Was dm mit dm-med vormacht: Omnichannel im Gesundheitsmarkt

KI für Schweizer Einzelhandel: Retail Innovation••By 3L3C

dm-med zeigt, wie eine Drogeriekette mit Online-Apotheke, Services und KI echten Omnichannel aufbaut. Was Schweizer Händler daraus für ihre Strategie lernen können.

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Warum dm-med fĂĽr den Detailhandel ein Weckruf ist

14 Milliarden Euro Umsatz im deutschen Apothekenmarkt – und eine Drogeriekette greift gezielt das digitale Segment an. Genau das passiert gerade mit dm-med, der neuen Online-Apotheke von dm. Kein Randexperiment, sondern ein strategischer Schritt in einen regulierten, margenstarken Markt.

Für Händler im DACH-Raum – und speziell für den Schweizer Detailhandel – ist das ein deutliches Signal: Wer Kund:innen in Zukunft halten will, muss Omnichannel, Gesundheitsservices und KI zusammendenken, statt einfach nur einen Webshop zu betreiben.

In dieser Ausgabe unserer Reihe „KI für Schweizer Einzelhandel: Retail Innovation“ schauen wir uns an, was dm konkret macht, warum dm-Chef Christoph Werner die Kritik aus der Gesundheitsbranche „bizarr“ nennt – und was Sie als Händler daraus lernen können. Vorweg: Es geht nicht nur um Apotheken. Es geht darum, wie Handel künftig funktioniert.


Was dm mit dm-med wirklich baut: Mehr als ein Webshop

dm-med ist offiziell eine Online-Apotheke für rezeptfreie Medikamente. Rund 2500 OTC-Präparate, dazu etwa 1000 Produkte aus der Hautkosmetik – versendet aus einem Logistikzentrum in Tschechien, technisch vorbereitet für den Roll-out in weitere europäische Länder.

Die spannende Frage ist nicht, was verkauft wird, sondern wie das Ganze in das Omnichannel-Ă–kosystem von dm eingebettet wird.

Drei zentrale Strategien hinter dm-med

  1. Sortimentserweiterung entlang echter KundenbedĂĽrfnisse
    dm reagiert auf eine junge, online-affine Zielgruppe, die ohnehin bereits Gesundheitsprodukte online bestellt – aber bisher eher bei spezialisierten Versendern. dm-med zieht diesen Bedarf einfach ins bestehende Ökosystem der Marke.

  2. Klare Positionierung: Keine Konkurrenz zu E-Rezepten
    „Rezepte wird man bei uns nicht einlösen können“, sagt Christoph Werner. dm vermeidet bewusst den direkten Frontalangriff auf klassische Apotheken im verschreibungspflichtigen Bereich und konzentriert sich auf Prävention, Wohlbefinden und OTC.

  3. Skalierbare Logistik fĂĽr Europa
    Versand aus Tschechien, IT und Logistik so aufgesetzt, dass andere Länder schnell anschließen können. Österreich hat bereits Interesse angemeldet. Das ist lehrbuchhafte Omnichannel- und Plattformstrategie: einmal Infrastruktur aufbauen, dann Länder aufschalten.

Für Schweizer Händler – ob im Food-, Drogerie-, Sport- oder Elektronikbereich – steckt hier eine klare Botschaft: Wer heute expandieren will, baut zuerst eine skalierbare, datengetriebene Infrastruktur – nicht nur zusätzliche Filialen.


KI als RĂĽckgrat: So wird aus Online + Filiale echter Omnichannel

Omnichannel funktioniert nur, wenn Daten, Prozesse und Kundenerlebnis über alle Kanäle hinweg verbunden sind. Genau hier kommt KI ins Spiel. dm spricht öffentlich vor allem über neue Services wie KI-gestützte Hautuntersuchungen. Aber für den Handel entscheidend ist der Unterbau.

1. Bestandsmanagement: KI entscheidet, wo welches Produkt liegen muss

Für ein Sortiment aus tausenden OTC-Produkten reicht klassisches Dispositionsdenken nicht mehr. KI-gestützte Systeme können:

  • Nachfrageprognosen je Region, Kanal und Saison erstellen (z.B. Erkältungssaison, Pollenflug, Grippewellen)
  • Optimale Lagerorte bestimmen: Was bleibt im Zentrallager, was wird in stark frequentierten Filialen vorgehalten?
  • Nachschub automatisiert auslösen, bevor Kund:innen Out-of-Stock erleben

Im Schweizer Detailhandel sehen wir die gleichen Herausforderungen: kleine Margen, hohe Flächenkosten, begrenzte Lagerkapazitäten. Wer hier KI-gestütztes Bestandsmanagement einsetzt, reduziert Überbestände, vermeidet Fehlmengen und verbessert gleichzeitig die Lieferfähigkeit im E-Commerce.

Praktischer Ansatz für Händler:

  • Start mit 1–2 Warengruppen mit hoher Schwankung (z.B. Saisonartikel, Sporternährung, Drogerie-Bestseller)
  • Historische Verkaufsdaten + externe Daten (Wetter, Kalender, lokale Events) in ein Prognosemodell einbinden
  • Filial- und Online-Bestand in einem System fĂĽhren – keine getrennten „Welten“

2. Personalisierung: Vom Drogeriekauf zur Gesundheitsberatung

Wer OTC-Produkte, Hautkosmetik und Präventionsservices anbietet, sitzt auf einem Datenschatz – sofern er verantwortungsvoll und DSGVO-konform genutzt wird.

KI-gestĂĽtzte Personalisierung kann:

  • Relevante Produktempfehlungen ausspielen (z.B. passende Pflegeprodukte bei häufiger Bestellung bestimmter Medikamente)
  • Abo-Modelle fĂĽr Verbrauchsartikel vorschlagen (z.B. Vitamine, Kontaktlinsen, Hautpflege)
  • Content-Personalisierung ermöglichen („Artikel zu Schlaf, Stress, Hautgesundheit“ passend zum Kaufverhalten)

Gerade im Schweizer Markt, der stark von Stammkundschaft und lokaler Nähe geprägt ist, können Händler mit smarter Personalisierung den Sprung vom „Laden“ zur Trusted Brand schaffen.

Wichtig ist hier Transparenz: Kund:innen müssen klar verstehen, warum sie bestimmte Empfehlungen sehen, und jederzeit steuern können, welche Daten wofür genutzt werden.

3. KI im Store: Bluttests, Augenscreenings und Hautanalysen

dm testet bereits Bluttests, Augenscreenings und KI-basierte Hautuntersuchungen in ausgewählten Filialen. Die Kritik aus Teilen der Ärzteschaft und Apothekerkreise nennt Werner „bizarr“. Warum? Weil es aus Handelssicht logisch ist, Kund:innen dort mit Gesundheitsservices abzuholen, wo sie ohnehin regelmäßig einkaufen.

FĂĽr den Detailhandel ist der Kernpunkt: Die Filiale wird zum Service-Hub, nicht nur zum Abholpunkt.

Mögliche Szenarien für Schweizer Händler:

  • Sporthändler mit KI-gestĂĽtzter Laufanalyse und Trainingsberatung, verknĂĽpft mit Online-Produktempfehlungen
  • Lebensmittelhändler mit Ernährungs-Checks zu Allergien oder Unverträglichkeiten, gekoppelt an personalisierte Einkaufslisten
  • Drogerien mit digitaler Hautanalyse und automatischer Zusammenstellung individueller Pflegeroutinen

Die Technik allein reicht nicht. Entscheidend ist, dass diese Services medial durchdacht werden: online buchbar, offline erlebbar, digital nachbereitbar (Berichte, Produktempfehlungen, Erinnerungen).


Was Händler von dm lernen können – konkret und umsetzbar

Die dm-Strategie lässt sich auf andere Segmente übertragen. Es geht nicht darum, eine Online-Apotheke zu kopieren, sondern die Grundprinzipien zu verstehen.

Prinzip 1: Vom Produkt zum Bedarf denken

dm fragt nicht: „Welche Produkte können wir noch verkaufen?“, sondern: „Welche Bedürfnisse unserer Kund:innen werden noch nicht von uns abgedeckt?“ Im Gesundheitsbereich sind das:

  • Prävention
  • Wohlbefinden
  • Convenience beim Kauf von Gesundheitsprodukten

Ăśbertragen auf den Schweizer Detailhandel heiĂźt das:

  • Sport: Weg vom reinen Verkauf von Schuhen – hin zu Performance, Gesundheit und Community
  • Food: Weg von Aktionsprospekten – hin zu Ernährungslösungen fĂĽr bestimmte Lebensstile (vegan, zuckerreduziert, Sporternährung)
  • DIY/Garten: Weg von Produkten – hin zu Projektlösungen (Renovation, BalkonbegrĂĽnung, Smart Home)

Prinzip 2: Eine starke Marke nutzt ihr Vertrauen – oder verliert es

Drogerien genieĂźen traditionell hohes Vertrauen. dm nutzt dieses Vertrauen, um in den Gesundheitsmarkt vorzurĂĽcken. Genau deshalb reagiert die Gesundheitsbranche sensibel.

Wer als Händler neue Services startet, sollte:

  • Kompetenz sichtbar machen (geschulte Mitarbeitende, zertifizierte Partner, klare Kommunikation)
  • Grenzen der Beratung klar benennen („Dies ersetzt keinen Arztbesuch“)
  • Feedback ernst nehmen, auch kritische Stimmen – und transparent reagieren

Vertrauen ist im Schweizer Kontext noch entscheidender. Hier wird genau hingeschaut, ob ein Händler seine Rolle ernst nimmt oder rein opportunistisch handelt.

Prinzip 3: KI nicht als Projekt, sondern als Infrastruktur verstehen

dm hätte dm-med auch als Insellösung bauen können. Stattdessen wird von Beginn an an Skalierbarkeit und Datenintegration gedacht: zentrale Logistik, einheitliche IT, Erweiterbarkeit auf andere Länder.

Für Händler bedeutet das:

  • KI-Projekte nicht als „Pilot im Keller“ laufen lassen, sondern in die Kernsysteme integrieren
  • Zuerst die Datenbasis aufräumen: Artikelstammdaten, Kundendaten, Transaktionsdaten konsolidieren
  • KI-Use-Cases schrittweise ausrollen: erst Forecasting, dann Pricing, dann Personalisierung – nicht alles gleichzeitig

Roadmap für Schweizer Händler: Vom Webshop zum Omnichannel-Ökosystem

Wer die dm-Entwicklung ernst nimmt, sollte jetzt seine eigene Roadmap prüfen. Eine mögliche, pragmatische Abfolge:

Schritt 1: Kundennutzen schärfen

  • Welche BedĂĽrfnisse Ihrer Kund:innen bleiben heute unbefriedigt?
  • Welche davon lassen sich digital (App, Web, Newsletter) und stationär (Beratung, Services, Tests) adressieren?
  • Wo haben Sie bereits Vertrauensvorsprung gegenĂĽber reinen Online-Playern?

Schritt 2: Daten & Systeme vorbereiten

  • Ein zentrales System fĂĽr Bestände ĂĽber alle Kanäle einfĂĽhren oder modernisieren
  • Datenqualität verbessern: Dubletten bereinigen, Kategorien vereinheitlichen, relevante Attribute ergänzen
  • DSGVO-konforme Opt-ins fĂĽr personalisierte Angebote und Service-Kommunikation etablieren

Schritt 3: Erste KI-Use-Cases starten

  • Nachfrageprognose fĂĽr 1–2 Kategorien
  • Einfache Produktempfehlungen im Onlineshop (z.B. „wird häufig zusammen gekauft“)
  • Filialbezogene Analysen, welche Services wo den größten Effekt hätten

Schritt 4: Omnichannel-Services entwickeln

  • Online buchbare Beratungstermine in ausgewählten Filialen
  • Kleine, klar umrissene Gesundheits- oder Lifestyle-Checks (Haut, Fitness, Ernährung) mit digitaler Auswertung
  • Abhol- und Retourenprozesse so gestalten, dass Online- und Offline-Erlebnis zusammenpassen

Wer diesen Weg geht, wird feststellen: Omnichannel ist weniger Technik- als Organisationsprojekt. Die Technologie ist verfĂĽgbar, die Herausforderung liegt in Struktur, Prozessen und Mindset.


Fazit: dm-med zeigt, wohin sich Handel und Gesundheit bewegen

dm-med ist kein Ausrutscher, sondern ein konsequenter Schritt einer starken Handelsmarke in Richtung Gesundheits- und Präventionsplattform. Die Kombination aus Online-Apotheke, stationären Services und KI-gestützten Analysen zeigt klar, wie Retail Innovation im Jahr 2026 aussieht.

FĂĽr den Schweizer Einzelhandel ist das eine Chance: Wer jetzt in KI, Omnichannel-Strategien und kundennahe Services investiert, positioniert sich nicht nur gegen internationale Player, sondern schafft echte Mehrwerte fĂĽr seine Kundschaft.

Die Frage ist weniger, ob diese Entwicklung kommt, sondern wer sie aktiv gestaltet. Händler, die mutig experimentieren, sauber mit Daten umgehen und KI als Infrastruktur verstehen, werden in den nächsten Jahren diejenigen sein, an denen sich andere orientieren müssen.

Wer sich tiefer mit konkreten KI-Use-Cases für Bestandsmanagement, Preisoptimierung und Kundenanalyse im Schweizer Detailhandel beschäftigen will, sollte genau jetzt anfangen – bevor die Konkurrenz den „dm-Effekt“ im eigenen Markt auslöst.