Der Digital Gap in Österreichs Kanzleien wächst. Wo KI heute schon konkret hilft – und wie Sie Ihre Kanzlei in 90 Tagen sichtbar digitaler aufstellen.
Der digitale Graben in Österreichs Rechtsbranche
Zwischen 2020 und 2024 hat sich die Produktivität von Unternehmen mit hoher Digitalisierungsquote laut mehreren EU-Studien um bis zu 30 % schneller entwickelt als bei Nachzüglern. Kanzleien und Rechtsabteilungen sind da keine Ausnahme – im Gegenteil: Der Unterschied zwischen denen, die machen, und denen, die nichts tun, wird im Rechtsmarkt brutal sichtbar.
Genau darum geht es im Vortrag von Stefanie Zaiser (Knapp AG) auf der Future-Law Legal Tech Konferenz: um den „Digital Gap“ in Österreich. In diesem Beitrag ordne ich das Thema für österreichische Rechtsanwält:innen ein, zeige, wo der Gap im Alltag von Kanzleien konkret entsteht – und wie Künstliche Intelligenz (KI) ganz praktisch hilft, diesen Abstand noch 2026 zu verkleinern.
Wer die Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ verfolgt, weiß: Es geht nicht um Technik um der Technik willen. Es geht um Honorare, Wettbewerbsfähigkeit und darum, ob Ihre Kanzlei in drei Jahren Mandate gewinnt – oder verliert.
Was den „Digital Gap“ in Kanzleien wirklich ausmacht
Der digitale Graben in der Rechtsbranche ist kein abstraktes IT-Thema. Er zeigt sich an drei sehr handfesten Stellen: Zeit, Qualität und Mandatsgewinn.
Kurz gesagt: Kanzleien, die digitale Tools und KI aktiv einsetzen, bearbeiten mehr Mandate in gleicher Zeit, liefern konsistentere Qualität und wirken nach außen moderner und zugänglicher.
Drei Ebenen des Digital Gap
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Operativer Gap – wie die Arbeit tatsächlich erledigt wird
Hier geht es um Standardaufgaben:- Vertragsprüfung
- Due-Diligence-Listen
- Fristen- und Dokumentenmanagement
- einfache Schriftsätze und Vorlagen
Wer hier noch mit Word-Vorlagen, Excel-Listen und Outlook-Postfächern arbeitet, hat bereits einen deutlichen Nachteil gegenüber Kanzleien, die KI-gestützte Tools nutzen: Document Automation, Vertragsanalyse, Fristenverwaltung im Kanzlei-CRM.
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Strategischer Gap – wie Entscheidungen getroffen werden
Digital fortgeschrittene Kanzleien verwenden Daten aktiv:- Auswertungen: Welche Mandatstypen sind profitabel?
- Auslastung: Wer arbeitet woran und wie lange?
- Pricing: Wo sind Pauschalen wirtschaftlich sinnvoll?
Wer das „aus dem Bauch“ macht, hat es schwer gegen Kanzleien, die ihre Zahlen kennen und KI-gestützte Auswertungen nutzen.
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Kommunikations-Gap – wie die Kanzlei wahrgenommen wird
Mandant:innen – auch in Österreich – erwarten 2025:- schnelle, klare Kommunikation
- digitale Unterzeichnung und sichere Datenräume
- verständliche Zusammenfassungen komplexer Dokumente
Hier bietet KI enorme Hebel: automatische Mandatszusammenfassungen, verständliche Executive Summaries, gut strukturierte E-Mails. Wer das nicht anbietet, wirkt schnell „alt“ – besonders bei Unternehmensmandanten.
Österreich: Wo stehen wir bei Legal Tech und KI wirklich?
Der österreichische Rechtsmarkt ist im internationalen Vergleich weder Schlusslicht noch Vorreiter. Das Problem ist eher die Spaltung: Einige Kanzleien sind sehr weit, viele stehen noch am Anfang.
Typische Muster, die ich in österreichischen Kanzleien sehe
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Große Wirtschaftskanzleien:
- experimentieren mit KI für Vertragsanalyse und Rechtsrecherche
- haben interne Legal-Tech-Verantwortliche oder Innovationsteams
- setzen Pilotprojekte mit Mandanten (z.B. Self-Service-Vertragsgeneratoren) um
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Kleinere und mittelgroße Kanzleien:
- arbeiten oft noch mit einem Mix aus Word, E-Mail und Papierakten
- nutzen zwar ein Kanzleiverwaltungssystem, aber ohne echte Automatisierung
- sehen KI eher als „Risiko“ (Haftung, Datenschutz) denn als Arbeitsentlastung
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Unternehmensrechtsabteilungen (wie bei Knapp AG):
- stehen stark unter Kostendruck
- müssen mit immer weniger Ressourcen mehr Verträge und Themen abdecken
- sind gezwungen, Standardarbeit zu automatisieren – und treiben damit den Markt
Die Folge: Unternehmensjurist:innen werden digitaler und fordern das auch von ihren externen Kanzleien. Wer als Kanzlei hier nicht mithält, verliert mittel- bis langfristig Mandate an Wettbewerber, die digitale Workflows und KI beherrschen.
Wo KI den Unterschied macht: Konkrete Anwendungsfälle für Kanzleien
Der Kern des Digital Gap liegt nicht bei fancy Tools, sondern bei der Frage: Welche Arbeit erledigen Menschen – und welche kann eine Maschine vorbereiten?
1. Vertragsanalyse und Dokumentenprüfung
Hier ist der Unterschied zwischen „machen“ und „nichts tun“ aktuell am größten.
Mit KI-gestützter Vertragsanalyse können Kanzleien zum Beispiel:
- Standardklauseln erkennen und mit Kanzlei-Playbooks abgleichen
- Risikoklauseln markieren (Haftung, Gewährleistung, Gerichtsstand usw.)
- fehlende Klauseln vorschlagen (z.B. Datenschutz, IP-Regelungen)
- Abweichungen von Mandanten-Standards automatisch hervorheben
Die Rolle der Rechtsanwält:innen verschiebt sich dadurch:
nicht mehr „alles von Grund auf lesen“, sondern „prüfen, bewerten, entscheiden“.
Bei einer Commercial-Due-Diligence mit hunderten Verträgen reduziert sich so die reine Lesezeit oft um 30–50 %. Das ist kein Theoriewert, sondern Praxis aus vielen Corporate-Legal-Teams.
2. Rechtsrecherche mit KI-Unterstützung
Klassische Rechtsrecherche frisst Stunden – und ist in vielen Fällen nicht direkt verrechenbar.
KI kann hier:
- erste Struktur und Argumentationslinien entwerfen
- einschlägige Normen und Entscheidungen vorschlagen
- lange Urteile in wenigen Sätzen zusammenfassen
Der Knackpunkt: Die Ergebnisse müssen immer juristisch geprüft werden. Aber:
- Die Einstiegshürde sinkt deutlich
- Junior Associates sind schneller in der Lage, gute Entwürfe zu liefern
- Die Zeit, die Mandanten in Rechnung gestellt wird, verschiebt sich stärker auf Bewertung und Strategie
3. Schriftsatz- und Vorlagenerstellung
Viele Kanzleien haben einen riesigen Fundus an Mustern – aber kaum ein System dahinter. Häufig weiß nur „die eine Partnerin“, wo die wirklich guten Vorlagen liegen.
KI kann hier unterstützen, indem sie:
- aus bestehenden Dokumenten Muster extrahiert
- für wiederkehrende Anliegen (z.B. Mahnklagen, Standardvereinbarungen) Entwürfe generiert
- Sprachstil und Ton an Kanzleistandards anpasst
Wichtig: Das ersetzt keine sorgfältige Prüfung. Aber es spart Zeit bei Routineaufgaben, die juristisch nicht hoch komplex sind.
4. Kanzleimanagement und Business-Entscheidungen
Der Digital Gap ist nicht nur ein Technikthema, sondern auch ein Management-Thema.
Kanzleien, die ihre Daten strukturiert erfassen (Zeiterfassung, Mandatsarten, Margen), können mit KI-gestützten Auswertungen:
- unprofitable Mandate identifizieren
- Ressourcen besser planen
- sehen, in welchen Rechtsgebieten sich Investment lohnt
Wer diese Transparenz nicht hat, steuert die Kanzlei „auf Gefühl“. Das kann funktionieren – ist aber in einem Markt mit wachsendem Kostendruck riskant.
Warum viele österreichische Kanzleien trotzdem zögern
Die Gründe, warum viele Rechtsanwält:innen den Schritt zu KI und Legal Tech hinausschieben, sind ziemlich konstant – und in Gesprächen mit Kanzleien höre ich vor allem diese vier:
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Haftungsangst:
„Was, wenn die KI etwas übersieht?“
Antwort: Die Haftung bleibt ohnehin beim Menschen. Der Trick ist nicht, der KI zu vertrauen, sondern ihren Output wie den eines Konzipienten zu behandeln: hilfreich, aber kontrollbedürftig. -
Datenschutz und Berufsgeheimnis:
„Dürfen wir Mandantendaten überhaupt in KI-Tools verwenden?“
Lösung: Nutzung von on-premise- oder EU-gehosteten Systemen, klare Policies, Pseudonymisierung, Mandanteninformationen nur in kontrollierten Umgebungen. -
Kosten- und Zeitargument:
„Wir haben gerade keine Zeit, ein Projekt aufzusetzen.“
Meine Erfahrung: Kanzleien überschätzen den Einführungsaufwand und unterschätzen den laufenden Zeitverlust ohne Automatisierung. -
Kulturelle Hürde:
„Das haben wir immer so gemacht, und es funktioniert ja.“
Kurzfristig stimmt das. Mittelfristig aber nicht, wenn Mandanten vergleichen, wie effizient und transparent andere Kanzleien arbeiten.
Die Realität: Der größere Risikofaktor ist mittlerweile Nichtstun, nicht der behutsame Einstieg in KI.
Ein pragmatischer Fahrplan: In 90 Tagen vom „Nichts tun“ zum „Wir machen“
Kanzleien müssen nicht alles auf einmal umstellen. Wer strukturiert vorgeht, kann den Digital Gap in wenigen Monaten sichtbar verkleinern.
Schritt 1: Status-Check (Woche 1–2)
- Welche Arbeit frisst die meiste Zeit und ist gleichzeitig gut standardisierbar?
(z.B. NDA-Prüfung, Mietverträge, Arbeitsverträge, Mahnklagen) - Welche Systeme nutzen Sie bereits?
(Kanzleisoftware, DMS, Zeiterfassung) - Wer in der Kanzlei ist offen für Experimente und kann „Digital Champion“ sein?
Schritt 2: Ein Pilotprojekt definieren (Woche 3–4)
Kriterien für ein gutes Pilotprojekt:
- klar begrenzt (z.B. nur NDAs, nur ein Mandantentyp)
- hohe Wiederholungsrate (mindestens 1–2 Fälle pro Woche)
- geringes rechtliches Risiko (Standardverträge, keine Grundsatzprozesse)
Für viele österreichische Kanzleien bietet sich etwa KI-gestützte Vertragsanalyse von Standardverträgen oder KI-Unterstützung bei der Recherche an.
Schritt 3: Tool-Auswahl und Einrichtung (Woche 5–8)
- 2–3 Lösungen testen, die zu Kanzleigröße und Budget passen
- Daten- und Datenschutzkonzept klären
- Kleine Gruppe (2–5 Personen) nutzen lassen und Feedback sammeln
Wichtig: Nicht monatelang in der Evaluierung stecken bleiben. Lieber 80 % passend und im Einsatz als 100 % perfekt und nie gestartet.
Schritt 4: Ausrollen und Standardisieren (Woche 9–12)
- Ergebnisse aus dem Pilot in konkrete Kanzlei-Standards übersetzen
- Schulungen für das gesamte Team anbieten
- Leitlinien definieren: Wofür nutzen wir KI? Wofür ausdrücklich nicht?
Ab diesem Punkt beginnt der eigentliche Effekt: Der Alltag wird spürbar effizienter, und das Team gewinnt Vertrauen in die neuen Arbeitsweisen.
Was der Digital Gap für die Zukunft des Rechtsmarktes bedeutet
Der Digital Gap wird sich in den nächsten Jahren nicht verkleinern, sondern vergrößern. Kanzleien, die heute mit KI experimentieren, bauen einen Vorsprung auf, der schwer einzuholen ist:
- Sie standardisieren ihre Prozesse früher
- Sie sammeln mehr Erfahrungswerte mit KI-gestützten Workflows
- Sie wirken auf Mandanten moderner und professioneller
Für österreichische Rechtsanwält:innen bedeutet das:
Nicht jede Kanzlei muss zur „Legal-Tech-Kanzlei“ werden. Aber jede Kanzlei braucht eine klare Haltung zu KI – und ein erstes, konkretes Projekt.
Wer ohnehin mit Unternehmensmandanten arbeitet, spürt den Druck bereits. Legal-Departments wie jenes von Knapp AG oder anderen Industrieunternehmen treiben die Digitalisierung massiv voran und erwarten dasselbe von ihren externen Beratern.
Dieses Jahr ist ein guter Zeitpunkt, den Graben nicht weiter wachsen zu lassen, sondern aktiv zu verkleinern.
Nächste Schritte für Ihre Kanzlei
Wenn Sie Teil der Gruppe sind, „die machen“, dann:
- wählen Sie einen klaren Use Case (Vertragsanalyse, Recherche, Vorlagen)
- definieren Sie ein 90-Tage-Pilotprojekt
- holen Sie Ihr Team früh ins Boot und adressieren Haftungs- und Datenschutzfragen offen
Wer den Digital Gap ignoriert, trifft damit ebenfalls eine Entscheidung – nur eben eine strategisch riskante.
Die Reihe „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ zeigt, wie sich KI sinnvoll und verantwortungsvoll in den Kanzleialltag integrieren lässt. Der nächste logische Schritt ist, die Theorie in der eigenen Praxis zu testen.
Die Frage, die bleibt: Zu welcher Gruppe wollen Sie gehören – zu denen, die machen, oder zu denen, die nichts tun?