Legal Tech Day 2025: Was Kanzleien jetzt wirklich brauchen

KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis••By 3L3C

Legal Tech Day 2025 zeigt klar: KI ist für Kanzleien kein Zukunftsthema mehr. So nutzen deutsche Rechtsanwälte KI heute schon strategisch und praxistauglich.

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Digitalisierung im Rechtsmarkt: Mut statt Abwarten

Über 350 Juristinnen und Juristen, zwei Tage Berlin, geballte Diskussionen zu KI, digitalem Rechtsstaat und neuer Kanzleipraxis: Der Legal Tech Day 2025 hat sehr klar gezeigt, wo die Reise für den deutschen Rechtsmarkt hingeht – und wo viele Kanzleien noch feststecken.

Die zentrale Botschaft, die sich durch alle Panels zog, ist unbequem und hilfreich zugleich: Digitalisierung in der Justiz und in Kanzleien ist keine Technikfrage, sondern eine Haltungsfrage. Wer weiter auf „abwarten und Tee trinken“ setzt, verliert Mandate, Talente und Anschluss. Wer mutig und strategisch mit KI arbeitet, wird in den nächsten drei Jahren den Markt prägen.

In dieser Ausgabe der Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ schaue ich auf die wichtigsten Impulse des Legal Tech Day 2025 – und übersetze sie in ganz konkrete Handlungsoptionen für Kanzleien und Rechtsabteilungen.


1. „Recht und Technik gehören zusammen“ – was das praktisch heißt

Die Eröffnungsstatements von Staatssekretärin Prof. Dr. Luise Hölscher und Bundesjustizministerin Dr. Stefanie Hubig waren erstaunlich klar: Digitalisierung ist eine Demokratieaufgabe. Es geht um Zugang zum Recht, Vertrauen in staatliches Handeln und eine Verwaltung, die lernt statt verwaltet.

FĂĽr Kanzleien und Rechtsabteilungen steckt darin eine ziemlich direkte Aufforderung:

  • Recht und Technik sind kein Gegensatz mehr.
  • Der Staat baut – mit allen Kinderkrankheiten – am digitalen Rechtsstaat.
  • Wer heute als Anwältin oder Anwalt arbeitet, ist automatisch Teil dieses Veränderungsprojekts.

Was bedeutet das fĂĽr Ihre Kanzleistrategie?

Wer seine Kanzlei in den nächsten Jahren stabil führen will, braucht drei Dinge:

  1. Mut: Entscheidungen treffen, bevor alles perfekt geregelt ist.
  2. Strategie: KI nicht als Spielerei, sondern als Baustein eines Geschäftsmodells betrachten.
  3. Menschen: Teams befähigen, Ängste adressieren, Verantwortung klar verteilen.

Viele Kanzleien investieren aktuell in „Punktlösungen“ – eine KI-Vertragsanalyse hier, eine Diktier-App dort, vielleicht ein ChatGPT-Account für die Junganwälte. Der Legal Tech Day 2025 hat gezeigt: Ohne übergreifende Strategie bleibt das Stückwerk.

Wer Digitalisierung als Tool-Einkauf versteht, nicht als Organisationsprojekt, produziert Frust statt Effizienz.


2. Digitaler Rechtsstaat: Warum Mandanten Ihre Kanzlei anders messen werden

Im Panel zum digitalen Rechtsstaat wurde sehr deutlich: Die Gesellschaft digitalisiert sich schneller, als der Staat hinterherkommt. Bürgerinnen und Bürger erwarten einfache, transparente und schnelle Verfahren – von Behörden genauso wie von Kanzleien.

Drei Konsequenzen fĂĽr die Mandatsarbeit

  1. Erreichbarkeit und Transparenz
    Mandanten, die bei Online-Banken, Versicherungs-Apps und Steuer-Tools einen 24/7-Ăśberblick gewohnt sind, fragen sich zunehmend: Warum dauert eine simple Auskunft in der Kanzlei mehrere Tage?
    KI-basierte Mandats- und Kommunikationssysteme können z. B. automatisch Status-Updates generieren, Fristen überwachen und Standard-Rückfragen vorstrukturieren.

  2. Zugang zum Recht als Wettbewerbsvorteil
    Wer digitale Erstberatung, Online-Terminbuchung, automatisierte Dokumentenerfassung oder KI-gestützte Vorprüfung anbietet, senkt die Eintrittsschwelle für Mandanten – gerade im Verbraucher- und KMU-Bereich.
    Das ist nicht nur „nice to have“, sondern zunehmend ein Marketing-Argument: niedrigere Hürde, schnellere Reaktion, transparentere Kosten.

  3. Standardisierung als Voraussetzung fĂĽr KI
    Im Panel wurde der Föderalismus als Bremse der Justizdigitalisierung beschrieben: unterschiedliche Standards, Schnittstellen, Reifegrade in den Ländern.
    In Kanzleien sehen wir ein ähnliches Muster im Kleinen: Jeder arbeitet mit eigenen Vorlagen, eigenen Excel-Listen, eigener Aktenstruktur. KI kann aber nur dann zuverlässig helfen, wenn Daten und Prozesse halbwegs standardisiert sind.

Wenn Sie also in KI für Vertragsanalyse, Fristenmanagement oder Litigation Analytics investieren wollen, führt kein Weg an einer schmerzhaften, aber lohnenden Vorarbeit vorbei: Prozesse aufräumen, Vorlagen vereinheitlichen, Verantwortlichkeiten klären.


3. KI in Rechtsabteilung und Kanzlei: Was heute schon funktioniert

Ein Highlight des Legal Tech Day 2025 war das Panel mit Rechts- und Compliance-Verantwortlichen von HARIBO, Coca-Cola, Flix und HUGO BOSS. Die Botschaft war erfreulich nüchtern: Die großen Rechtsabteilungen sind längst raus aus der Experimentierphase – und mitten in der Umsetzung.

Konkrete Einsatzszenarien, die auch fĂĽr mittelgroĂźe Kanzleien funktionieren

Die beschriebenen Use Cases lassen sich fast eins zu eins auf Kanzleien ĂĽbertragen:

  • Vertragsanalyse mit KI
    Standardklauseln erkennen, Risiken markieren, fehlende Regelungen vorschlagen, NDA-Check in Minuten statt Stunden.
    Für typische Kanzlei-Mandate (Mietrecht, Arbeitsrecht, Handels- und Gesellschaftsrecht, IT-Verträge) ist das inzwischen praxistauglich, solange ein Mensch die letzte Entscheidung trifft.

  • Wissensmanagement und Precedents
    KI-gestützte Suchfunktionen in der eigenen Datenbank helfen, passende Muster, Gutachten oder Schriftsätze sekundenschnell zu finden.
    Wer seine Dokumente sinnvoll verschlagwortet und einheitlich ablegt, spart hier später täglich Zeit.

  • Risikobewertung und Priorisierung
    KI-Tools können Fälle nach Risiko- oder Streitwert-Clustern vorsortieren und Vorschläge zur Priorisierung machen. Das hilft z. B. in Massenverfahren oder bei großen Portfolio-Prüfungen.

Der entscheidende Punkt: Keines dieser Szenarien setzt einen Konzern mit Millionenbudget voraus. Viele Lösungen sind inzwischen als SaaS verfügbar, oft mit nutzungsbasierter Abrechnung. Teuer wird es nicht zwingend durch die Lizenzen, sondern durch fehlende Vorbereitung.

Wo die Grenzen liegen – und liegen sollten

Die Vertreter der Unternehmen waren sich einig: KI trifft keine Rechtsentscheidung. Sie liefert Entwürfe, Analysen, Vorschläge. Die Verantwortung bleibt beim Menschen.

FĂĽr die anwaltliche Praxis heiĂźt das:

  • KI schreibt keine Klage „auf eigene Faust“, aber sie strukturiert Fakten und Rechtsprechung.
  • KI ersetzt nicht Ihre juristische Intuition, aber sie zeigt Muster, die im Stress leicht ĂĽbersehen werden.
  • KI nimmt Routinearbeit ab – wenn Sie bereit sind, Arbeitsabläufe anzupassen.

Genau dort scheitern viele Projekte: Die Kanzlei kauft ein beeindruckendes KI-Tool, ändert aber keine einzige Gewohnheit. Ergebnis: teure Lizenz, frustrierte Mitarbeitende, nach einem Jahr Kündigung.


4. Sprachmodelle im Praxistest: Worauf Sie bei Auswahl und Einsatz achten sollten

Im Werkstattgespräch zu generativen Sprachmodellen wurde sehr offen über Tests, Benchmarks und Praxisreife gesprochen. Für die Kanzleipraxis lassen sich ein paar klare Leitlinien ableiten.

Worauf sollten Kanzleien bei KI-Sprachmodellen achten?

  1. Datenschutz und Mandatsgeheimnis
    Nutzung nur in Umgebungen, in denen klar geregelt ist, was mit den Daten passiert. On-Premise, europäische Cloud, oder klar definierte „No-Training“-Modelle.

  2. Nachvollziehbarkeit der Ergebnisse
    Sprachmodelle sollten Quellenangaben, Zitationsvorschläge oder zumindest eine klare Struktur liefern, die eine juristische Prüfung erleichtert. „Magische“ Ergebnisse ohne Begründung sind in der Rechtsberatung Gift.

  3. Benchmarks und Qualitätstests
    Wie im Werkstattgespräch gefordert: ohne eigene Tests in realen Fällen ist jede Kaufentscheidung ein Blindflug. Ein pragmatischer Ansatz:

    • 10–20 typische Dokumente/Fragestellungen aus der eigenen Kanzlei auswählen
    • mehrere Modelle oder Anbieter gegeneinander testen
    • Qualität nach festen Kriterien bewerten (Vollständigkeit, Fehlerquote, Zeitersparnis)
  4. Integration in bestehende Systeme
    Ein KI-Assistent, der außerhalb der Kanzleisoftware lebt, wird seltener genutzt. Je besser die Integration in Akte, DMS und E-Mail-Workflow, desto höher der Nutzen.

Wer sich diese Fragen systematisch stellt, landet nicht beim „Hype-Tool des Jahres“, sondern bei einer Lösung, die zur eigenen Kanzleigröße und Mandatsstruktur passt.


5. Change Management: Ohne Menschen keine KI-Praxis

Die Fishbowl-Diskussion „Verändern oder Verwalten?“ hat etwas betont, was in vielen Kanzleien unterschätzt wird: Der produktive Einsatz von KI scheitert selten an der Technik, sondern fast immer am Change Management.

Typische Widerstände in Kanzleien – und wie man ihnen begegnet

1. Angst vor Kontrollverlust
„Wenn KI meine Verträge prüft, wozu braucht man mich noch?“
Antwort: Indem Sie KI sehr klar als Assistenz positionieren, nicht als Ersatz. Rollenklarheit hilft enorm: Die Maschine liefert Vorarbeit, der Mensch entscheidet.

2. Ăśberforderung durch zu viel Neues auf einmal
Mehrere Tools, neue Prozesse, dazu laufende Mandatsarbeit – das überfordert jedes Team.
Besser: In klar definierten Pilotprojekten starten, z. B. nur im Arbeitsrecht, nur für NDAs, oder nur für Wissensmanagement.

3. Fehlende Zeit zum Ausprobieren
Wenn alle permanent am Limit arbeiten, bleibt keine Luft, um Neues zu testen.
Wer es ernst meint mit KI, muss ganz bewusst Zeitfenster fürs Experimentieren schaffen – und diese Zeit nicht am Jahresende „wegkürzen“.

Drei pragmatische Schritte fĂĽr den Einstieg

  1. Use Cases priorisieren
    Wo entsteht in Ihrer Kanzlei aktuell der größte Aufwand mit dem geringsten Mehrwert? Typische Kandidaten:

    • ErstentwĂĽrfe fĂĽr Schreiben
    • Standardverträge prĂĽfen/anpassen
    • Rechtsprechung sichten
  2. Pilotteam bestimmen
    Ein kleines, motiviertes Team (z. B. ein Partner, zwei Associates, eine Assistenz) bekommt ein klares Mandat: Testen, dokumentieren, bewerten.

  3. Feedback ernst nehmen und Prozesse anpassen
    Was funktioniert, wird in Kanzleistandards überführt. Was nicht funktioniert, wird verworfen – ohne Schuldzuweisungen.

KI-Projekte sind Lernprojekte. Wer Fehler bestraft, verhindert Lernen.


6. Resilienz und „Pogo-Fähigkeit“: Wie Sie Ihre Kanzlei zukunftsfest machen

Die Closing Keynote sprach von „Resilienz neu codieren“ und „Pogo-Fähigkeit“: nicht nur einmal springen, sondern immer wieder auf neue Wellen aufspringen. Genau diese Fähigkeit unterscheidet in den nächsten Jahren stabile Kanzleien von denjenigen, die im Tagesgeschäft stecken bleiben.

Für die Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ heißt das ganz konkret:

  • Technikkompetenz wird Kernkompetenz. Nicht im Sinne von Programmieren, sondern im Sinne von: „Ich verstehe genug, um Chancen und Risiken bewerten zu können.“
  • Strategie schlägt Aktionismus. Lieber zwei gut durchdachte KI-Anwendungsfälle, die wirklich zum Geschäftsmodell passen, als zehn halbintegrierte Tools.
  • Kooperation schlägt Insellösung. Austausch mit anderen Kanzleien, Teilnahme an Verbandsarbeit, Mitarbeit in Standardisierungsinitiativen – all das beschleunigt Lernen und senkt Kosten.

Wer KI heute gezielt in Vertragsanalyse, Rechtsrecherche, Prozessvorhersage und Kanzleimanagement einführt, baut sich nicht nur Effizienzreserven auf. Er macht seine Kanzlei attraktiv für die nächste Juristengeneration, die genau diese Arbeitsweise erwartet.

Die gute Nachricht: Der Legal Tech Day 2025 hat gezeigt, dass die Werkzeuge reif genug sind und die rechtspolitische Debatte Fahrt aufgenommen hat. Jetzt ist die Anwaltschaft am Zug.

Frage an Sie: Welche eine KI-Anwendung werden Sie in den nächsten 90 Tagen testen – nicht theoretisch, sondern im echten Mandat?