Agentic Commerce: Wie KI den Handel neu ordnet

KI fĂŒr Schweizer Einzelhandel: Retail Innovation‱‱By 3L3C

Agentic Commerce macht Bots zu neuen Kund:innen. Erfahre, wie Schweizer HĂ€ndler ihre Daten, Systeme und Experience ausrichten mĂŒssen, um in der Bot Economy sichtbar zu bleiben.

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Agentic Commerce: Wie KI den Handel neu ordnet

2025 wird im E‑Commerce ein stiller Machtwechsel sichtbar: Nicht mehr nur Menschen treffen Kaufentscheidungen, sondern zunehmend autonome KI‑Agenten. FĂŒr den Schweizer Detailhandel ist das mehr als ein Trend – es verschiebt, wer im digitalen Regal ĂŒberhaupt noch sichtbar ist.

FĂŒr unsere Serie „KI fĂŒr Schweizer Einzelhandel: Retail Innovation“ ist Agentic Commerce deshalb ein SchlĂŒsselthema. Wer heute an KI nur bei Produktempfehlungen, Chatbots oder dynamische Preise denkt, greift zu kurz. Die nĂ€chste Stufe bedeutet: Der Kunde formuliert ein Ziel – der Agent erledigt den Rest. Und genau das verĂ€ndert, wie HĂ€ndler Daten aufbereiten, Systeme auswĂ€hlen und Partnerschaften aufbauen.

In diesem Beitrag schauen wir uns an, was Agentic Commerce konkret ist, warum Bots zu neuen Kund:innen werden und wie sich Schweizer HĂ€ndler – vom spezialisierten FachgeschĂ€ft bis zum Omnichannel‑Retailer – jetzt strategisch vorbereiten können.


Was Agentic Commerce wirklich von klassischer KI unterscheidet

Agentic Commerce ist mehr als „noch mehr KI im Shop“ – es ersetzt zentrale Schritte des heutigen E‑Commerce komplett.

Statt: Kategorie → Filter → Warenkorb → Checkout.

Heisst es kĂŒnftig: Ziel formulieren → Agent plant, vergleicht und kauft.

Ein Kunde sagt zum persönlichen Einkaufsagenten:

„Ich brauche bis Freitag ein nachhaltiges Business-Hemd, nicht bĂŒgelfrei, Budget 120 CHF, Lieferung ins BĂŒro.“

Der Agent:

  • sucht passende HĂ€ndler
  • prĂŒft LagerbestĂ€nde, Lieferzeiten, Retourenbedingungen
  • bewertet Bewertungen, ServicequalitĂ€t und Vertrauenssignale
  • wĂ€hlt einen Anbieter
  • fĂŒhrt die Transaktion aus – ohne dass der Kunde deinen Shop je gesehen hat.

Das ist der Kern von Agentic Commerce: Der Kunde denkt, der Bot kauft. Kein Checkout-Funnel, weniger KaufabbrĂŒche, aber auch: Wer im Datenschatten bleibt, verliert.

FĂŒr den Schweizer Einzelhandel bedeutet das drei harte Konsequenzen:

  1. Daten ersetzen Layouts. Wie gut dein Shop gestaltet ist, spielt eine kleinere Rolle als die QualitÀt deiner Produkt- und Prozessdaten.
  2. Maschinen werden primĂ€re „KĂ€ufer“. Kund:innen haben weiterhin BedĂŒrfnisse, aber der Kontaktpunkt verschiebt sich zum Agenten.
  3. Macht verlagert sich in Richtung Infrastruktur. Wer den „Agent Execution Layer“ kontrolliert, kontrolliert die Conversion-Kette.

Bot Economy: Wenn Bots zu deinen wichtigsten Kund:innen werden

In der Bot Economy ist ein autonomer Agent faktisch dein hĂ€ufigster Kunde – auch wenn du ihn nie im Frontend siehst.

Was Bots brauchen, um dich „sehen“ zu können

Bots kĂŒmmern sich nicht um hĂŒbsche Banner, sondern um:

  • strukturierte Produktdaten (Titel, Attribute, Varianten, technische Daten)
  • aktuelle VerfĂŒgbarkeiten (Lager, Lieferzeiten, regionale BestĂ€nde)
  • klare Policies (RĂŒckgaberichtlinien, Garantien, Supportzeiten)
  • verlĂ€ssliche Preismodelle (inkl. GebĂŒhren, Versand, Zölle fĂŒr CH/EU‑Kontexte)

Wer hier unsauber arbeitet, wird vom Agent ignoriert – und damit auch vom Kunden.

FĂŒr Schweizer HĂ€ndler ist das besonders relevant, weil viele Warenströme grenzĂŒberschreitend laufen. Unklare Versandbedingungen in die Schweiz, fehlerhafte Zollangaben oder fehlende Transparungsangaben zu RĂŒcksendungen sind fĂŒr einen Agenten ein Ausschlusskriterium.

Vom schönen Text zur maschinenlesbaren Beschreibung

Viele Shops schreiben heute Produkttexte „fĂŒr Menschen“: emotional, blumig, manchmal unscharf. FĂŒr Agentic Commerce braucht es beides:

  • eine kundenverstĂ€ndliche Story im Frontend
  • und eine maschinenlesbare Beschreibung im Backend.

Praktisch heisst das:

  • Nutze konsistente Attribut-Schemata (Grössen, Materialien, Zertifizierungen).
  • Standardisiere Einheiten (cm vs. Zoll, Liter vs. ml, CHF vs. EUR) sauber.
  • Pflege Metadaten wie Energieeffizienz, Nachhaltigkeitslabels, Hersteller-Garantien.

Wer das sauber aufsetzt, verbessert nicht nur die Bot-Sichtbarkeit, sondern auch klassische Anwendungen wie Bestandsmanagement, Preisoptimierung und Kundenanalyse, die wir in dieser Serie bereits behandelt haben.


Kontrolle behalten: BYO-KI statt Blackbox der Big Tech

Der vielleicht wichtigste strategische Punkt: Agentic Commerce bedeutet nicht, die Kontrolle an grosse Plattformen abzugeben. Im Gegenteil.

BYO – Bring Your Own KI

Statt sich vollstÀndig auf geschlossene Systeme von Tech-Giganten zu verlassen, setzen zukunftsorientierte HÀndler auf eigene KI-Instanzen:

  • Eigene Agenten, die im Namen der Kund:innen im eigenen Ökosystem handeln
  • Eigene Modelle, die auf den eigenen Daten trainiert sind
  • Eigene Regeln, welche Entscheidungen ein Agent treffen darf

Technisch lĂ€uft das ĂŒber einen Agent Execution Layer, der im Einflussbereich des HĂ€ndlers liegt – nicht in einer fremden Cloud, die du kaum kontrollieren kannst.

Vorteile fĂŒr Schweizer HĂ€ndler:

  • Bessere DatensouverĂ€nitĂ€t (wichtig wegen DSG, DSGVO und hoher Kundenerwartungen an Datenschutz)
  • Möglichkeit, lokale Besonderheiten abzubilden (Mehrsprachigkeit, Schweizer Zahlungsmittel wie TWINT, unterschiedliche Steuerlogiken)
  • Flexiblere Anbindung an regionale Implementierungs- und Technologiepartner

Offene Standards statt Lock-in

Viele Plattformen setzen auf geschlossene Ökosysteme. Kurzfristig bequem, langfristig riskant.

Offene Standards und APIs sind im Agentic Commerce aus drei GrĂŒnden klar ĂŒberlegen:

  1. InteroperabilitÀt: Deine Systeme können mit den Agenten verschiedenster Anbieter sprechen.
  2. Innovationsgeschwindigkeit: Du profitierst von Entwicklungen im gesamten Netzwerk, nicht nur von einem Anbieter.
  3. Verhandlungsmacht: Wer seine Datenstruktur versteht und kontrolliert, hat bessere Karten in Partnerschaften.

Ich bin ĂŒberzeugt: FĂŒr mittelgrosse HĂ€ndler in der Schweiz ist eine offene, API-basierte Architektur die einzige realistische Chance, nicht von internationalen MarktplĂ€tzen völlig abhĂ€ngig zu werden.


Differenzierung im Agentic Commerce: Warum Experience zum harten KPI wird

Preisalgorithmen sind Standard. Wirkliche Differenzierung entsteht im Agentic Commerce an anderer Stelle: bei der Erfahrung rund um das Produkt.

Experience Signals: Wenn „Soft Factors“ messbar werden

Agenten können immer besser bewerten, was Kund:innen tatsÀchlich erleben. Diese Experience wird zu maschinenlesbaren Signalen, etwa:

  • Durchschnittsbewertung und Anzahl Reviews
  • Reaktionszeit im Kundensupport
  • Retourenquote nach Produktkategorie
  • LieferpĂŒnktlichkeit im VerhĂ€ltnis zu zugesagten Terminen
  • Anteil wiederkehrender Kund:innen

Diese Daten werden zu „Experience Signals“, die Agenten direkt in ihre Entscheidung einbeziehen.

Konsequenz:

  • Wer nur ĂŒber Rabatte gewinnt, verliert bei LoyalitĂ€t.
  • Wer konsequent auf Service, Haltung und KundennĂ€he setzt, wird bevorzugt – von Menschen und Bots.

Beispiel fĂŒr einen Schweizer HĂ€ndler:

  • Ein SportfachgeschĂ€ft in ZĂŒrich investiert in extrem kompetente Beratung (on- und offline) und saubere Grössenberatung.
  • Die Retourenquote sinkt von 22 % auf 11 %.
  • Gleichzeitig steigen Reviews von Ø 4.2 auf 4.6 Sterne.
  • KI-Agenten erkennen: weniger Frust, bessere Trefferquote – und empfehlen dieses GeschĂ€ft bevorzugt ihren Nutzer:innen.

Storytelling und Community – aber maschinenlesbar

Beratung, Storytelling und Community-Building bleiben wichtig, aber ihre Rolle verÀndert sich:

  • Content muss so strukturiert sein, dass Agenten erkennen: Hier steckt echte Kompetenz dahinter.
  • Community-Engagement (z.B. lokale Events, Workshops, Live-Shopping) spiegelt sich in Interaktionsraten, Verweildauer, Social-Signalen.

Aus sogenannten „weichen“ Faktoren werden harte KPIs:

Bewertungen, Trust-Scores und Interaktionsraten sind im Agentic Commerce keine Nice-to-have-Metriken mehr, sondern Rankingfaktoren fĂŒr Bots.

Wer das versteht, plant Marketing- und Service-Investitionen anders – weniger Reichweitenkampagnen, mehr erlebbarer Mehrwert, der sich in Daten niederschlĂ€gt.


Konkrete Schritte fĂŒr Schweizer KMU: So bereitest du dich vor

Viele kleinere und mittlere HĂ€ndler fragen sich: „Klingt spannend, aber wo fange ich an?“ Die gute Nachricht: Du musst nicht morgen einen eigenen Super-Agenten bauen. Du solltest aber 2025 mit den Grundlagen beginnen.

1. Dateninventur und -qualitÀt

Starte mit einer schonungslosen Bestandsaufnahme:

  • Sind alle Produkte mit konsistenten Attributen gepflegt?
  • Gibt es Dubletten, veraltete Varianten oder widersprĂŒchliche Infos?
  • Sind Lieferzeiten realistisch und maschinenlesbar hinterlegt?
  • Sind Retourenbedingungen klar, prĂ€zise und standardisiert formuliert?

Ziel: maschinell interpretierbare Klarheit statt hĂŒbscher, aber unklarer Texte.

2. Produkte maschinenlesbar machen

Setze strukturelle Standards:

  • Nutze klare Taxonomien und einheitliche Kategorien.
  • ErgĂ€nze technische und regulatorische Infos (z.B. Energieetiketten, Zertifikate, Herkunftsangaben – gerade in der Schweiz ein wichtiges Kaufkriterium).
  • Verwende, wo sinnvoll, standardisierte Identifier (GTIN/EAN, Hersteller-IDs).

Viele moderne Shopsysteme und PIM-Lösungen unterstĂŒtzen dich dabei – wichtig ist aber, dass du intern Verantwortung fĂŒr DatenqualitĂ€t definierst, nicht sie „irgendwo im Marketing“ nebenher laufen lĂ€sst.

3. Kundenbewertungen systematisieren

Agentic Commerce lebt von vertrauenswĂŒrdigen Experience-Daten. Sorge dafĂŒr, dass:

  • nach jedem Kauf automatisiert um Feedback gebeten wird
  • Bewertungen moderiert, aber nicht „geschönt“ werden
  • du aus Bewertungen strukturiert lernst (wiederkehrende Probleme → Prozessanpassungen)

So baust du eine Datengrundlage auf, die fĂŒr KI‑Agenten glaubwĂŒrdiger ist als jede Werbebotschaft.

4. Partnernetzwerk aufbauen: Technologie & Implementierung

Agentic Commerce ist kein Solo-Projekt. Es ist ein Mannschaftssport.

Sinnvolle Partner fĂŒr Schweizer HĂ€ndler:

  • Technologielieferanten mit offener API-Strategie (Shopsystem, PIM, ERP, CRM)
  • Implementierungspartner mit Erfahrung in KI-Projekten im Handel
  • Brancheninitiativen und Communities, die an offenen Standards, Referenzprojekten und Best Practices arbeiten

Wer sich heute in solchen Netzwerken engagiert, bekommt nicht nur Wissen, sondern oft auch direkten Zugang zu Code, Tools und konkreten Use Cases.

5. KI als Machtfaktor verstehen – nicht als Feature

Der vielleicht wichtigste Mindshift:

KI ist kein neues Feature im Onlineshop, sondern verÀndert die Machtverteilung im digitalen Handel.

Wer diese Perspektive verinnerlicht,

  • wĂ€hlt andere Plattformen (offen statt geschlossen),
  • verhandelt anders mit MarktplĂ€tzen und Dienstleistern,
  • investiert bewusster in Daten, nicht nur in Kampagnen.

Gerade im Schweizer Kontext – mit hoher Lohnstruktur, begrenztem Marktvolumen und starker Konkurrenz aus dem Ausland – kann eine kluge KI-Strategie den Unterschied machen, ob du Preisnehmer oder Taktgeber bist.


Ausblick: Wie sich der Schweizer Handel 2026+ in der Bot Economy behauptet

Der Wandel zu Agentic Commerce wird nicht ĂŒber Nacht passieren. Aber die Weichenstellungen finden jetzt statt. Wer heute seine Datenbasis stĂ€rkt, offene Architekturen wĂ€hlt und Experience als messbaren Faktor versteht, verschafft sich einen Vorsprung.

Innerhalb unserer Serie „KI fĂŒr Schweizer Einzelhandel: Retail Innovation“ fĂŒgt sich Agentic Commerce nahtlos ein: Bestandsmanagement, Preisoptimierung, Kundenanalyse und Omnichannel-Strategien werden nicht ĂŒberflĂŒssig – sie werden von KI‑Agenten orchestriert und bewertet.

FĂŒr dich als HĂ€ndler heisst das:

  • Fang mit DatenqualitĂ€t und Bewertungen an – sofort umsetzbar, ohne Grossprojekt.
  • PrĂŒfe deine Systemlandschaft auf Offenheit und API-FĂ€higkeit.
  • Suche aktiv Partner, die KI und Handel in der Schweizer RealitĂ€t denken können.

Wer Agentic Commerce heute ernst nimmt, wird morgen nicht zum blinden Lieferanten fremder Plattformen, sondern bleibt sichtbarer, steuernder Akteur in einer Handelswelt, in der Kund:innen denken – und Bots kaufen.