90 Mio. € für Libra Technology: Was der Wolters-Kluwer-Deal für KI-gestützte Rechtsrecherche und Vertragsanalyse in deutschen und österreichischen Kanzleien bedeutet.
Was der Libra-Exit mit 90 Mio. € für Ihre Kanzlei bedeutet
90 Millionen Euro für ein Legal-AI-Start-up, das es erst seit 2023 gibt – solche Deals sieht man im Rechtsmarkt nicht jeden Tag. Wolters Kluwer übernimmt Libra Technology und macht damit klar: KI im Recht ist kein Experiment mehr, sondern knallhartes Business.
Für deutsche und österreichische Rechtsanwält:innen heißt das: Wer KI-gestützte Rechtsrecherche und Vertragsanalyse weiter ignoriert, trifft eine aktive strategische Entscheidung – nur leider meist die falsche.
In dieser Ausgabe unserer Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ geht es darum, was hinter dem Libra-Deal steckt, wie sich der Markt gerade verschiebt und vor allem: Was Sie als Kanzlei oder Rechtsabteilung jetzt konkret tun sollten.
1. Der Libra-Deal in KĂĽrze: Was ist passiert?
Wolters Kluwer hat die Libra Technology GmbH vollständig übernommen. Der Deal hat ein Volumen von bis zu 90 Mio. €:
- ca. 30 Mio. € als sofortige Zahlung
- der Rest als earn-out, abhängig von zukünftigen Leistungszielen
Libra wurde 2023 von Viktor von Essen und Dr. Bo Tranberg gegrĂĽndet und hat in kurzer Zeit einiges vorzuweisen:
- Entwicklung eines Legal AI Assistant, genannt Libra AI
- Fokus auf automatische Analyse, Zusammenfassung und Umwandlung juristischer Texte
- >800 Pilotprojekte mit Kanzleien und Rechtsabteilungen
- rund 9.000 Nutzer:innen bereits vor dem Exit
Wolters Kluwer plant, Libras KI eng mit den eigenen Inhalten zu verbinden und bis Ende 2026 ein hochqualifiziertes KI-Recherchetool im Markt zu haben. Ziel: eine All-in-One-Lösung für Rechtsrecherche, Entwurf, Prüfung und Dokumentenanalyse.
Zielbild: „Eine KI, die Recht, Kontext und Nuancen versteht“ – also nicht nur Stichwörter erkennt, sondern juristisch denkt.
2. Warum dieser Deal ein Wendepunkt fĂĽr Legal-KI ist
Der Libra-Exit ist mehr als nur eine schöne Start-up-Story. Er ist ein Signal an den gesamten Rechtsmarkt im DACH-Raum.
2.1. Von „Spielwiese“ zu strategischer Infrastruktur
Noch 2022 wurden viele LegalTech-Lösungen eher als nette Spielerei gesehen. Seit 2024 hat sich das gedreht:
- Generative KI ist in der Breite angekommen
- Mandant:innen erwarten schnellere Reaktionszeiten und transparente Kosten
- Rechtsabteilungen stehen massiv unter Effizienzdruck
Wenn ein globaler Informationsanbieter wie Wolters Kluwer nun ein junges KI-Start-up in dieser Größenordnung übernimmt, heißt das: KI wird Teil der Kerninfrastruktur juristischer Arbeit.
2.2. Inhalte + KI: Die neue Machtkombination
Das Spannende an Libra ist weniger „KI an sich“, sondern die Kombination aus Technologie und kuratierten Inhalten:
- Wolters Kluwer bringt kommentierte Gesetze, FachbĂĽcher, Zeitschriften, Formulare usw.
- Libra bringt NLP-Modelle und eine praxisnahe Assistenzoberfläche.
Für Sie als Anwält:in ist das entscheidend: Die wirklich nützlichen KI-Tools werden nicht im luftleeren Raum arbeiten, sondern auf vertrauten Datenbanken aufsetzen.
Damit verschiebt sich der Wettbewerb: Nicht mehr nur „wer hat den besten Kommentar“, sondern „wer verbindet Inhalte und KI am klügsten“.
2.3. Europa statt Silicon Valley: Ein wichtiger Akzent
Libra sitzt in Europa und richtet seine Vision klar auf europäische Märkte und Compliance mit europäischen Rechtsordnungen. Für Kanzleien in Deutschland und Österreich hat das zwei Vorteile:
- Datenschutz und Berufsrecht lassen sich realistischer abbilden
- nationale und europäische Rechtssysteme stehen im Mittelpunkt, nicht US-Recht
Das ist gerade im Kontext von EU-AI-Act, DSGVO und berufsrechtlichen Verschwiegenheitspflichten ein starkes Argument gegenĂĽber generischen US-Tools.
3. Was KI wie Libra AI heute schon konkret kann
Die meisten Diskussionen ĂĽber KI im Recht bleiben abstrakt. Spannender ist: Welche Aufgaben im Kanzleialltag lassen sich mit einem Legal AI Assistant bereits heute abbilden?
3.1. Juristische Recherche beschleunigen
Ein KI-Recherchetool, das mit hochwertigen Inhalten gefĂĽttert ist, kann:
- konkrete Rechtsfragen in natĂĽrlicher Sprache entgegennehmen
- die relevanten Normen, Kommentierungen und Entscheidungen vorschlagen
- Begründungsentwürfe liefern, die Sie dann fachlich schärfen
Statt 3 Stunden „Suchen, Querverweise anklicken, PDFs öffnen“ investieren Sie vielleicht 30–45 Minuten in Prüfung und Vertiefung.
Wichtig: KI ersetzt hier keine Subsumtion, sondern die mĂĽhsame Rohrecherche.
3.2. Vertragsanalyse und DokumentenprĂĽfung
In Pilotprojekten mit ĂĽber 800 Kanzleien und Rechtsabteilungen wurden vor allem Funktionen getestet wie:
- Automatische Risiko-Flags (z.B. Haftung, Gewährleistung, Gerichtsstand)
- Klausel-Vergleich mit eigenen Musterverträgen
- Zusammenfassungen langer Verträge in Stichpunkten für Partner oder Mandanten
- Konvertierung: z.B. aus einem Word-Entwurf in eine mandantenfreundliche FAQ oder in eine interne Checkliste
Damit lassen sich typische Aufgaben von Associate-Ebene deutlich effizienter abwickeln – ohne Qualitätsverlust, wenn jemand Erfahrenes drüberschaut.
3.3. Umwandlung juristischer Sprache
Ein oft unterschätzter Nutzen: KI als Übersetzerin zwischen Juristendeutsch und Alltagssprache.
- Erstellung von Mandanteninformationen auf Basis eines Gutachtens
- Erstellung eines Executive Summary fĂĽr den Vorstand
- „Übersetzung“ juristischer Stellungnahmen in klare Handlungsempfehlungen
Gerade Unternehmensjurist:innen berichten, dass hier oft Stunden an Kommunikationsarbeit stecken – ein idealer Ansatzpunkt für KI-Unterstützung.
4. Was heißt das strategisch für deutsche und österreichische Kanzleien?
Die eigentliche Frage ist nicht, ob KI kommt, sondern wie Sie sie gestalten. Der Libra-Exit erhöht den Druck, aber bietet auch einen klaren Fahrplan.
4.1. Ohne KI-Strategie wird Kanzleimanagement zum Blindflug
Viele Kanzleien sind aktuell in einem dieser drei Zustände:
- Abwarten – „Wir schauen erstmal, wohin der Markt sich entwickelt.“
- Insellösungen – einzelne Anwält:innen testen Tools individuell.
- Klarer Fahrplan – es gibt Verantwortliche, Pilotprojekte und definierte Ziele.
Variante 3 setzt sich durch. Wer KI im Kanzleimanagement ignoriert, wird mittelfristig Probleme bekommen bei:
- Profitabilität wiederkehrender Standardmandate
- Gewinnung junger Talente, die moderne Tools erwarten
- Mandantenanforderungen nach Effizienz und Transparenz
4.2. Typische Einsatzfelder – praxisnah gedacht
Für eine durchschnittliche Wirtschaftskanzlei oder größere B2C-Kanzlei bieten sich als erste Schritte an:
- Rechtsrecherche mit KI-Unterstützung bei häufigen Fragestellungen
- Vertragsanalyse bei Standardverträgen (Miete, Arbeitsrecht, IT, AGB)
- Erstbewertungen von neuen Mandatsanfragen
- Erstellung von Textbausteinen und Entwürfen (Schriftsätze, Korrespondenz, Gutachtenstruktur)
Der Vorteil: Diese Aufgaben haben hohes Volumen, sind oft wiederkehrend und gut standardisierbar – perfekte Testfelder für Legal-KI.
4.3. Was Partner:innen besonders interessiert: ROI
Über den konkreten ROI von Libra gibt es naturgemäß keine offiziellen Zahlen. Aus vergleichbaren Projekten im DACH-Raum lassen sich aber grobe Effekte abschätzen:
- 30–50 % Zeitersparnis bei der Erstrecherche
- 20–40 % Zeitersparnis bei Standardvertragsprüfungen
- bessere Planbarkeit von Budgets bei Pauschalhonoraren
Oder anders gesagt: Sie können mehr Zeit auf hochwertige, individuell geprägte Arbeit legen – dort, wo Mandanten tatsächlich Premiumhonorare zahlen.
5. Wie Sie 2026 bereit sind: Konkreter Fahrplan fĂĽr Ihre Kanzlei
Der Libra-Deal zeigt: Spätestens 2026 werden KI-Recherchetools in Deutschland und Österreich Mainstream sein. Wer bis dahin nicht vorbereitet ist, fängt wieder von null an, während andere schon routiniert damit arbeiten.
5.1. Schritt 1: Den Status quo ehrlich analysieren
Stellen Sie sich intern drei einfache Fragen:
- Wo verbringen wir heute am meisten Zeit mit wiederkehrenden Aufgaben?
- Welche Workflows eignen sich fĂĽr Piloten? (z.B. Due Diligence, AGB-Check, Standardklagen)
- Wer im Team ist neugierig und digitalaffin genug, um solche Piloten mitzutragen?
Diese Bestandsaufnahme dauert nicht länger als einen halben Tag, ist aber der entscheidende Startpunkt.
5.2. Schritt 2: Kleine, kontrollierte Pilotprojekte
Statt gleich die gesamte Kanzlei „zu digitalisieren“, haben sich kleine, klar umrissene Piloten bewährt:
- ein bestimmter Mandantentyp (z.B. Start-ups, Mieter, Arbeitgeber)
- ein ausgewählter Fachbereich (z.B. Arbeitsrecht, IT-Recht, Handelsrecht)
- ein klarer Use Case (z.B. „Erstprüfung SaaS-Verträge bis 20 Seiten“)
Definieren Sie vorab klare Messgrößen, z.B.:
- durchschnittliche Bearbeitungszeit vorher / nachher
- Anzahl der Nachbearbeitungen durch Partner:innen
- Feedback von Mandant:innen
5.3. Schritt 3: Governance, Datenschutz und Berufsrecht klären
Gerade im deutschsprachigen Raum gilt: Ohne klare Leitplanken wird KI-Nutzung schnell zum Risiko.
Sie brauchen intern u.a. Antworten auf:
- Welche Daten dĂĽrfen ĂĽberhaupt in KI-Tools eingespeist werden?
- Wie stellen wir Vertraulichkeit und Mandatsgeheimnis sicher?
- Wie dokumentieren wir KI-Einsatz für Qualitätssicherung und Haftungsfragen?
Gut strukturierte Anbieter mit EU-Fokus (wie kĂĽnftig Wolters Kluwer + Libra) werden an dieser Stelle Vorteile haben, weil sie diese Fragen vorwegnehmen und passende Funktionen anbieten.
5.4. Schritt 4: Schulung und Kulturwandel
Die besten Tools verpuffen, wenn das Team sie nicht sinnvoll nutzt. Sinnvoll sind:
- Workshops, in denen reale Mandate mit KI-UnterstĂĽtzung durchgespielt werden
- Guides, die zeigen, wie man gute Prompts formuliert und Ergebnisse kritisch prĂĽft
- ein klarer Grundsatz: KI ist UnterstĂĽtzung, keine Entscheidungsinstanz
Am Ende ist KI in der Kanzlei weniger ein IT-Thema als ein Kulturthema: Sind wir bereit, Arbeit neu zu organisieren und Verantwortung bewusst zu verteilen?
6. Was der Libra-Exit fĂĽr die Zukunft der Rechtsberatung andeutet
Der Verkauf von Libra an Wolters Kluwer markiert einen Punkt, an dem sich der Markt neu sortiert:
- GroĂźe Fachverlage entwickeln sich zu LegalTech-Plattformen.
- KI-Assistenten wie Libra AI werden zum Alltagswerkzeug für Anwält:innen.
- Kanzleien, die frühzeitig Erfahrungen sammeln, werden ihre Produktivität und Attraktivität deutlich steigern.
Für die Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ bedeutet das: Die nächsten Jahre werden nicht von theoretischen Ideen geprägt sein, sondern von sehr konkreten Fragen:
- Wie integriere ich ein KI-Recherchetool in meinen täglichen Workflow?
- Welche Mandate eignen sich nicht fĂĽr KI-UnterstĂĽtzung?
- Wie erkläre ich Mandant:innen transparent, dass KI im Hintergrund mitarbeitet?
Wer sich diese Fragen jetzt stellt, wird 2026 nicht mehr „KI einführen“, sondern KI routiniert nutzen. Der Libra-Exit ist damit weniger ein Schlusspunkt, sondern eher der Startschuss für die nächste Phase: KI als selbstverständlicher Bestandteil juristischer Arbeit im deutschsprachigen Raum.
Wenn Sie als Kanzlei oder Rechtsabteilung den nächsten Schritt planen wollen, ist der beste Zeitpunkt nicht „irgendwann 2026“, sondern heute: klein anfangen, konkret messen, konsequent lernen.