Agentic Commerce nimmt Schweizer Handwerksbetrieben den Einkaufs-Stress ab. Erfahre, wie KI-Agenten Material bestellen, Kosten senken und Abläufe vereinfachen.
Agentic Commerce: Was auf Schweizer Handwerksbetriebe zukommt
Die meisten Handwerksbetriebe verbringen jeden Monat mehrere Stunden mit Materialbestellungen, Preisvergleichen und Nachbestellungen. Zeit, in der kein Bad renoviert, keine Wärmepumpe installiert und keine Fassade gedämmt wird.
Genau hier setzt Agentic Commerce an: Künstliche Intelligenz übernimmt den Einkauf – von der Bedarfserkennung über den Vergleich von Lieferanten bis zur Bezahlung. In den USA laufen bereits erste Tests, Zahlungsdienstleister wie PayPal arbeiten mit OpenAI zusammen, damit KI-Agenten eigenständig einkaufen können. Die Prognose von Experten wie Pascal Beij (CCO beim Zahlungsdienstleister Unzer): „Das kommt schneller, als viele denken.“
Für die Serie „KI für Schweizer Handwerksbetriebe: Digitales Handwerk“ ist Agentic Commerce ein zentrales Puzzleteil. Denn wer Planung, Kundenkommunikation und Angebotserstellung digitalisiert, sollte den Einkauf nicht analog zurücklassen.
Was ist Agentic Commerce – und was macht die KI genau?
Agentic Commerce bedeutet: Ein KI-Agent übernimmt Einkaufsprozesse eigenständig, statt dass Menschen jeden Schritt manuell auslösen.
Konkret kann ein KI-Einkaufsagent:
- Bedarf erkennen (z.B. „Lagerbestand Schrauben M8 < Mindestmenge“)
- passende Produkte und Lieferanten suchen
- Preise, Lieferzeiten und Qualität vergleichen
- Bestellungen auslösen
- Zahlungen anstoĂźen oder vorbereiten
- Belege sauber in der Buchhaltung ablegen
Statt zehnmal im Monat Kleinbestellungen auszulösen, definierst du als Geschäftsführerin oder Geschäftsführer einmal die Regeln – der Rest läuft im Hintergrund.
Kernidee: Du steuerst die Strategie, die KI erledigt die Routine.
Für Schweizer KMU im Handwerk ist das besonders spannend, weil Material- und Werkzeugkosten oft 30–50 % der Projektkosten ausmachen. Schon kleine Optimierungen im Einkauf wirken direkt auf die Marge.
Warum Agentic Commerce gerade jetzt relevant wird
Agentic Commerce ist kein ferner Zukunftstraum mehr. Drei Entwicklungen beschleunigen den Trend massiv:
1. Reife KI-Modelle
Systeme wie GPT-4, Claude oder spezialisierte Einkaufs-KIs können heute Texte verstehen, Angebote vergleichen, Bedingungen prüfen und Vorschläge machen, die vor drei Jahren noch undenkbar waren.
2. Zahlungsdienstleister und Marktplätze ziehen nach
In den USA verbinden sich Zahlungsdienstleister mit KI-Plattformen, damit KI-Agenten direkt bezahlen können. Pascal Beij sagt dazu sinngemäss: „Die Welt wird ein grosser Marktplatz.“ Das heisst: Der Agent muss nicht mehr jeden Shop einzeln ansteuern, sondern kann über große Payment-Hubs viele Händler erreichen.
3. Druck im Schweizer Handwerk
- Fachkräftemangel: Jede eingesparte Stunde Administration kann produktiv auf der Baustelle genutzt werden.
- Margendruck: Materialpreise schwanken, Rabatte sind intransparent, Lieferzeiten kritisch.
- Digitalisierungsschub: Viele Betriebe haben 2023/2024 DMS, ERP, CRM oder Zeiterfassung eingeführt – perfekte Grundlage für automatisierten Einkauf.
Hier passt Agentic Commerce nahtlos in die Reihe mit KI-gestĂĽtzter Terminplanung, smarter Angebotserstellung und automatisierter Kundenkommunikation, ĂĽber die wir in dieser Serie bereits sprechen.
Konkrete Einsatzszenarien im Schweizer Handwerk
Einkauf mit KI klingt abstrakt, wird aber sehr konkret, wenn man es auf typische Gewerke herunterbricht.
1. Lager- und Materialmanagement
Problem: Materialengpässe, übervolle Lager oder hektische Expressbestellungen kurz vor Montagebeginn.
So hilft ein KI-Agent:
- überwacht Lagerbestände und Mindestmengen
- erkennt Verbrauchsmuster (z.B. Jahreszeit, Auftragsvolumen)
- erstellt Vorschläge für Sammelbestellungen
- prĂĽft bei jedem Artikel mehrere Lieferanten
- löst Bestellungen automatisch aus – nach definierten Regeln
Beispiel Sanitärbetrieb:
„Wenn Lagerbestand Fittings Typ X < 30 Stück UND aktuelles Auftragsvolumen hoch = automatische Nachbestellung von 200 Stück beim günstigsten Lieferanten mit Lieferzeit < 3 Tage.“
2. Projektbezogener Einkauf
Problem: FĂĽr jedes Projekt erneut Preisanfragen schreiben, PDFs durchsuchen, Rabatte prĂĽfen.
Möglicher Ablauf mit Agentic Commerce:
- Du erstellst das Angebot im ERP oder mit einem KI-gestĂĽtzten Angebots-Tool.
- Der Einkaufsagent liest die StĂĽckliste automatisch aus.
- Er holt Preise bei definierten Lieferanten ein.
- Er bewertet Kombinationen aus Preis, Lieferzeit, Lieferzuverlässigkeit.
- Er schlägt dir die beste Variante vor – oder bestellt nach deinen Regeln direkt.
Das spart nicht nur Zeit, sondern sorgt fĂĽr konsistente, nachvollziehbare Einkaufspolitik.
3. Werkzeug- und Maschinenbeschaffung
Grössere Anschaffungen (z.B. Akku-Systeme, Gerüste, Maschinen) sind komplexer. Hier sollte die KI eher beratend als vollautomatisch agieren.
Die KI kann:
- Erfahrungsberichte und Tests auswerten
- Total Cost of Ownership berechnen (Anschaffung, Verbrauchsmaterial, Wartung)
- Kompatibilität mit bestehendem System prüfen
- Finanzierungsvarianten vergleichen (Kauf, Leasing, Miete)
Du entscheidest am Ende – aber mit deutlich besserer Informationsbasis und weniger Rechercheaufwand.
Chancen fĂĽr Schweizer Handwerksbetriebe
FĂĽr Schweizer KMU im Handwerk bringt Agentic Commerce vier wesentliche Vorteile.
1. Massive Zeitersparnis im BĂĽro
In vielen Betrieben sitzen die Chefs abends noch im Büro und „machen schnell den Einkauf“. Genau diese Aufgaben sind ideal für KI-Agenten:
- Standardprodukte nachbestellen
- Angebote vergleichen
- Belege sortieren und digital ablegen
Wer pro Woche nur 2 Stunden Einkaufsaufwand spart, gewinnt über das Jahr gerechnet mehr als 100 Stunden – das entspricht gut zweieinhalb Arbeitswochen.
2. Bessere Einkaufspreise und Konditionen
Eine KI kann systematisch vergleichen, was Menschen oft aus ZeitgrĂĽnden nicht schaffen. Sie achtet zum Beispiel auf:
- Staffelpreise
- projektĂĽbergreifende Sammelbestellungen
- Lieferanten, die sich bei bestimmten Produktgruppen besonders lohnen
Damit lässt sich der Wareneinsatz messbar senken, ohne an Qualität zu sparen. Gerade bei Materialanteilen von 30–50 % des Umsatzes lohnt sich jeder Prozentpunkt.
3. Weniger Stress, weniger Fehler
Typische Fehler im Alltag:
- falsche Artikelnummer bestellt
- Mengen vertauscht
- Fristen fĂĽr Skonto verpasst
Ein sauber eingerichteter KI-Agent kann genau solche Fehler stark reduzieren. Er prĂĽft automatisch:
- Plausibilität der Mengen
- Vollständigkeit der Bestellung
- Zahlungsfristen und Skontomöglichkeiten
4. Bessere Datenbasis fĂĽr Steuerung und Kalkulation
Agentic-Commerce-Systeme erzeugen automatisch strukturierte Daten:
- Welche Produkte werden wie oft bestellt?
- Wo entstehen regelmässig Expresskosten?
- Welcher Lieferant ist wirklich zuverlässig?
Das stärkt deine Kalkulation, Nachkalkulation und Preisstrategie – ein wichtiger Baustein in jeder Digitalisierungsstrategie.
Risiken, Grenzen und rechtliche Fragen
Trotz aller Chancen ist Agentic Commerce kein Selbstläufer. Drei Punkte solltest du als Schweizer Handwerkschefin oder -chef im Blick haben.
1. Kontrolle und Freigaben bleiben Chefsache
Vollautomatischer Einkauf klingt verlockend, aber:
- Setze Freigabegrenzen (z.B. „bis 500 CHF auto, darüber manuelle Freigabe“).
- Definiere No-Go-Produkte, die nie automatisch bestellt werden.
- Lass dir regelmässige Reports über Bestellungen erstellen.
Die Haltung sollte sein: „Die KI arbeitet für mich, aber sie entscheidet nicht über meinen Kopf hinweg.“
2. Datenschutz und Compliance
Gerade in der Schweiz sind Datenschutz und Datensicherheit zu Recht ein sensibles Thema.
Achte auf:
- Datenhaltung in der Schweiz oder EU-konform
- klare Verträge mit Software- und Zahlungsdienstleistern
- Rollen- und Rechtekonzepte im Betrieb (wer darf was freigeben?)
3. Abhängigkeit von Plattformen
Wie bei jeder Digitalisierung gilt: Nicht alles auf eine Karte setzen.
- PrĂĽfe, ob sich Daten exportieren lassen.
- Achte auf offene Schnittstellen (API) zu deinem ERP, Lager und Buchhaltung.
- Halte Kernprozesse so dokumentiert, dass du im Notfall auch ohne KI arbeiten kannst.
So starten Schweizer Handwerksbetriebe pragmatisch
Der Einstieg in Agentic Commerce muss kein Grossprojekt sein. Besser ist schrittweise vorgehen und Erfahrungen sammeln.
Schritt 1: Status quo klären
Stell dir ein paar knackige Fragen:
- Wie viel Zeit verbringt dein Betrieb pro Woche mit Bestellung und Einkauf?
- Welche Materialien verursachen den meisten Aufwand?
- Welche Systeme nutzt du heute schon (ERP, Lager, Buchhaltung)?
Das ergibt eine erste Prioritätenliste.
Schritt 2: Ein klar abgegrenztes Pilotprojekt wählen
Bewährt hat sich:
- Nur eine Produktgruppe (z.B. Schrauben, DĂĽbel, Kabel, Standardrohre)
- Nur 1–2 Lieferanten, mit denen du ohnehin viel arbeitest
- Klare Regeln, z.B. Mindestbestand, Maximalwert pro Bestellung
Hier kann die KI zunächst Vorschläge machen, die du manuell bestätigst. So baust du Vertrauen auf.
Schritt 3: Systeme verknĂĽpfen
FĂĽr echtes Agentic Commerce mĂĽssen Systeme miteinander sprechen:
- Lager- oder Artikelliste
- ERP / Auftragsplanung
- Buchhaltung bzw. Zahlungsdienstleister
Viele Anbieter im Schweizer Markt (ERP-Systeme fürs Handwerk, Zahlungsdienstleister, E-Commerce-Plattformen) arbeiten bereits an entsprechenden Integrationen – oft unter Stichworten wie „KI-Assistent“, „Smart Ordering“ oder „automatischer Einkauf“.
Schritt 4: Regeln nachjustieren und Schritt fĂĽr Schritt erweitern
Sobald der Pilot zuverlässig läuft, kannst du
- weitere Produktgruppen hinzufĂĽgen
- Freigabegrenzen anpassen
- bestimmte Bestellungen ganz automatisieren
Ein sinnvoller Weg: vom Vorschlagsmodus in den Automatikmodus wechseln, sobald die Daten zeigen, dass die KI robust arbeitet.
Wie Agentic Commerce in deine KI-Strategie passt
Wer sich ernsthaft mit „Digitales Handwerk“ beschäftigt, sollte Agentic Commerce nicht isoliert betrachten. Die grösste Wirkung entsteht, wenn Einkauf, Terminplanung, Angebotserstellung und Kundenkommunikation verzahnt sind.
Beispiel für einen durchgängigen KI-basierten Ablauf:
- Kundin fragt über Website oder Telefon an – eine KI hilft bei der Qualifizierung und Terminfindung.
- Du planst das Projekt in deinem System – eine KI erstellt einen ersten Materialvorschlag.
- Der Einkaufsagent prĂĽft VerfĂĽgbarkeit und Preise und bestellt das Material termingerecht.
- Nach Projektabschluss fliessen Ist-Verbräuche zurück ins System – die KI verbessert Kalkulation und künftige Materialplanung.
So entsteht ein lernender Kreislauf, der deinen Betrieb mit jedem Projekt ein StĂĽck effizienter macht.
Fazit: Jetzt die Weichen stellen – nicht warten, bis alle anderen einkaufen lassen
Agentic Commerce wird den Einkauf im Handwerk deutlich verändern.
FĂĽr Schweizer Handwerksbetriebe bedeutet das vor allem drei Dinge:
- Wer frĂĽh experimentiert, versteht die Spielregeln, bevor sie der Markt diktiert.
- Wer seine Daten und Systeme jetzt sauber aufstellt, kann KI-Einkaufsagenten später viel leichter integrieren.
- Wer Routinearbeit an KI abgibt, schafft Freiraum fĂĽr das, was kein System kann: Kundenbeziehungen pflegen, Mitarbeitende fĂĽhren, strategische Entscheidungen treffen.
Wenn du bereits mit KI für Terminplanung, Angebotserstellung oder Kundenkommunikation arbeitest, ist Agentic Commerce der logische nächste Schritt. Die Technik kommt – die Frage ist nur, ob sie für dich arbeitet oder für deine Konkurrenz.