Agentic Commerce: Wie KI den Einkauf im Handwerk verÀndert

KI fĂŒr Schweizer Handwerksbetriebe: Digitales Handwerk‱‱By 3L3C

Agentic Commerce wird den Einkauf im Handwerk stark verĂ€ndern. Wie Schweizer KMU KI-Agenten fĂŒr Beschaffung und Materialmanagement vorbereiten und sinnvoll nutzen können.

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Agentic Commerce: Wie KI den Einkauf im Handwerk verÀndert

2024 haben Schweizer KMU im Durchschnitt rund 10–15 % ihrer Arbeitszeit mit Administration und Beschaffung verbracht – bei vielen Handwerksbetrieben fĂŒhlt es sich nach deutlich mehr an. Materialpreise vergleichen, VerfĂŒgbarkeiten checken, Bestellungen auslösen, Nachfragen beantworten: Das frisst Stunden, in denen niemand auf der Baustelle steht oder bei der Kundin im Bad die Arbeiten fertig macht.

Hier kommt ein Begriff ins Spiel, den wir in der Serie „KI fĂŒr Schweizer Handwerksbetriebe: Digitales Handwerk“ nicht ignorieren können: Agentic Commerce. Also KI-Agenten, die im Hintergrund fĂŒr Sie einkaufen – von der Produktsuche bis zur Bezahlung.

Dieses Thema klingt nach Zukunftsmusik, betrifft aber sehr konkret die nĂ€chsten zwei bis fĂŒnf Jahre. Und zwar nicht nur Konzerne, sondern gerade kleine und mittlere Handwerksbetriebe in der Schweiz, die heute schon unter FachkrĂ€ftemangel und Kostendruck leiden.

In diesem Beitrag geht es darum, was Agentic Commerce ist, wie er den Einkauf im Handwerk verĂ€ndert – und wie Sie sich jetzt als Schweizer Handwerkschef sinnvoll darauf vorbereiten können.


Was ist Agentic Commerce – in Worten, die ein Meister versteht?

Agentic Commerce bedeutet: Digitale KI-Agenten ĂŒbernehmen eigenstĂ€ndig Einkaufsaufgaben, die heute Menschen machen. Sie bekommen einen Auftrag – zum Beispiel „normgerechte BrandschutztĂŒren fĂŒr ein Mehrfamilienhaus, Lieferung bis 15.01.2026, Budget 12’000 CHF“ – und erledigen dann alles weitere:

  • Produkte recherchieren
  • technische Daten und Normen prĂŒfen
  • Preise und Lieferzeiten vergleichen
  • die beste Option auswĂ€hlen
  • Bestellung auslösen
  • Bezahlung anstossen

Der Punkt ist: Diese KI-Agenten handeln zielorientiert und mehrstufig. Sie sind nicht nur ein Chatbot, der eine Antwort schreibt, sondern ein digitaler EinkÀufer.

„Damit wird die Welt ein grosser Marktplatz“, sagt Pascal Beij, CCO beim Zahlungsdienstleister Unzer. ChatGPT und Ă€hnliche Systeme werden zu Einkaufsagenten – fĂŒr Konsumenten und Unternehmen.

FĂŒr Handwerksbetriebe heisst das: Der klassische Weg „GrosshĂ€ndler-Webshop öffnen, Artikelnummer suchen, Warenkorb fĂŒllen, bezahlen“ wird Schritt fĂŒr Schritt von Agenten ĂŒbernommen, die direkt mit Ihrem ERP, Ihrer Buchhaltung und Ihren Lieferanten sprechen.


Warum Agentic Commerce gerade fĂŒrs Handwerk so spannend ist

FĂŒr Industrie und E‑Commerce ist das Thema klar. Aber warum lohnt sich Agentic Commerce speziell fĂŒr Schweizer Handwerker? Drei GrĂŒnde stechen heraus.

1. Weniger Einkaufs-Stress im TagesgeschÀft

Viele Chefs im Handwerk kennen die Situation:

  • 06:30 Uhr: Erstmal Material fĂŒr die Baustellen des Tages zusammentrommeln
  • WĂ€hrend der Fahrt: Zwischen zwei Telefonaten beim HĂ€ndler anrufen
  • Abends: Schnell noch fehlende Teile online bestellen

Ein Agentic-Commerce-System nimmt Ihnen grosse Teile davon ab. Der Agent weiss:

  • Welche Projekte laufen
  • Welche Materialien dafĂŒr standardmĂ€ssig gebraucht werden
  • Welche MindestbestĂ€nde im Lager gelten
  • Welche Lieferanten bevorzugt sind

Er löst Standardbestellungen automatisch aus und meldet sich nur, wenn etwas nicht ins Raster passt – zum Beispiel, wenn der Preis plötzlich stark steigt oder ein Teil nicht lieferbar ist.

2. Bessere Preise und Konditionen ohne stundenlanges Vergleichen

Die RealitĂ€t im Handwerk: Man bleibt oft beim vertrauten HĂ€ndler, auch wenn der nicht immer am gĂŒnstigsten ist. Die Zeit, zehn Angebote einzuholen, hat niemand.

Ein KI-Einkaufsagent kann:

  • parallel bei mehreren Lieferanten anfragen
  • Rabatte, Staffelpreise und Lieferkosten einbeziehen
  • historische Preise aus Ihrem System berĂŒcksichtigen
  • Total Cost beurteilen (Preis + Lieferzeit + QualitĂ€t + Reklamationsquote)

Am Ende steht eine Empfehlung: „Variante A: schneller, etwas teurer – Variante B: gĂŒnstiger, lĂ€ngere Lieferzeit“. Sie entscheiden, der Agent setzt um.

3. Weniger Fehler, mehr Transparenz

Falsche Artikelnummer, veraltete Norm, falsche Dimension – Beschaffungsfehler kosten im Handwerk richtig Geld. Ein KI-Agent gleicht technische DatenblĂ€tter und Normen systematisch ab und dokumentiert Entscheidungen sauber in Ihrem System.

Das ist nicht nur effizienter, sondern hilft auch bei:

  • Garantie- und GewĂ€hrleistungsfĂ€llen
  • QS-Dokumentation gegenĂŒber Bauherren
  • Nachkalkulation und Controlling

Konkret: So könnte der Einkauf im Schweizer Handwerksbetrieb 2027 aussehen

Damit das nicht abstrakt bleibt, ein praxisnahes Szenario fĂŒr einen Schweizer Betrieb, z.B. einen SanitĂ€r- und Heizungsbetrieb mit 15 Mitarbeitenden.

Schritt 1: Bedarfserkennung durch KI statt BauchgefĂŒhl

Das ERP-System kennt:

  • alle laufenden Projekte
  • geplante Termine (aus der KI-gestĂŒtzten Terminplanung)
  • Materiallisten pro Projekt

Der KI-Agent ĂŒberwacht die LagerbestĂ€nde. Sobald bestimmte Mindestmengen unterschritten werden oder ein Projekt in die heisse Phase geht, erstellt er BestellvorschlĂ€ge:

„FĂŒr Projekt ‘MFH ZĂŒrichstrasse 22’ fehlen 6 WC-Anlagen, 4 Duschen, 12 Heizkörper. GeschĂ€tzte Lieferzeiten: 5–7 Tage. Vorschlag: Bestellung heute auslösen.“

Schritt 2: Intelligente Lieferantenauswahl

Der Agent kennt Ihre bevorzugten Lieferanten, RahmenvertrÀge und Schweizer Besonderheiten wie:

  • Lieferzeiten in abgelegene Regionen
  • Verzollung/Importthemen bei grenznahen Bestellungen
  • typische Ferienzeiten, in denen Lieferketten stocken

Er vergleicht Angebote und unterbreitet Ihnen eine Empfehlung – in Ihrem gewohnten Tool (ERP, E‑Mail-Übersicht oder einer App).

Schritt 3: Automatisierte Bestellung und Bezahlung

Sie haben dem Agent vorher klare Regeln gegeben:

  • Budgetgrenzen (z.B. „Alles unter 2’000 CHF/Bestellung darf der Agent ohne RĂŒckfrage auslösen“)
  • Lieferanten-PrioritĂ€ten
  • Zahlungsarten (Rechnung, digitale Zahlung, Skonto-Nutzung)

Innerhalb dieser Leitplanken bestellt der Agent selbststĂ€ndig und stösst die Bezahlung an – inklusive korrekter Verbuchung in der Buchhaltung.

Schritt 4: RĂŒckkopplung ins System

Eingangslieferscheine werden per Scan oder E-Mail automatisch erkannt, vom KI-System der Bestellung zugeordnet und im ERP verbucht. Fehlt etwas oder stimmt eine Menge nicht, meldet der Agent den Abweichungsfall und schlÀgt gleich eine Reklamations-E-Mail vor.

Ergebnis: Der menschliche Einkauf konzentriert sich auf Sonderteile, Speziallösungen und Verhandlungen – nicht mehr auf Standardmaterial.


Was brauchen Schweizer Handwerksbetriebe, um Agentic Commerce zu nutzen?

Der grosse Irrtum wĂ€re zu denken: „Wenn das kommt, drĂŒcke ich irgendwann auf einen Knopf und alles lĂ€uft.“ So funktioniert es nicht. Wer spĂ€ter Agentic Commerce nutzen will, sollte heute drei Grundlagen schaffen.

1. Saubere Daten und Prozesse

KI-Agenten sind nur so gut wie die Daten, die sie bekommen. Das heisst konkret:

  • ArtikelstĂ€mme aufrĂ€umen (Dubletten, veraltete Artikel entfernen)
  • Einheiten vereinheitlichen (nicht gleichzeitig „m“, „Meter“ und „mt“ nutzen)
  • Lieferanten sauber anlegen mit Konditionen und Zahlungszielen
  • Projekte im ERP konsequent pflegen

Ich habe in vielen Betrieben erlebt: Schon allein diese AufrĂ€umarbeit bringt spĂŒrbar Ordnung und spart Zeit – selbst ohne KI.

2. Digitale Systeme, die miteinander sprechen

Agentic Commerce braucht Schnittstellen. Wenn Sie heute noch mit:

  • Excel-Listen
  • Fax-Bestellungen
  • E-Mail-Chaos

arbeiten, wird ein Agent kaum sinnvoll agieren können. Der Weg fĂŒhrt ĂŒber:

  • ein ERP oder Branchentool, das Sie wirklich nutzen
  • digitale Dokumentenverwaltung
  • möglichst standardisierte Bestellung ĂŒber Schnittstellen oder E‑Procurement

FĂŒr Schweizer KMU gibt es inzwischen mehrere branchenspezifische Lösungen, die KI-Funktionen fĂŒr Angebotserstellung, Terminplanung und Materialmanagement integrieren – genau hier schliesst Agentic Commerce in den nĂ€chsten Jahren an.

3. Klare Regeln und Verantwortlichkeiten

Ein Einkaufsagent braucht Leitplanken, keine völlige Freiheit. Typische Regeln:

  • Bis zu welchem Betrag darf der Agent selbst bestellen?
  • Welche Produktgruppen sind freigegeben, welche nur nach Freigabe des Chefs?
  • Welche Lieferanten sind bevorzugt, welche nur im Notfall?
  • Wann muss der Agent zwingend nachfragen (z.B. bei Preissteigerung > 15 %)?

Je klarer diese Regeln sind, desto entspannter wird die EinfĂŒhrung – und desto geringer das Risiko von Fehlbestellungen.


Risiken und Grenzen: Wo Handwerkschefs wachsam bleiben mĂŒssen

Agentic Commerce ist kein SelbstlÀufer. Es gibt Punkte, bei denen ich ganz klar sage: Hier muss der Mensch Chef bleiben.

Datenschutz und Schweizer Regulierung

Gerade in der Schweiz sind Themen wie Datenschutz, Datenspeicherung und Vertraulichkeit sensibel. Bevor Sie KI-Agenten mit Kunden- und Projektdaten arbeiten lassen, sollten Sie klÀren:

  • Wo liegen die Daten (Schweiz, EU, Drittstaat)?
  • Wie werden Lieferantendaten und Preise geschĂŒtzt?
  • Wer haftet bei Fehlentscheidungen des Agenten?

AbhÀngigkeit von wenigen Plattformen

Wenn in Zukunft ein paar grosse Anbieter den Markt der KI-Einkaufsagenten dominieren, entsteht eine neue AbhÀngigkeit. Schweizer Handwerksbetriebe sollten daher darauf achten:

  • auf offene Schnittstellen zu setzen
  • DatenportabilitĂ€t zu sichern (Daten exportierbar halten)
  • nicht alle Prozesse komplett in eine Plattform zu verlagern

Fachwissen bleibt unverzichtbar

So gut ein Agent technische Daten vergleichen kann:

  • Ein erfahrener SanitĂ€r sieht, ob ein Produkt zur realen Bausituation passt.
  • Ein Elektriker weiss, wie tolerant ein Bauherr bei Marken ist.
  • Ein Schreiner kennt die Haptik, die der Kunde erwartet.

KI ersetzt dieses Erfahrungswissen nicht. Sie nimmt Routinearbeit weg, damit mehr Zeit fĂŒr Beratung und QualitĂ€t bleibt.


Erste Schritte: Wie Sie 2026 pragmatisch starten können

Sie mĂŒssen nicht warten, bis „Agentic Commerce“ als fertiges Produkt im Regal liegt. Vieles, was wir beschrieben haben, lĂ€sst sich heute schon mit KI im Einkauf vorbereiten oder teilweise umsetzen.

1. Kleine Pilotprojekte statt grosser Masterplan

Starten Sie mit einem klar abgegrenzten Bereich, zum Beispiel:

  • wiederkehrende Standardmaterialien (Schrauben, DĂŒbel, Rohre, Kabel)
  • Verbrauchsmaterial im Lager (Handschuhe, Schleifscheiben, Reinigungsmittel)

Hier können Sie mit einem KI-gestĂŒtzten Bestellvorschlags-System arbeiten und Erfahrungen sammeln, bevor Sie komplexere und teurere Teile einbeziehen.

2. KI-Assistenten in bestehenden Tools nutzen

Viele ERP- und Branchensoftwares fĂŒr Schweizer KMU beginnen, KI-Assistenten zu integrieren – etwa fĂŒr:

  • automatische Angebotserstellung aus Notizen oder WhatsApp-Nachrichten
  • intelligente Terminplanung mit Monteuren
  • VorschlĂ€ge fĂŒr Materiallisten aus Projekttypen

Diese Funktionen sind kein „voller Agentic Commerce“, aber ein sehr guter Einstieg, um Vertrauen in KI im Arbeitsalltag aufzubauen.

3. Team mitnehmen und Ängste ernst nehmen

Wenn Mitarbeitende das GefĂŒhl bekommen „Die KI nimmt mir meinen Job weg“, blockiert das jede EinfĂŒhrung. Besser ist eine offene Haltung:

  • klar sagen, welche Aufgaben wegfallen sollen (z.B. eintönige Bestellroutinen)
  • zeigen, welche TĂ€tigkeiten an Bedeutung gewinnen (Beratung, Kundenkontakt, QualitĂ€tssicherung)
  • Mitarbeitende in die Definition der Regeln fĂŒr den Einkaufsagenten einbeziehen

Wer sein Team frĂŒh mitnimmt, hat spĂ€ter deutlich weniger Widerstand bei grösseren Schritten.


Fazit: Agentic Commerce wird kommen – die Frage ist, wie vorbereitet Sie sind

Agentic Commerce ist nicht nur ein Buzzword aus den USA. Die VerknĂŒpfung von KI-Agenten mit Bezahldienstleistern, MarktplĂ€tzen und Branchentools ist bereits im Gang – und sie wird den Einkauf im Handwerk grundlegend verĂ€ndern.

FĂŒr Schweizer Handwerksbetriebe liegt darin eine Chance:

  • weniger Administrationsaufwand,
  • bessere Einkaufskonditionen,
  • weniger Fehler,
  • mehr Zeit fĂŒr Kundinnen und Projekte.

Die Betriebe, die heute in digitale Grundlagen, saubere Daten und erste KI-Anwendungen wie Terminplanung, Kundenkommunikation, Angebotserstellung und Materialmanagement investieren, sind in ein paar Jahren bereit, Agentic Commerce praktisch „einzuschalten“.

Wer dagegen wartet, bis alle darĂŒber reden, muss unter Zeitdruck Strukturen nachziehen.

Die Frage ist also nicht, ob KI-Einkaufsagenten ins Handwerk kommen, sondern: Sind Sie einer der Betriebe, die sie aktiv gestalten – oder einer, der spĂ€ter hinterherlĂ€uft?