuständigkeit

    • Niemand fĂĽhlt sich verantwortlich: IT ist technisch, Partnerschaft strategisch, Associates voll ausgelastet
    • Ohne „Owner“ passiert genau: nichts
  4. Kostenangst

    • „Digitalisierung ist teuer und nicht verrechenbar.“

    Erfahrung aus Projekten: Schon kleine, gut gewählte Schritte (z.B. Dokumentenautomation für ein umsatzstarkes Standardprodukt) amortisieren sich oft binnen weniger Monate.

Die größte Bremse für KI in Kanzleien ist nicht das Budget, sondern fehlende Entscheidungskraft.


4. KI für österreichische Rechtsanwälte: Wo lohnt sich der Einstieg wirklich?

Der sinnvollste Einstieg liegt dort, wo hohes Volumen auf wiederkehrende Arbeit trifft. Genau hier wirkt der Digital Gap am deutlichsten – und hier lässt er sich relativ schnell verringern.

4.1 Vertragsanalyse und DokumentenprĂĽfung

Für viele Wirtschaftskanzleien ist das Brot-und-Butter-Geschäft:

  • NDA-Checks
  • Liefer- und Rahmenverträge
  • Standard-AGB-PrĂĽfungen
  • wiederkehrende Klausel-Reviews in bestimmten Branchen

Wie KI hier hilft:

  • Erkennung kritischer Klauseln (z.B. Haftung, Gewährleistung, Gerichtsstand)
  • Abgleich mit eigenen Standards („rote“, „gelbe“, „grĂĽne“ Formulierungen)
  • Vorschläge fĂĽr alternative Formulierungen

Anwendungsfall: Ein Associate prüft nicht mehr 60 Seiten „from scratch“, sondern erhält ein strukturiertes KI-Review und konzentriert sich auf Bewertung, Anpassung und Kommunikation mit dem Mandanten.

4.2 Rechtsrecherche und Erstbewertungen

Auch wenn KI keine verlässlichen Rechtsgutachten schreibt, kann sie hervorragend für:

  • Strukturierung von Themen und Streitständen
  • Finden relevanter Normen, Judikatur und Literatur (in Verbindung mit Fachdatenbanken)
  • Formulierung erster Argumentationslinien

Gerade im Litigation-Bereich lässt sich so die Zeit für die erste Einschätzung deutlich reduzieren. Entscheidender Punkt:

KI liefert Entwürfe, aber keine fertige Rechtsmeinung. Die Verantwortung bleibt bei der Anwältin, beim Anwalt.

4.3 Kanzleimanagement und Business Development

Die spannendste, aber am wenigsten genutzte KI-Dimension in Ă–sterreich: Kanzleimanagement.

  • Auswertung von Zeitaufzeichnungen: Welche Mandate sind profitabel, welche nicht?
  • Personalplanung: Wo entstehen Flaschenhälse, welche Teams sind ĂĽberlastet?
  • Pricing-Modelle: Welche Pauschalen funktionieren, wo gehen Margen verloren?

Kanzleien, die ihre Daten strukturieren und KI-gestützt auswerten, treffen bessere betriebswirtschaftliche Entscheidungen – und genau das trennt in den nächsten Jahren die wirtschaftlich starken Kanzleien vom Rest.


5. Aus dem „Nichts tun“ ins „Machen“: Ein 90-Tage-Plan

Der Umstieg zur KI-gestĂĽtzten Kanzlei muss kein Mammutprojekt sein. Ein konkreter 90-Tage-Plan hilft, den Digital Gap kontrolliert zu verringern.

Schritt 1 (Tage 1–14): Klarheit schaffen

  • Ist-Analyse:
    • Welche Tools haben wir? Wie arbeiten Teams wirklich (nicht nur laut Handbuch)?
    • Wo entstehen Engpässe und Frust (Fristen, Versionierung, RĂĽckfragen, MedienbrĂĽche)?
  • Top-3-Pain-Points definieren – z.B.:
    • „VertragsprĂĽfungen dauern zu lange“
    • „Wir haben keine sauberen Aktenstände“
    • „Wir wissen wenig ĂĽber die Rentabilität unserer Mandate“

Erst wenn diese Punkte klar sind, macht Tool-Auswahl Sinn.

Schritt 2 (Tage 15–45): Pilotprojekt starten

  • Wählen Sie einen Bereich, z.B. NDA-Reviews oder ArbeitsvertragsprĂĽfungen
  • Definieren Sie:
    • klares Ziel (z.B. 30 % Zeitersparnis)
    • kleines Kernteam (1 Partner:in, 2 Associates, 1 Sekretariat/Backoffice)
    • Zeitraum und Kriterien, wie Erfolg gemessen wird
  • FĂĽhren Sie eine KI- oder Automationslösung im Kleinen ein und dokumentieren Sie:
    • Bearbeitungszeiten vorher/nachher
    • Qualität und Fehlerquoten
    • Feedback der Nutzer:innen

Schritt 3 (Tage 46–90): Skalieren und verankern

  • BeschlieĂźen Sie verbindlich: Was wird aus dem Piloten fixer Standard, was wird verworfen?
  • Erstellen Sie kurze SOPs (Standard Operating Procedures), z.B. 2–3 Seiten pro Prozess
  • Schulen Sie das restliche Team – nicht nur technisch, sondern auch im Warum:
    • Welche Vorteile hat der neue Ablauf fĂĽr Mandanten?
    • Was ändert sich fĂĽr Associates, was bleibt gleich?

Kanzleien, die so vorgehen, erzielen tatsächlich messbare Effekte und haben Zahlen, die sie auch gegenüber Partner:innen und Mandanten argumentieren können.


6. Warum 2026 für österreichische Kanzleien zum Wendepunkt wird

Der Digital Gap vergrößert sich gerade Monat für Monat. Wer 2025 noch zögert, wird 2026 neben modern aufgestellten Kanzleien deutlich älter wirken – fachlich top, operativ aber schwerfällig.

Für die Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ ist die zentrale These klar:

Kanzleien, die KI ignorieren, werden nicht von KI ersetzt, sondern von Kanzleien, die KI sinnvoll einsetzen.

Die gute Nachricht: Es ist nicht zu spät, aber die Schonfrist endet. Wer jetzt beginnt,

  • Prozesse zu standardisieren,
  • Daten sauber zu erfassen,
  • erste KI-Anwendungsfälle zu testen,

wird 2026 in einer deutlich stärkeren Position sein – gegenüber Mandanten, Bewerber:innen und dem Wettbewerb.

Wenn Sie sich beim Lesen eher in der Gruppe „die, die nichts tun“ wiederfinden: Das ist kein Makel. Es ist ein Startpunkt. Entscheidend ist, ob Ihre Kanzlei in zwölf Monaten noch dort steht – oder ob Sie dann zu denen gehören, die machen.


Nächster Schritt: Wählen Sie heute einen Prozess, bei dem KI oder Legal Tech realistisch helfen kann, und legen Sie den Starttermin für Ihren Pilot fest. Kein großes Strategiepapier, kein 50-Seiten-Konzept – nur ein klares Ja zum ersten Schritt.