SurePoint kauft Leopard Solutions – und zeigt, wie Daten, Analytics und KI Kanzleien verändern. Was das für deutsche und österreichische Kanzleien konkret bedeutet.
Warum die SurePoint‑Leopard-Übernahme für Kanzleien zählt
Eine Zahl macht deutlich, wohin die Reise geht: Laut Branchenstudien fließen inzwischen über 1 Milliarde US‑Dollar pro Jahr in Legal‑Tech‑ und KI‑Lösungen für Anwaltskanzleien. Der jüngste Schritt: SurePoint Technologies kauft Leopard Solutions – ein Deal, der im Kern um eines geht: Daten, Analytics und künstliche Intelligenz für die Steuerung von Kanzleien.
Für deutschsprachige – und speziell österreichische – Rechtsanwält:innen ist das mehr als eine Randnotiz aus den USA. Der Zusammenschluss zeigt sehr klar, wie sich Kanzleimanagement, Business Development und Personalstrategien durch KI‑gestützte Datenplattformen verändern. Wer heute nur auf Bauchgefühl, Excel und einzelne Reports setzt, verliert mittelfristig gegen Kanzleien, die ihre Entscheidungen konsequent datenbasiert treffen.
In dieser Folge unserer Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ schauen wir uns an, was hinter der Übernahme steckt, welche Rolle Legal‑Analytics spielt – und wie auch kleinere und mittelgroße Kanzleien in Deutschland und Österreich davon lernen können, ohne selbst Millionenbudgets zu haben.
Was passiert ist: SurePoint kauft Leopard Solutions
Der Kern des Deals ist schnell erzählt: SurePoint Technologies, ein seit über 40 Jahren etablierter Anbieter von Kanzleimanagement‑Software (Finanzen, Kanzleiorganisation, Workflow), übernimmt Leopard Solutions, einen Spezialisten für Legal Business Intelligence.
Leopard Solutions bringt über 20 Jahre akribisch gepflegte Marktdaten zu Kanzleien, Anwält:innen, Karrieren, Einstellungen, Praxisgruppen und Business‑Development‑Chancen mit. SurePoint bringt die operativen Kanzleidaten: Zeiterfassung, Honorarumsätze, Mandatsstrukturen, Profitabilität.
Kurz gesagt: Finanzdaten + Personaldaten + Marktdaten = eine vollständige Kanzlei‑Intelligence‑Plattform.
SurePoint‑CEO Eric Thurston formuliert den Anspruch offen: Man will die Lücke zwischen „financial intelligence“ und „people intelligence“ schließen und so vor allem mittelgroßen Kanzleien Werkzeuge an die Hand geben, die bisher eher Großkanzleien vorbehalten waren.
Für Leopard‑Gründerin Laura Leopard liegt der Mehrwert klar in der Wettbewerbsintelligenz: Wer die richtigen Daten hat, kann sich im Markt deutlich gezielter positionieren, neue Praxisbereiche aufbauen und Personalstrategien datengestützt planen.
Warum Daten & KI im Kanzleimanagement plötzlich Chefsache sind
Der Deal ist symptomatisch für einen Trend, den ich in vielen Gesprächen mit Kanzleien in Deutschland und Österreich sehe: Kanzleiführung wird datengetrieben.
Von Bauchgefühl zu belastbaren Kennzahlen
Früher reichten oft drei Fragen:
- Wie voll ist die Stundenliste?
- Sind die Partner zufrieden?
- Kommen genug neue Mandate rein?
Heute brauchen selbst mittelgroße Einheiten wesentlich präzisere Antworten:
- Welche Mandate sind wirklich profitabel – nach Anwalt, Team und Mandantengruppe?
- Welche Praxisbereiche wachsen im Markt, und wo passen unsere Kompetenzen dazu?
- Welche Kanzleien sind echte Wettbewerber um unsere Wunschmandanten und Talente?
Genau hier greifen Legal‑Analytics‑ und KI‑Lösungen ein: Sie verbinden interne Kanzleidaten (Zeit, Umsatz, Kosten, Realisierungsquoten) mit externen Marktdaten (Personalmobilität, Praxisfokus, Mandatsstrukturen). Aus „Bauchgefühl“ werden Dashboards, Prognosen und Handlungsempfehlungen.
KI als „Equalizer“ für kleinere Kanzleien
Spannend an der SurePoint‑Logik ist die Idee eines „Equalizers“ für kleinere und mittelgroße Kanzleien. Bisher hatten vor allem Großkanzleien eigene BI‑Teams, Data Analysts und maßgeschneiderte Tools. Mittelständische Kanzleien mussten improvisieren.
Durch Plattformen, die Daten, Analytics und KI vorgefertigt anbieten, können auch kleinere Teams:
- Benchmarks mit vergleichbaren Kanzleien ziehen
- Personalentscheidungen mit Marktdaten abgleichen
- Praxisbereiche auf Basis echter Nachfrageprognosen ausbauen
- Vergütungsmodelle für Anwält:innen datenbasiert justieren
Genau dieser Gedanke ist auch für österreichische und deutsche Kanzleien hoch relevant. Nicht, weil man SurePoint sofort einsetzen sollte, sondern weil die Erwartungshaltung der Mandanten sich ebenfalls verändert: Sie erwarten heute mehr Effizienz, mehr Transparenz und professionelles Controlling – gestützt durch Technologie.
Was Kanzleien konkret aus dem Deal lernen können
Die Übernahme zeigt, wohin sich der Markt bewegt. Daraus lassen sich sehr konkrete Schritte für Kanzleien im DACH‑Raum ableiten.
1. Ohne saubere Datenbasis keine sinnvolle KI
Der erste harte Satz: Wer seine eigenen Kanzleidaten nicht im Griff hat, kann von KI und Analytics nur eingeschränkt profitieren.
Bevor Sie an große KI‑Projekte denken, sollten folgende Basics sitzen:
- Konsequente Zeiterfassung (inkl. Non‑Billable‑Time)
- Saubere Mandanten- und Aktenstammdaten (Branche, Größe, Rechtsgebiet)
- Standardisierte Kosten- und Erlöslogik (Wer trägt welche Kosten, wie wird abgerechnet?)
- Strukturierte Personaldaten (Seniority, Spezialisierung, Auslastung)
Schon einfache BI‑Auswertungen auf dieser Basis liefern enorme Mehrwerte – KI kommt dann als nächster Schritt oben drauf.
2. „Firm Intelligence“: Mehr als nur Controlling
SurePoint spricht von einem „complete package of firm intelligence solutions“. Hinter dem Buzzword steckt eine sinnvolle Idee: Kanzleisteuerung ist mehr als nur Finanzcontrolling.
Eine moderne Kanzlei‑Intelligence umfasst mindestens vier Ebenen:
- Finanzintelligenz – Umsätze, Deckungsbeiträge, Cashflow, Honorarstruktur
- Personalintelligenz – Auslastung, Performance, Fluktuation, Karrierepfade
- Mandats- & Mandantenintelligenz – Profitabilität pro Mandant, Cross‑Selling‑Potenzial, Branchenschwerpunkte
- Markt- & Wettbewerbsintelligenz – wer stellt wen ein, welche Praxisgruppen wachsen, welche Tagessätze sind durchsetzbar
KI‑gestützte Tools können hier Muster erkennen, die mit klassischen Reports kaum sichtbar werden – etwa Frühwarnsignale für unprofitable Mandate oder Talente mit erhöhtem Abwanderungsrisiko.
3. Personalstrategie datenbasiert statt aus dem Bauch
Ein zentraler Teil von Leopard Solutions sind Personaldaten und Karriereverläufe. Übertragen auf den DACH‑Markt heißt das: Kanzleien sollten ihre Talentstrategie systematisch analysieren.
Konkrete Fragen, die sich per Analytics & KI beantworten lassen:
- In welchen Teams entsteht regelmäßig Überlastung, die zu Fehlern oder Kündigungen führt?
- Welche Qualifikationen fehlen uns, um in einem wachsenden Rechtsgebiet mitzuspielen (z.B. ESG‑Compliance, KI‑Regulierung, Data Privacy)?
- Welche Profiltypen sind bei uns besonders erfolgreich – und wie gewinnen wir mehr davon?
Wer hier mit Daten arbeitet, hat beim Kampf um Talente – gerade in kleineren Rechtsmärkten wie Österreich – einen echten Vorsprung.
Anwendungen für KI in der Kanzleipraxis – jenseits der Schlagzeilen
Die Übernahme von Leopard Solutions ist nur ein Baustein in einem größeren Bild: KI zieht in alle Ebenen der Kanzleipraxis ein. In dieser Blogreihe sprechen wir häufig über Vertragsanalyse, Rechtsrecherche oder Litigation‑Analytics. Die SurePoint‑Story zeigt: Backoffice‑KI ist genauso wichtig.
KI im Kanzleimanagement
Einige sehr praxisnahe Szenarien, die heute bereits technisch möglich sind:
- Mandats-Scoring in Echtzeit: Beim Anlegen einer neuen Sache berechnet ein KI‑Modell auf Basis historischer Daten, wie profitabel Mandat und Mandant voraussichtlich sein werden.
- Automatisierte Honorarprognosen: KI schätzt Aufwand und Kosten anhand ähnlicher Fälle – hilfreich bei Pauschalhonoraren und Caps.
- Frühwarnsystem für Cashflow‑Risiken: Muster in Zahlungszielen, Abschreibungen und Stundensätzen zeigen, wo Liquiditätsengpässe drohen.
KI in Business Development & Marktstrategie
Genau hier liegt die Stärke eines Players wie Leopard Solutions – und das ist übertragbar:
- Identifikation neuer Praxisgebiete: Analyse von Stellenanzeigen, Gerichtsentscheidungen und Branchennachrichten, um wachsende Themen zu erkennen (z.B. KI‑Haftung, NIS2, Hinweisgeberschutz).
- Wettbewerber‑Benchmarking: Welche Kanzleien wachsen in welchen Branchen? Welche Teams bauen sie auf? Wie positionieren sie sich?
- Mandanten-Potenzialanalysen: Welche bestehenden Mandanten haben ungenutztes Potenzial in anderen Rechtsgebieten?
Für mittelgroße Kanzleien ist das eine Riesenchance: Sie können gezielt dort investieren, wo Markttrend und eigene Stärke zusammenpassen – statt „auf Verdacht“ neue Fachbereiche auszurufen.
Was heißt das konkret für Kanzleien in Deutschland und Österreich?
Die wichtigste Erkenntnis: Solche Entwicklungen bleiben nicht auf den US‑Markt beschränkt. Auch wenn SurePoint/Leopard vorerst eher nordamerikanisch geprägt sind, entstehen im DACH‑Raum vergleichbare Lösungen – und die Erwartungshaltung der Mandanten ist international.
4 Schritte, um jetzt sinnvoll zu starten
Wer heute noch keine strukturierte Data‑ oder KI‑Strategie hat, kann mit einem überschaubaren Fahrplan beginnen:
-
Dateninventur durchführen
Welche Daten haben wir in Kanzlei‑Software, DMS, CRM, Buchhaltung, HR? Wie sauber sind sie? Wer ist verantwortlich? -
Pilot-Kennzahlen definieren
Starten Sie mit 5–10 Kennzahlen, die wirklich wehtun oder Geld bringen: z.B. Realisierungsquote, Deckungsbeitrag pro Mandant, Auslastung pro Team. -
Ein erstes Analytics- oder KI‑Pilotprojekt aufsetzen
Beispiel: Prognose der Mandatsprofitabilität in einem ausgewählten Rechtsgebiet oder automatisierte Auswertung von Zeiteinträgen. -
Rollen und Verantwortlichkeiten klären
Wer im Partnerkreis trägt die Verantwortung für LegalTech und KI? Wer ist operative:r „Product Owner“ im Backoffice?
Häufige Fragen aus der Praxis
Brauchen wir sofort eine große KI‑Plattform?
Nein. Viele Kanzleien starten sinnvoll mit BI‑Dashboards und kleineren KI‑Modulen, die in bestehende Systeme integriert werden.
Ist das nur für Großkanzleien relevant?
Ganz klar: nein. Gerade mittelgroße Kanzleien profitieren, weil sie mit begrenzten Ressourcen gezielter steuern müssen.
Wie sieht es mit Datenschutz aus?
Für Kanzleien sind Datenschutz und Vertraulichkeit nicht verhandelbar. Jede KI‑Lösung muss on‑premise oder in einer geprüften Cloud laufen, mit klaren Löschkonzepten und strikter Mandantentrennung.
Ausblick: KI‑gestützte Kanzleiführung wird zum Standard
Die Übernahme von Leopard Solutions durch SurePoint ist ein weiteres Signal: LegalTech verschiebt sich von „nice to have“ zu „zentrale Infrastruktur“. Wer seine Kanzlei führen will wie vor 15 Jahren, wird es im kommenden Jahrzehnt schwer haben – unabhängig von Größe und Spezialisierung.
Für deutsche und österreichische Rechtsanwält:innen heißt das:
- Vertragsanalyse‑KI und automatisierte Rechtsrecherche sind nur ein Teil der Geschichte.
- Genauso wichtig ist eine daten- und KI‑gestützte Kanzleisteuerung.
- Entscheidungen über Personal, Praxisbereiche und Mandantengruppen werden zunehmend mit Unterstützung von Analytics getroffen.
Wer heute anfängt, seine Datenbasis aufzubauen, erste KI‑Anwendungen im Kanzleimanagement zu testen und intern klare Verantwortlichkeiten für LegalTech definiert, hat einen deutlichen Vorsprung, wenn sich der Markt weiter in Richtung „Firm Intelligence“ bewegt.
Wenn Sie überlegen, wie Sie KI und LegalTech konkret in Ihrer Kanzlei – in Deutschland oder Österreich – verankern können, ist jetzt ein guter Zeitpunkt, den ersten strukturierten Schritt zu gehen.