Agentic Commerce: Wie KI den Einkauf im Handwerk übernimmt

KI für Schweizer Handwerksbetriebe: Digitales HandwerkBy 3L3C

Agentic Commerce wird den Einkauf im Handwerk radikal verändern. Wie KI-Agenten für Schweizer Handwerksbetriebe Material, Werkzeug und Verbrauchsgüter beschaffen.

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Agentic Commerce: Wenn KI für Handwerksbetriebe einkauft

In vielen Schweizer Handwerksbetrieben frisst der Einkauf jede Woche mehrere Stunden: Preise vergleichen, Verfügbarkeiten prüfen, Alternativen suchen, Bestellungen auslösen, Rückfragen klären. Parallel klingelt das Telefon, die Baustelle wartet, Kunden wollen Offerten.

Genau hier setzt ein neuer Trend an: Agentic Commerce – also KI-Agenten, die eigenständig Produkte suchen, vergleichen, bestellen und bezahlen. Zahlungsdienstleister wie Unzer und Player wie PayPal und OpenAI arbeiten bereits an solchen Lösungen. In den USA gibt es fast wöchentlich neue Ankündigungen, Europa zieht gerade nach.

Für Schweizer KMU und Handwerksbetriebe ist das Thema nicht „nice to have“, sondern handfest: Wer Material, Werkzeug und Verbrauchsmaterial effizient beschafft, hat mehr Zeit für Kunden, Baustellen und Mitarbeiter – und spart Geld. Dieser Beitrag zeigt, was Agentic Commerce genau bedeutet, wie er funktioniert und wie Sie sich als Handwerkschef in der Schweiz jetzt sinnvoll darauf vorbereiten.


Was ist Agentic Commerce – und warum betrifft das das Handwerk?

Agentic Commerce beschreibt KI-Agenten, die den kompletten Einkaufsprozess eigenständig ausführen: von der Bedarfsermittlung bis zur Bezahlung.

Statt: „Ich logge mich in fünf Shops ein und bestelle“, läuft der Prozess so:

  1. Sie geben Ihrem KI-Agenten ein Ziel: z.B. „30 m² Eichenparkett, Landhausdiele, mindestens Nutzungsklasse 32, Lieferzeit max. 3 Tage, Budget 80 CHF/m² netto“.
  2. Der Agent durchsucht verschiedene Händler und Marktplätze.
  3. Er vergleicht Preise, Lieferzeiten, Bewertungen, Kompatibilität mit laufenden Projekten.
  4. Er schlägt Ihnen eine oder mehrere Optionen vor – oder bestellt in definierten Grenzen automatisch.
  5. Die Bezahlung läuft über hinterlegte Zahlungsdienste, z.B. via Zahlungsdienstleister wie Unzer oder andere PSPs.

„Damit wird die Welt ein grosser Marktplatz“, sagt Pascal Beij, CCO des Zahlungsdienstleisters Unzer. KI verbindet Bestellwunsch, Händler, Zahlung und Logistik in einem durchgängigen Prozess.

Für Handwerksbetriebe heisst das: Der Einkauf wandert schrittweise aus E-Mail-Postfächern und Telefonaten in automatisierte Agentenprozesse – gesteuert von Ihnen, aber nicht mehr von Hand ausgeführt.


Wie KI-Einkaufsagenten technisch funktionieren

Die gute Nachricht: Sie müssen kein IT-Experte sein, um Agentic Commerce zu nutzen. Aber ein grundlegendes Verständnis hilft bei Entscheidungen.

Bausteine eines KI-Einkaufsagenten

Ein typischer Agentic-Commerce-Flow besteht aus vier Komponenten:

  1. Sprachinterface (Prompting)
    Sie formulieren Ihren Bedarf in natürlicher Sprache: „Bestell bitte für Auftrag 24-318 die fehlenden Gipskartonplatten, gleiche Qualität wie beim ersten Bauabschnitt, Anlieferung spätestens Mittwoch.“

  2. Wissensbasis und Regeln
    Der Agent kennt:

    • Ihre bevorzugten Händler und Rahmenverträge
    • Ihre Preisgrenzen und Zahlungsbedingungen
    • Standards Ihres Betriebs (Marken, Qualität, Systeme)
    • Projekte, Lagerbestände und bisherige Bestellungen
  3. Anbindung an Shops und Marktplätze
    Über APIs greift der Agent auf Onlineshops, Marktplätze oder Grosshändler zu. Dort liest er Produktdaten, Verfügbarkeiten, Preise und Versandoptionen aus.

  4. Zahlungs- und Freigabe-Logik

    • Kleinbeträge bis z.B. 500 CHF: automatische Bestellung
    • Grössere Beträge: der Agent legt einen Vorschlag vor, Sie geben mit einem Klick frei
    • Bezahlung via Zahlungsdienstleister, Rechnung oder Firmenkarte

Die eigentliche Intelligenz steckt in der Orchestrierung: Der Agent verknüpft Informationen aus Ihrem Betrieb (Projekt, Lager, Budget) mit externen Daten (Shops, Preise, Lieferzeiten) und trifft darauf basierend Entscheidungen.


Konkrete Einsatzszenarien für Schweizer Handwerksbetriebe

Die spannendste Frage ist nicht „Was kann die Technik?“, sondern: Wo spart sie Ihnen morgen konkret Zeit und Geld? Hier ein paar typische Szenarien aus dem Schweizer Handwerk.

1. Verbrauchsmaterialien automatisch nachbestellen

Schrauben, Dübel, Schleifpapier, Dichtungsmaterial, Reinigungsmittel – meist läuft das so: Irgendwer merkt, dass etwas knapp wird, ruft schnell beim Händler an oder tippt eine E-Mail.

Mit Agentic Commerce können Sie z.B. Folgendes definieren:

  • Minimalbestände pro Artikel (z.B. über eine einfache Lager-App oder ERP)
  • Standardlieferanten und Alternativen
  • Maximalpreise und bevorzugte Verpackungseinheiten

Der KI-Agent:

  • überwacht die Bestände,
  • löst automatisch Bestellungen aus, sobald ein Mindestbestand unterschritten wird,
  • wählt den besten Anbieter nach Preis, Lieferzeit und Ihren Präferenzen.

Effekt: Weniger Notfallfahrten zum Baumarkt, weniger Hektik auf der Baustelle, bessere Einkaufskonditionen.

2. Materialbeschaffung nach Projektplanung

Im Rahmen unserer Serie „KI für Schweizer Handwerksbetriebe: Digitales Handwerk“ geht es oft um Terminplanung, Kundenkommunikation und Angebotserstellung. Agentic Commerce ergänzt das perfekt:

Wenn Angebote und Bauablauf bereits digital geplant sind, kann der KI-Agent:

  • aus dem Projektplan ableiten, wann welches Material auf welcher Baustelle benötigt wird,
  • Pakete bündeln (z.B. wöchentliche Sammelbestellungen für alle Baustellen),
  • Liefertermine so wählen, dass Lagerrisiko und Kapitalbindung gering bleiben.

Beispiel: Ein Malerbetrieb mit 12 Mitarbeitenden hat im Januar fünf grössere Aufträge. Der Agent sieht in der Planung, wann welche Flächen gespachtelt, grundiert und gestrichen werden. Er bestellt:

  • Spachtelmasse, Grundierung, Abdeckmaterial etc. rechtzeitig vor den jeweiligen Bauabschnitten,
  • berücksichtigt Feiertage (z.B. um Weihnachten/Neujahr) und Lieferzeiten,
  • achtet auf Staffelpreise und Lieferkosten.

3. Werkzeug und Maschinen gezielt beschaffen

Für grössere Anschaffungen – z.B. ein neuer Akku-Bohrhammer, ein Staubsauger der Staubklasse M oder ein Akku-System – eignet sich Agentic Commerce ebenfalls:

  • Sie formulieren Ihre Anforderungen (Leistung, Akkusystem, Kompatibilität, Budget).
  • Der Agent scannt Händler, Hersteller-Shops und Marktplätze.
  • Er berücksichtigt Bewertungen, Reparatur- und Serviceoptionen.
  • Er präsentiert Ihnen eine Shortlist mit klaren Vor- und Nachteilen.

Sie behalten die Entscheidungshoheit, haben aber in wenigen Minuten eine Entscheidungsgrundlage, für die sonst Stunden Recherche nötig wären.

4. Ad-hoc-Beschaffung von Ersatzteilen

Gerade im Servicegeschäft zählt Geschwindigkeit. Ein Ersatzteil ist defekt, der Kunde steht still. Hier kann ein KI-Agent:

  • über Artikelnummer, Foto oder Beschreibung das passende Ersatzteil identifizieren,
  • kompatible Alternativen vorschlagen,
  • den schnellsten Lieferweg priorisieren (Express vs. Standard),
  • direkt zum Kunden oder ins Lager liefern lassen.

Das spart Telefonate, Rückfragen und Fehler bei der Teilebestimmung.


Chancen und Risiken: Was Chefs wissen sollten

Agentic Commerce bietet klare Vorteile, ist aber kein Selbstläufer. Gerade in der Schweiz mit ihrer hohen Qualitätsorientierung und komplexen Lieferketten im Bau- und Handwerksbereich zählen saubere Regeln und Kontrolle.

Die wichtigsten Chancen

  • Zeitersparnis im Büro: Weniger manuelle Bestellungen, weniger E-Mail-Pingpong mit Lieferanten.
  • Bessere Einkaufskonditionen: KI vergleicht systematisch Preise und Lieferzeiten – auch bei Produkten, bei denen Sie „aus Gewohnheit“ immer beim selben Händler bestellen.
  • Weniger Fehler: Einheitliche Artikelstämme, klar definierte Produkte, weniger Vertipper und Missverständnisse am Telefon.
  • Transparenz: Alle Bestellungen laufen über ein zentrales System, Budgets und Projektkosten lassen sich besser auswerten.

Die wichtigsten Risiken

  • Fehlentscheidungen der KI: Wenn Regeln zu lax sind oder Daten falsch, kann der Agent ungeeignete oder zu teure Produkte bestellen.
  • Abhängigkeit von Plattformen: Wer alles über einen einzigen Marktplatz laufen lässt, macht sich abhängig und verliert Verhandlungsmacht.
  • Datenschutz & Compliance: Kundendaten, Projektinfos und Zahlungsdaten müssen sauber geschützt sein – gerade im Kontext Schweizer Datenschutzrecht.

Deshalb halte ich folgende Grundregel für sinnvoll:

„Automatisieren, wo es ungefährlich ist – kontrollieren, wo es teuer oder kritisch wird.“

Verbrauchsmaterialien bis zu einem definierten Betrag? Automatisch. Spezialmaterial für eine denkmalgeschützte Fassade? Immer mit Chef-Freigabe.


So bereiten sich Schweizer Handwerksbetriebe jetzt vor

Sie müssen nicht warten, bis „die grosse Plattform“ alles anbietet. Sie können 2026 schon viel tun, um später Agentic Commerce reibungslos einzuführen.

1. Stammdaten und Prozesse in Ordnung bringen

KI braucht Struktur. Prüfen Sie:

  • Gibt es eine saubere Artikelliste (Material, Werkzeug, Verbrauchsmaterial) mit klaren Bezeichnungen?
  • Sind Standardlieferanten pro Artikelgruppe definiert?
  • Gibt es Regeln zu Mindestbeständen, bevorzugten Marken und Alternativen?

Je klarer Ihre „Spielregeln“, desto besser wird ein Einkaufsagent arbeiten.

2. Kleine Automatisierungsschritte testen

Noch bevor ein echter KI-Agent einkauft, können Sie mit einfachen Mitteln starten:

  • Digitale Bestellformulare pro Baustelle
  • E-Mail-Automation: Bestellmails aus einem Formular werden automatisch erstellt
  • ERP- oder Handwerkersoftware: Serienbestellungen, Lieferantenzuordnung, Budgetüberwachung nutzen

Diese Schritte sind Teil des grösseren Themas unserer Serie „KI für Schweizer Handwerksbetriebe: Digitales Handwerk“: Erst wenn Grundprozesse digital laufen, lohnt sich der Einsatz intelligenter Agenten wirklich.

3. KI-Assistenz im Einkauf ausprobieren

Viele KI-Tools können heute schon helfen, ohne gleich Bestellungen selbst auszulösen:

  • Produktrecherche per KI-Chat (z.B. Alternativen, technische Unterschiede, Normen)
  • Textbausteine für Lieferantenanfragen
  • Auswertung von Preislisten und Rabattstaffeln

Sie behalten die Kontrolle, aber nutzen KI als „Einkaufsberater“, bevor sie später zum „Einkaufsagenten“ wird.

4. Klare Governance definieren

Bevor ein Agent für Sie bestellt, sollten drei Dinge feststehen:

  1. Wer legt die Regeln fest? (z.B. Inhaber, Geschäftsleitung)
  2. Ab welchen Beträgen oder Risiken ist eine manuelle Freigabe Pflicht?
  3. Wie werden Fehler behandelt? (z.B. Retourenprozess, Reklamationen)

Wenn Sie diese Leitplanken von Beginn an setzen, bleibt Agentic Commerce ein Werkzeug in Ihrer Hand – und nicht umgekehrt.


Ausblick: Wie schnell kommt Agentic Commerce wirklich?

Pascal Beij von Unzer ist überzeugt, dass Agentic Commerce schneller kommen wird, als viele denken. Die Bausteine sind schon da: KI-Systeme wie ChatGPT, Zahlungsdienstleister, Marktplätze, Handwerkersoftware mit API-Schnittstellen.

Für Schweizer Handwerksbetriebe sehe ich drei Phasen:

  1. 2025/2026 – Assistenzphase: KI hilft bei Recherche, Angeboten, Terminplanung und ersten Einkaufsvorschlägen.
  2. 2027/2028 – Teilautomatisierung: Verbrauchsmaterialien, Standardprodukte und einfache Ersatzteile werden automatisiert bestellt, meist mit Budgetlimits.
  3. Ab 2028 – Vollintegrierte Agenten: KI-Einkaufsagenten hängen direkt am ERP, kennen Lager, Projekte, Cashflow und steuern den Grossteil des Einkaufs.

Wer heute seine Prozesse digitalisiert, Stammdaten pflegt und sich mit KI im Alltag vertraut macht, wird von dieser Entwicklung massiv profitieren. Wer wartet, muss später nicht nur Technik nachholen, sondern auch Organisations- und Kulturthemen auf einmal lösen.

Agentic Commerce ist kein Science-Fiction-Thema, sondern die logische Fortsetzung dessen, was viele Schweizer Handwerksbetriebe mit digitaler Terminplanung, Kundenkommunikation und Materialmanagement bereits begonnen haben.

Wenn Sie den Einkauf in Ihrem Betrieb in den nächsten Jahren effizienter, transparenter und stressfreier machen wollen, lohnt es sich, das Thema jetzt aktiv auf die Agenda zu setzen.

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