Warum 80 Mio. € in KI für Anwälte fließen – und was das für Ihre Kanzlei bedeutet

KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech••By 3L3C

80 Mio. € fließen in KI für Anwält:innen. Was sehen Investoren, was viele Kanzleien noch übersehen? Konkrete Einsatzfelder, Risiken und Startstrategien für 2025.

Legal Tech Österreichkünstliche IntelligenzRechtsanwälteKanzleimanagementVertragsanalyseFuture-Law KonferenzNathalia Schomerus
Share:

Warum 80 Millionen Euro in KI für Anwälte fließen

80 Millionen Euro für ein KI-Start-up im Rechtsbereich sind kein „nettes Investment“, sondern ein ziemlich klares Signal: Hier entsteht ein neuer Standard für juristische Arbeit. Genau darüber spricht Nathalia Schomerus, Legal Innovation Lead bei Legora, auf der Future-Law Legal Tech Konferenz im Grand Salon um 09:20 Uhr.

Für österreichische Rechtsanwält:innen stellt sich damit eine unangenehme, aber ehrliche Frage: Wenn Investoren bereit sind, solche Summen in Legal-KI zu stecken – können Sie es sich leisten, beim Thema KI abzuwarten?

Dieser Artikel ordnet ein, warum so viel Kapital in KI-Lösungen für Anwält:innen fließt, welche konkreten Einsatzfelder es gibt und wie Kanzleien in Österreich 2025 realistisch einsteigen können – ohne ihr Berufsbild zu verraten oder die Kontrolle abzugeben.


1. Warum investieren Kapitalgeber so viel Geld in Legal-KI?

Der Hauptgrund ist simpel: Juristische Arbeit ist voller wiederholbarer, textbasierter Tätigkeiten – und genau das kann generative KI inzwischen erstaunlich gut. Für Investor:innen ist das eine seltene Kombination aus großem Markt, klaren Pain Points und skalierbaren Software-Lösungen.

Die wirtschaftliche Logik hinter Legal-KI

Drei Faktoren machen den Bereich fĂĽr Investoren so attraktiv:

  1. Hohe Stundensätze, viele Routineaufgaben
    Wenn eine Partnerstunde 300–500 € kostet, aber ein Teil der Arbeit aus Standardrecherche, Vertragsbausteinen und E-Mail-Entwürfen besteht, ist das ein offensichtlicher Hebel. Wenn KI 20–30 % dieser Zeit reduziert, entstehen Margeneffekte, die sich schnell in Millionen summieren – sowohl bei Großkanzleien als auch bei spezialisierten Boutiquen.

  2. Massive Skalierbarkeit
    Ein KI-Tool für Vertragsanalyse, Due Diligence oder Litigation-Support kann gleichzeitig von Kanzleien in Wien, Graz oder Linz genutzt werden, ohne dass das Start-up für jeden neuen Mandanten neue Anwälte einstellen muss. Genau diese Skalierbarkeit rechtfertigt Investments im Bereich 50–100 Mio. €.

  3. Regulatorische Reife und technologische Reife treffen sich
    Mit dem EU AI Act und der gefestigten DSGVO-Landschaft gibt es inzwischen klarere Rahmenbedingungen. Gleichzeitig sind KI-Modelle ab 2023/2024 erstmals gut genug, um juristische Aufgaben sinnvoll zu unterstützen – nicht nur simple Keyword-Suchen.

Der Punkt ist: Investoren wetten nicht darauf, dass Anwälte verschwinden, sondern darauf, dass jede Kanzlei künftig ein KI-gestütztes Betriebssystem für juristische Arbeit braucht – ähnlich selbstverständlich wie E-Mail oder ein Kanzleiverwaltungssystem.


2. Was macht KI konkret für Anwält:innen so spannend?

Für österreichische Rechtsanwält:innen ist die interessantere Frage nicht „Wie hoch ist das Investment?“, sondern: Welche realen Probleme in meinem Kanzleialltag löst KI?

Die Antwort: vor allem dort, wo viel Text, Standardisierung und Wiederholung im Spiel sind.

Typische Einsatzfelder in österreichischen Kanzleien

1. Vertragsanalyse und -erstellung

  • Automatisierte PrĂĽfung von Standardklauseln (z.B. Gewährleistung, Haftung, Gerichtsstand)
  • Hervorheben von „Red Flags“ in M&A-, Miet-, Arbeits- oder IT-Verträgen
  • Generierung von ersten VertragsentwĂĽrfen auf Basis von Vorlagen Ihrer Kanzlei

2. Rechtsrecherche und Argumentationsentwurf

  • Strukturierte Darstellung der relevanten Normen und Judikatur zu einer konkreten Frage
  • Erster Entwurf fĂĽr Schriftsätze, Rechtsgutachten oder E-Mails an Mandant:innen
  • Vergleich unterschiedlicher rechtlicher Argumentationslinien

3. Litigation- und Fallmanagement

  • Extraktion wichtiger Informationen aus umfangreichen Akten
  • Chronologien, Fact Sheets und Themenlisten auf Knopfdruck
  • UnterstĂĽtzung bei der Vorbereitung von Zeug:innenbefragungen (Fragenkataloge, Szenarien)

4. Kanzleimanagement und interne Abläufe

  • Zusammenfassen von Besprechungsnotizen und To-dos
  • KI-gestĂĽtzte Wissensdatenbank auf Basis bisheriger Fälle und Schriftsätze
  • Assistenz bei Fristenkontrolle und Aufgabenpriorisierung

Der entscheidende Punkt: KI ersetzt keine juristische Bewertung, sondern verschiebt den Schwerpunkt. Weniger Tipparbeit, mehr Strategie und Beratung.


3. Was lernen wir von Start-ups wie Legora & Co.?

Nathalia Schomerus arbeitet als Legal Innovation Lead an genau dieser Schnittstelle zwischen Jura und KI. Start-ups wie Legora zeigen, wie eine moderne „KI für Anwälte“-Plattform in der Praxis aussieht.

Typische Merkmale moderner Legal-KI-Plattformen

Eine ernstzunehmende KI-Lösung für Kanzleien 2025 hat meist folgende Eigenschaften:

  • Juristisch trainierte Modelle: nicht nur generische Sprachmodelle, sondern auf juristische Texte optimierte Systeme
  • Datenhaltung in Europa: Hosting in der EU, DSGVO-konforme Verarbeitung, Rollen- und Rechtekonzepte
  • Mandantengeheimnis im Fokus: keine Weiterverwendung von Fallinhalten zum Training fremder Modelle
  • Integration in bestehende Systeme: Anbindung an DMS, Kanzleisoftware oder E-Mail
  • Nachvollziehbarkeit: Zitate, Fundstellen, Quellen – keine „Black Box“-Antworten ohne Belege

Genau hier fließen die 80 Millionen Euro hin: nicht in bunte Oberflächen, sondern in Datensicherheit, Modellqualität, Domainwissen und Integrationen.

Warum gerade jetzt ein guter Einstiegszeitpunkt ist

Bis 2022/2023 waren viele KI-Tools schlicht zu ungenau oder zu riskant im Umgang mit sensiblen Daten. 2024/2025 hat sich das deutlich geändert:

  • Modelle sind besser im Umgang mit Fachsprache und langen Dokumenten
  • Anbieter reagieren auf strenge europäische Regulierungen
  • Immer mehr Produkte sind speziell fĂĽr den Rechtsmarkt im DACH-Raum entwickelt

Das Risiko liegt inzwischen weniger in der Nutzung – sondern im Nichtstun. Wer heute kein KI-Grundverständnis im Team aufbaut, wird in zwei bis drei Jahren bei Pricing, Geschwindigkeit und Service-Erwartung der Mandant:innen spürbar hinterherhinken.


4. Wie österreichische Kanzleien 2025 sinnvoll mit KI starten

Der größte Fehler ist, KI als „Großprojekt“ zu behandeln, das nur mit Strategiepapieren, Workshops und riesigen Budgets funktionieren kann. Die Praxis zeigt: Kleine, klar definierte Schritte funktionieren besser – und sind risikoarm.

Schritt 1: Ein Use Case, ein Team, ein Zeitraum

Wählen Sie einen konkreten Anwendungsfall, z.B.:

  • Vertrags-First-Review bei Standard-Mietverträgen
  • EntwĂĽrfe fĂĽr Mandantenanschreiben im Arbeitsrecht
  • Erstellung von Fallchronologien in Zivilverfahren

Dazu definieren Sie:

  • ein kleines Pilotteam (2–5 Personen),
  • einen Testzeitraum (z.B. 6–8 Wochen),
  • klare Kriterien: Wann ist KI eine Hilfe? Wann nicht? Wieviel Zeit wird gespart? Wie ändert sich die Qualität?

Schritt 2: Governance, bevor etwas produktiv läuft

Bevor Sie KI im Kanzleialltag breit ausrollen, brauchen Sie ein paar klare Regeln:

  • Welche Tools sind erlaubt – welche tabu?
    Ă–ffentliche, datenhungrige Systeme fĂĽr Mandatsdaten? Eher nein. Spezialisierte, EU-gehostete Legal-KI mit Vertraulichkeitsgarantie? Eher ja.

  • Wie kennzeichnen wir KI-generierte Inhalte?
    Z.B. interner Hinweis im Dokument: „Erstentwurf mit KI erstellt, manuell geprüft am 08.12.2025“.

  • Wer trägt die Verantwortung?
    Immer die Anwältin, nie das Tool. Das muss allen im Team klar sein.

Schritt 3: Schulung – aber praxisnah

Theorie ĂĽber KI-Modelle ist nett, bringt aber wenig fĂĽr den Kanzleialltag. Effektiver sind:

  • 60-Minuten-Sessions mit Live-Fällen aus der Kanzlei
  • Vorher/Nachher-Vergleiche (klassische Bearbeitung vs. mit KI-UnterstĂĽtzung)
  • Sammlung von „Prompts“, die im Team gut funktionieren, etwa:
    • „Fasse diesen 25-seitigen Vertrag in 10 Bulletpoints fĂĽr eine Unternehmerin zusammen, die keine Juristin ist.“
    • „Identifiziere ungewöhnliche Haftungs- oder KĂĽndigungsklauseln und erkläre sie verständlich.“

So wird KI nicht zum abstrakten Buzzword, sondern zu einem Werkzeug wie jede andere Software in Ihrer Kanzlei.


5. Häufige Bedenken – und wie man ihnen professionell begegnet

Wenn in Kanzleien über KI gesprochen wird, kommen fast immer dieselben Einwände. Viele davon sind berechtigt, aber lösbar.

„Gefährdet KI unser Mandantengeheimnis?“

Das ist die kritischste Frage – zu Recht. Die Antwort hängt vom Tool ab.

  • Seröse Legal-KI-Anbieter bieten kein Training auf Ihren Mandatsdaten an.
  • Daten bleiben in der EU, werden verschlĂĽsselt gespeichert und streng mandantenbezogen getrennt.
  • Sie können in der Kanzlei definieren: Welche Informationen dĂĽrfen nie in ein KI-System eingegeben werden?

Wer diese Punkte sauber regelt, kann KI nutzen, ohne das Berufsgeheimnis aufs Spiel zu setzen.

„Macht KI uns als Anwälte überflüssig?“

Realistisch: nein. Aber sie verändert, wofür Mandant:innen bereit sind, Ihre Stundensätze zu bezahlen.

  • FĂĽr reines Tippen von Standardverträgen wird kaum jemand 300 €/h zahlen, wenn es Alternativen gibt.
  • FĂĽr Einschätzungen, Strategie, Verhandlungstaktik, Risikobewertung und menschliche Beratung sehr wohl.

KI zwingt Kanzleien dazu, den eigenen Mehrwert klarer zu definieren – das ist eher Chance als Bedrohung.

„Unsere Mandant:innen akzeptieren das nie“

Die Erfahrung zeigt das Gegenteil. Viele Unternehmensjurist:innen fragen inzwischen aktiv:

„Nutzen Sie KI in Ihrer Kanzlei, um effizienter zu sein – und wie wirkt sich das auf Ihr Pricing aus?“

Wer hier eine gute Antwort hat, wirkt professioneller als die Kanzlei, die sagt: „Damit beschäftigen wir uns irgendwann.“


6. Warum sich der Blick nach Wien in den Grand Salon lohnt

Die Future-Law Legal Tech Konferenz hat sich im DACH-Raum zu einem Fixpunkt für alle entwickelt, die wissen wollen, wie Legal Tech und KI nicht nur in Präsentationen, sondern in der Praxis funktionieren.

Der Beitrag von Nathalia Schomerus mit dem Titel „Warum investiert jemand 80 Millionen Euro in ein KI Start-Up für AnwältInnen?“ ist dabei mehr als eine Investment-Story. Es geht um:

  • die wirtschaftliche Logik hinter Legal-KI,
  • konkrete Use Cases aus der Praxis,
  • und die Frage, wie sich die Rolle der Anwält:innen in den nächsten Jahren verschiebt.

Für die Serie „KI für österreichische Rechtsanwälte: LegalTech“ ist das ein zentraler Baustein: Wer versteht, warum Kapital in diesen Markt fließt, versteht auch, warum es für Kanzleien jetzt strategisch ist, sich zu positionieren.


Fazit: 80 Millionen GrĂĽnde, jetzt aktiv zu werden

Die 80 Millionen Euro für ein KI-Start-up für Anwält:innen sind kein abstraktes Zahlenspiel aus der Start-up-Welt. Sie sind ein sehr deutliches Signal: Juristische Arbeit wird in den nächsten Jahren standardmäßig KI-unterstützt sein – auch in österreichischen Kanzleien.

Wer heute klein anfängt – mit klaren Use Cases, guter Governance und praxisnahen Tests – baut sich einen Vorsprung auf, der sich nicht nur in Effizienz, sondern auch in Mandantenzufriedenheit und Mitarbeiterbindung auszahlt.

Die Frage lautet daher weniger: „Brauchen wir KI in unserer Kanzlei?“
Sondern eher: „Wie stellen wir sicher, dass wir in 2–3 Jahren nicht zu den wenigen Kanzleien gehören, die ihren Mandant:innen erklären müssen, warum sie ohne KI arbeiten?“