Der Abgang des Migros-Group-CIO zeigt: KI-Strategie im Einzelhandel darf nicht an Einzelpersonen hängen. Was Händler jetzt bei Daten, Omnichannel und Führung tun sollten.
Wenn der CIO geht: Was jetzt auf dem Spiel steht
Ein Detailhändler mit über zwei Millionen Kundinnen und Kunden pro Tag verliert seinen Group CIO. Genau das passiert Migros: Martin Wechsler, seit fast sechs Jahren Group CIO, verlässt die Genossenschaft im zweiten Quartal 2026 – ohne dass eine Nachfolge feststeht.
Für IT-Insider ist das eine Personalie. Für den Schweizer Einzelhandel ist es ein Weckruf. Denn die Rolle des CIO ist längst nicht mehr „IT-Betrieb und SAP am Laufen halten“, sondern Dreh- und Angelpunkt für KI-Strategie, Omnichannel, Bestandsmanagement und Kundenerlebnis.
In dieser Ausgabe der Reihe „KI für Schweizer Einzelhandel: Retail Innovation“ geht es weniger um die Person Wechsler – und mehr um die Frage: Was bedeutet eine CIO-Lücke für die digitale und KI-getriebene Zukunft eines Retailers wie Migros – und was können andere Händler daraus lernen?
1. Migros, CIO-Vakuum und digitale Agenda – worum es wirklich geht
Der Abgang von Martin Wechsler kommt zu einem Zeitpunkt, an dem Migros bei digitalen Themen sichtbar Gas gegeben hat:
- Auszeichnung mit dem Quantum Readiness Award fĂĽr eine vorausschauende Post-Quanten-Kryptostrategie
- Hohe Dynamik bei AI- und Digitalisierungsprojekten in verschiedenen Teilen der Gruppe (von Migros Bank bis E-Commerce)
- Massive Anforderungen an Cybersecurity, Cloud und Datenplattformen im Tagesgeschäft
Wenn in dieser Phase der Group CIO geht und die Nachfolge noch offen ist, stellt sich für viele Händler eine unangenehme Frage: Wie abhängig ist unsere KI- und Digitalstrategie von einzelnen Köpfen – und wie robust ist unsere Governance dahinter?
Die Realität:
- Ohne klare digitale Führungsrolle geraten KI-Projekte schnell zu Insel-Lösungen.
- Fachbereiche ziehen in unterschiedliche Richtungen (Marketing will GenAI, Logistik will Prognosen, HR will Automatisierung).
- IT-Teams verlieren Orientierung, wenn Prioritäten und Architekturrichtlinien fehlen.
Gerade im Schweizer Detailhandel, wo Margen eng sind und die Konkurrenz durch Discounter, Online-Händler und Marktplätze stetig zunimmt, ist das fatal. Wer hier bei KI im Einzelhandel nicht durchzieht, verliert Marktanteile – leise, aber nachhaltig.
2. Die neue CIO-Rolle im KI-Zeitalter: weit mehr als „IT-Chef“
Ein moderner Group CIO im Handel ist Chief Digital & AI Orchestrator – ob dieser Titel auf der Visitenkarte steht oder nicht.
Kernaufgaben eines CIO im KI-getriebenen Retail
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Daten- und KI-Strategie festlegen
- Aufbau einer zentralen Datenplattform (Kundendaten, Transaktionsdaten, Logistik, Pricing)
- Governance: Datenschutz, Qualität, Zugriff, Ethik bei KI
- Rahmen vorgeben, wie KI genutzt wird – von Prognosen im Bestandsmanagement bis zu Personalisierung im E-Commerce.
-
Omnichannel-Erlebnis steuern
- Technische Integration von Filiale, Online-Shop, App, Self-Checkout, Loyalty (Cumulus & Co.)
- Einheitliches Kundenerlebnis: Preise, Promotionen, VerfĂĽgbarkeiten, Service-Level
- Sicherstellen, dass KI-Modelle dieselben Fakten nutzen – egal ob der Kunde in Zürich im Flagship-Store oder online am Sonntagabend einkauft.
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AI-ready Infrastruktur und Security verantworten
- Cloud- und Hybrid-Architekturen fĂĽr KI-Workloads aufbauen
- Sicherheitsniveau hochziehen (Post-Quanten-Kryptografie, Identity, API-Security)
- Performance im Griff behalten: KI nĂĽtzt nichts, wenn das Kassensystem um 17:30 Uhr abschmiert.
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Change und Kompetenzen im Unternehmen aufbauen
- IT- und Fachteams befähigen, mit KI zu arbeiten („KI-Kompetenz ist kein Luxus, sondern Überlebensfrage“)
- Rollen neu definieren: Data Product Owner, MLOps, AI Governance
- Kultur verankern: Testen, lernen, iterieren – ohne die Filialen zu überfordern.
Genau diese Punkte blitzen im LinkedIn-Post von Wechsler durch, wenn er von „starkem Willen der Teams, neue Fähigkeiten zu erlernen (der Schlüssel für eine moderne IT)“ spricht.
Das ist keine Floskel, sondern beschreibt ziemlich genau, was ein Händler aktuell braucht, um KI im Einzelhandel wirksam auf die Strasse zu bringen.
3. Wo KI im Schweizer Detailhandel heute wirklich wirkt
Für viele Schweizer Händler ist „KI“ noch ein abstrakter Begriff. In der Praxis geht es um sehr konkrete Anwendungsfälle – und genau dort entscheidet sich, ob eine fehlende CIO-Führung spürbare Folgen hat.
3.1 Bestandsmanagement & Prognosen
Direkter Nutzen: weniger Abschreiber, weniger Out-of-Stock, bessere Marge.
Typische KI-Anwendungen:
- Absatzprognosen pro Filiale, Produkt und Wochentag
- Automatisierte Bestellvorschläge und Nachschubsteuerung
- BerĂĽcksichtigung von Wetter, Events, Ferien, Aktionen
Ohne klare CIO-Linie passiert Folgendes:
- Jede Warengruppe oder Region bastelt an eigenen Tools.
- Datenbasis ist uneinheitlich, Prognosen sind nicht vergleichbar.
- IT wird zur Feuerwehr, statt Architekt der Gesamtlösung.
Mit starker CIO-FĂĽhrung dagegen:
- Eine zentrale Prognose-Engine versorgt alle Systeme.
- KI-Modelle werden industrialisiert (MLOps statt Excel-Prototypen).
- Fachbereiche bekommen verständliche Oberflächen und klare KPIs.
3.2 KI-gestĂĽtzte Kundenanalyse & Personalisierung
Hier entscheidet sich, ob Kund:innen das Gefühl haben: „Der Händler kennt mich und versteht mich“ – oder „Ich bekomme denselben Prospekt wie alle anderen“.
Beispiele:
- Dynamische Newsletter- und App-Inhalte basierend auf Kaufhistorie
- Personalisierte Cumulus- oder Loyalty-Angebote
- Kundensegmentierung fĂĽr Kampagnen, die sich rechnen
Ohne CIO-Leadership:
- MarTech-Stack wächst wild: viele Tools, keine durchgängige Datenbasis.
- Datensilos zwischen Online-Shop, App, Filiale, Callcenter.
- Datenschutz- und Consent-Themen werden zum Risiko.
Mit CIO-Leadership:
- Eine klare Customer Data Platform (CDP)-Strategie
- Transparente DatenflĂĽsse, Governance und Einwilligungsmanagement
- Gemeinsame Metriken für Marketing, Vertrieb und IT – z.B. CLV, Response Rates, Basket Size.
3.3 Omnichannel-Prozesse & Filial-Realität
Viele Strategiepapiere zur „Digitalisierung im Retail“ scheitern am gleichen Punkt: in der Filiale.
Gute CIOs verstehen die Realität am POS:
- Filialleitende brauchen einfache, verlässliche Tools – keine 15 Dashboards.
- KI-Empfehlungen müssen schnell erklärbar sein („Warum soll ich dieses Regal jetzt umbauen?“).
- Self-Checkout, Mobile Payment, digitale Signage und Apps mĂĽssen stabil laufen, sonst kippt die Akzeptanz.
Hier ist die CIO-Rolle entscheidend, um BrĂĽcken zu bauen:
- zwischen Data Science und Filialgeschäft,
- zwischen Headquarters und Genossenschaften,
- zwischen langfristiger Architektur und kurzfristigen Pilotprojekten.
4. Was der Migros-Fall anderen Händlern zeigt: 5 harte Learnings
Der angekündigte Abgang von Martin Wechsler ist ein Lehrstück dafür, wie abhängig viele Unternehmen von einzelnen Digital-Leadern sind – und wo sie nachschärfen sollten.
4.1 KI-Strategie darf nicht an einer Person hängen
Wenn mit einer Führungsperson auch die Klarheit über Roadmap und Prioritäten verschwindet, war die Strategie zu wenig institutionalisiert.
Konkrete Massnahme:
- AI- und Digitalstrategie schriftlich verankern, inkl. Prinzipien, Use-Case-Katalog, Technologien und Governance-Modell.
- Strategische Entscheide in Gremien (z.B. Digital Board) treffen, nicht im Kopf des CIO festhalten.
4.2 Nachfolgeplanung ist Teil der Digitalstrategie
Viele Retailer unterschätzen, wie kritisch die Kontinuität in der CIO-Rolle ist.
Empfehlung:
- FrĂĽhzeitig Interim-Szenarien und Stellvertretungen definieren.
- Klare Rollen für Chief Data Officer, Head of AI, Head of Digital – damit Themen weiterlaufen, auch wenn der CIO geht.
4.3 Kompetenzen in den Teams systematisch aufbauen
Wechsler hebt in seinem Post die Lernbereitschaft und neuen Fähigkeiten der Teams hervor. Genau das ist das Sicherheitsnetz, wenn Köpfe wechseln.
Händler sollten investieren in:
- Schulungen zu KI im Einzelhandel für IT, Fachbereiche und Führungskräfte
- Communitys of Practice (Data, Analytics, AI)
- Gemeinsame Standards und Toolsets statt Wildwuchs
4.4 CIO muss Business verstehen – und das Business KI
Ein CIO, der nur Technik spricht, ist heute fehl am Platz. Genauso schwierig ist ein Management, das KI nur als Buzzword sieht.
Was funktioniert:
- Gemeinsame KPI-Modelle: z.B. „Weniger Abschreiber um 15 % dank besseren Prognosen“ statt „Wir führen ein neues ML-Modell ein“.
- Cross-funktionale Teams aus IT, Category Management, Logistik, Marketing.
4.5 Sicherheits- und Compliance-Themen frĂĽh adressieren
Der Quantum Readiness Award zeigt: Migros hat Security nicht als lästige Pflicht, sondern als Teil der Innovationsagenda verstanden. Das ist im KI-Umfeld entscheidend.
Andere Händler sollten:
- Kryptografie- und Security-Strategie mitdenken, wenn sie Datenplattformen und KI-Lösungen planen.
- KI-Governance etablieren (Bias, Transparenz, Auditability).
5. Wie Schweizer Händler jetzt handeln sollten
Wer heute im Schweizer Detailhandel Verantwortung trägt – ob als CEO, CIO, CDO oder Head of Retail – sollte den Migros-CIO-Abgang als Anlass nutzen, die eigene Digital- und KI-Aufstellung ehrlich zu prüfen.
5-Fragen-Checkliste fĂĽr Ihre Organisation
- Gibt es eine klar dokumentierte KI- und Datenstrategie, die auch ohne aktuelle CIO-Person lesbar ist?
- Sind die wichtigsten KI-Anwendungsfälle im Retail (Bestandsmanagement, Preisoptimierung, Kundenanalyse, Omnichannel) priorisiert und mit KPIs hinterlegt?
- Wer trägt fachlich die Verantwortung für Daten und KI – gibt es einen CDO/Head of AI oder ähnliche Rolle?
- Wie robust ist Ihre IT- und Datenarchitektur, um neue KI-Lösungen innerhalb von Wochen statt Jahren einzuführen?
- Sind Ihre Teams auf dem Weg zur „modernen IT“, von der Wechsler spricht – also lernbereit, interdisziplinär und nah am Business?
Wenn Sie bei mehreren Fragen zögern, ist das kein Makel – aber ein klares Signal. Dann lohnt es sich, gemeinsam mit erfahrenen Partnern eine KI-Retail-Roadmap zu erarbeiten, die über einzelne Personen hinaus trägt.
Ausblick: KI im Handel 2026 – mit oder ohne CIO-Lücke
Der Schweizer Einzelhandel steht 2026 vor einer klaren Weggabelung:
- Auf der einen Seite: Händler, die KI gezielt in Bestandsmanagement, Kundenanalyse und Omnichannel-Strategien einsetzen, ihre Daten im Griff haben und bei Security wie Migros frühzeitig an Themen wie Post-Quanten-Verschlüsselung arbeiten.
- Auf der anderen Seite: Unternehmen, die auf einzelne Digital-Champions hoffen, aber keine belastbare Struktur dahinter aufgebaut haben.
Der Wechsel an der Spitze der IT bei Migros zeigt: Personen wechseln – aber digitale und KI-Strategien müssen bleiben und weiterlaufen.
Wer heute dafür sorgt, dass Daten, KI und Omnichannel fest in Governance, Architektur und Teams verankert sind, wird vom nächsten Führungswechsel nicht überrascht – sondern nutzt ihn, um den nächsten Schritt zu machen.
Die Frage für jeden Händler lautet deshalb weniger: „Wer ist unser CIO?“
Sondern: „Wie bereit sind wir, KI im Einzelhandel konsequent zu nutzen – egal, wer gerade im Büro des CIO sitzt?“