Was Kanzleien aus dem Legal Hackathon Cologne 2025 und der KI-Lösung Justi-Aid für ihren eigenen Kanzleialltag und eine pragmatische KI-Strategie lernen können.
Warum der Legal Hackathon Cologne fĂĽr Kanzleien spannend ist
Ein Wochenende, elf Teams, 48 Stunden Zeit – und am Ende steht eine KI-Lösung, die Justizfachangestellte entlastet und Bürgern mehr Transparenz in Gerichtsverfahren gibt. Der Legal Hackathon Cologne 2025 hat ziemlich eindrucksvoll gezeigt, wie schnell sich praxistaugliche Legal-Tech-Ideen entwickeln lassen, wenn Jurist:innen, Entwickler:innen und Business-Profile ernsthaft zusammenarbeiten.
Für die Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ ist dieses Event ein perfektes Beispiel aus der Praxis: Hier sieht man sehr konkret, wie aus „KI im Recht“ kein Buzzword, sondern ein Werkzeug wird, das Fristen verwaltet, Prozesse strukturiert und Kommunikation vereinfacht – genau die Themen, die derzeit in vielen Kanzleien auf der Agenda stehen.
In diesem Beitrag geht es weniger um die Eventromantik, sondern um die Frage: Was können deutsche Kanzleien ganz praktisch aus dem Siegerprojekt „Justi-Aid“ und dem Hackathon-Format mitnehmen – für ihren eigenen Kanzleialltag und ihre KI-Strategie?
Justi-Aid: Was hinter der Siegerlösung wirklich steckt
Justi-Aid ist im Kern eine KI-gestützte Organisations- und Kommunikationslösung für die Justiz. Das Konzept lässt sich aber fast 1:1 auf Kanzleien übertragen.
Kernfunktionen von Justi-Aid
Die Lösung adressiert typische Engpässe im Justizalltag:
- Automatisierte Fristenverwaltung: Wiederkehrende Eintragungen und Ăśberwachungen werden automatisiert.
- Terminorganisation: Gerichtstermine werden zentral koordiniert und im Kalender verwaltet.
- Benachrichtigungen in Echtzeit: Änderungen – etwa Verschiebungen – werden digital kommuniziert statt per Post.
- Bürger-App für Transparenz: Parteien können Termine einsehen, Rückfragen stellen oder z. B. Krankmeldungen übermitteln.
Prägnant gesagt: Justi-Aid sortiert Routinekram aus, damit Menschen sich auf rechtliche Arbeit konzentrieren können.
Warum das fĂĽr Kanzleien relevant ist
Wenn man „Justizfachangestellte“ durch „Rechtsanwaltsfachangestellte“ und „Bürger:innen“ durch „Mandant:innen“ ersetzt, wird sofort klar, wie nah das am Kanzleialltag ist:
- Auch in Kanzleien werden Fristen noch manuell kontrolliert.
- Auch hier sind Terminabsprachen, Verschiebungen und Nachfragen ein ständiger Zeitfresser.
- Auch Mandant:innen erwarten inzwischen digitale Transparenz, nicht nur Briefe und sporadische Telefonate.
Der Clou: Justi-Aid ersetzt keine Jurist:innen, sondern kümmert sich um das, was keine originär juristische Prüfung braucht. Genau so sollten Sie KI in Ihrer Kanzlei verstehen: nicht als „Roboteranwalt“, sondern als Produktivitätsmotor für Ihr Team.
Was das Hackathon-Team richtig gemacht hat – und was Sie davon übernehmen können
Die Stärke des Teams hinter Justi-Aid lag nicht in einer „genialen Einzelidee“, sondern im Setup:
- Juristische Expertise
- Technisches Know-how
- Prozess- und Business-Perspektive
Genau dieses Dreieck brauchen auch Kanzleien, die KI sinnvoll einsetzen wollen.
1. Interdisziplinär denken statt Silo-Mentalität
Beim Legal Hackathon saßen u. a. zusammen:
- Jurist:innen und Diplom-Jurist:innen
- Legal Engineers
- Data Engineers und Software-Entwickler
- Berater:innen für Geschäftsprozesse
In vielen Kanzleien sieht die Realität noch so aus:
- Die Partnerrunde beschließt „Wir machen jetzt was mit KI“.
- Ein Tool wird angeschafft.
- Die Assistenz soll „irgendwie damit arbeiten“.
Das funktioniert selten gut. Erfolgreich sind die, die frĂĽhzeitig alle Perspektiven an den Tisch holen:
- Fachlich: Welche Workflows kommen fĂĽr Automatisierung ĂĽberhaupt in Betracht?
- Technisch: Welche Daten liegen bereits vor, wie sind die Systeme angebunden?
- Organisatorisch: Wer arbeitet wie damit – und was ändert sich im Alltag wirklich?
Konkreter Tipp fĂĽr Kanzleien:
- Stellen Sie ein kleines internes „Legal-Tech-Team“ aus mindestens drei Rollen zusammen: Partner/in, Associate oder WissMit, Rechtsanwaltsfachangestellte.
- Ergänzen Sie – intern oder extern – Technikkompetenz (IT, Legal Engineer, externer Dienstleister).
- Geben Sie diesem Team ein klares Ziel und ein Zeitfenster (z. B. 6 Wochen) für einen Prototypen.
2. Zeitstruktur und Fokus – wie im Hackathon
Das Justi-Aid-Team beschreibt sehr deutlich, wie wichtig eine klare Zeitstruktur war:
- Schnelles Brainstorming zu Beginn
- Klare Rollenverteilung
- Regelmäßige Absprachen, um Ergebnisse zu verknüpfen
Ăśbertragen auf Ihren Kanzleialltag heiĂźt das: KI-EinfĂĽhrung ist ein Projekt, kein Nebenbei-Thema.
Statt monatelang lose zu diskutieren, können Sie sich an der 48-Stunden-Logik orientieren – nur in etwas realistischer:
- Tag 1–2: Problem definieren (z. B. Fristenorganisation, Mandantenkommunikation, Vertragsprüfung).
- Woche 1–2: Tools und Workflows auswählen, Testdaten vorbereiten.
- Woche 3–4: Pilot umsetzen und intern testen.
- Woche 5–6: Feedback einholen, Anpassungen vornehmen, Roll-out planen.
Die Erfahrung aus Hackathons: Wenn der Zeitdruck hoch ist, wird klarer priorisiert – und man kommt von „Wir müssten mal…“ zu „Wir haben etwas, das funktioniert“.
Drei konkrete Learnings fĂĽr Ihre KI-Strategie in der Kanzlei
Wer sich den Legal Hackathon Cologne 2025 und Justi-Aid genau anschaut, erkennt drei Muster, die sich wunderbar auf Kanzleien ĂĽbertragen lassen.
Learning 1: Routine identifizieren und konsequent automatisieren
Justi-Aid konzentriert sich bewusst auf Routineaufgaben:
- Eintragung und Ăśberwachung von Fristen
- Koordination von Gerichtsterminen
- Standardbenachrichtigungen und Status-Updates
Genau das sind die Themen, die auch in Kanzleien viel Zeit fressen und sich hervorragend fĂĽr KI und Automatisierung eignen.
Typische Kandidaten im Kanzleialltag:
- Erstscreening eingehender E-Mails (Zuordnung zu Akten, Fristen, Zuständigkeiten)
- Erstellung einfacher Standardschreiben auf Basis von Vorlagen
- Automatische Erinnerungen an Mandanten (Unterlagen nachreichen, Termine bestätigen)
- Strukturierung von Dokumenten (z. B. Extraktion von Fristen aus Beschlüssen)
Der entscheidende Punkt: Sie mĂĽssen nicht mit komplexer Vertragsanalyse anfangen. Oft haben Kanzleien mit einfachen, workflow-nahen KI-Anwendungen deutlich schneller spĂĽrbare Effekte.
Learning 2: Mandantenkommunikation digital denken
Die Bürger-App von Justi-Aid ist im Justizkontext ein echter Fortschritt: Parteien können jederzeit sehen, was Sache ist, statt auf Briefe zu warten.
Ăśbertragen auf Kanzleien heiĂźt das:
- Mandant:innen wollen verstehen, wo ihr Verfahren steht.
- Sie möchten Dokumente bequem digital einreichen.
- Sie erwarten schnelle, zumindest kurze RĂĽckmeldungen.
Mögliche Bausteine für Ihre Kanzlei:
- Mandantenportal mit sicherem Dokumentenupload
- Automatisierte Status-Updates („Klage eingereicht“, „Termin bestimmt“, „Vergleichsvorschlag eingegangen“)
- KI-gestützte FAQ- oder Chat-Assistenten für Standardfragen (z. B. „Welche Unterlagen brauchen Sie von mir?“)
Hier geht es nicht um „Show-Effekte“, sondern um Mandantenzufriedenheit und Entlastung Ihres Teams. Wer diese Themen früh adressiert, positioniert sich im Markt klar moderner als „Akten-per-Post“-Kanzleien.
Learning 3: KI entlastet Menschen, sie ersetzt sie nicht
Das Justi-Aid-Team hat groĂźen Wert darauf gelegt, KI so einzusetzen, dass sie Menschen unterstĂĽtzt. Die Software priorisiert Aufgaben und filtert nur das heraus, was wirklich juristische PrĂĽfung erfordert.
Dasselbe sollte MaĂźstab fĂĽr KI in Kanzleien sein:
- KI kann Vorschläge machen – die Entscheidung bleibt bei der Anwältin / dem Anwalt.
- KI kann Entwürfe formulieren – Feinschliff, Einordnung und Strategie sind menschlich.
- KI kann Muster erkennen – die rechtliche Bewertung ist eine originär anwaltliche Leistung.
Wer das intern klar kommuniziert, nimmt Ängste und erhöht die Bereitschaft, neue Tools ernsthaft zu nutzen.
Warum das Hackathon-Format auch fĂĽr Kanzleien spannend ist
Viele Anwält:innen unterschätzen, wie stark ein Hackathon-ähnliches Format die eigene Organisation nach vorne bringen kann – nicht nur technisch, sondern kulturell.
Offenheit schlägt Vorwissen
Ein zentrales Fazit des Siegerteams: Nicht Vorwissen, sondern Offenheit ist entscheidend. Man muss weder Jurist:in noch IT-Profi sein, um bei einem Legal Hackathon sinnvoll mitzumachen.
Ăśbertragen auf Kanzleien heiĂźt das:
- Ihre erfahrene ReFa kennt oft die größten Pain Points besser als die Partner.
- Jüngere Kolleg:innen bringen häufig mehr Experimentierfreude mit als man denkt.
- Auch jemand ohne Tech-Hintergrund kann hervorragend testen, bewerten und mitdenken.
Wer intern ein kleines „KI-Sprint-Wochenende“ oder einen „Legal-Tech-Tag“ organisiert, erlebt oft einen ähnlichen Effekt wie in Köln: Man wächst über sich hinaus, wenn man sich bewusst 1–2 Tage auf Innovation konzentriert.
Community-Effekt: raus aus der eigenen Blase
Der Legal Hackathon Cologne lebt von einer sehr kollegialen, hilfsbereiten Community. Mentor:innen, andere Teams, Organisatoren – alle ziehen in dieselbe Richtung.
FĂĽr Kanzleien heiĂźt das:
- Schauen Sie ĂĽber die eigene Organisation hinaus.
- Suchen Sie Kooperationen mit Legal-Tech-Start-ups, Universitäten oder Legal-Tech-Labs.
- Schicken Sie Nachwuchsjurist:innen oder Associates bewusst auf solche Events.
Wer heute KI und Legal Tech ernst nimmt, baut Netzwerke auf. Und genau diese Netzwerke entscheiden in den nächsten Jahren mit darüber, wer Zugang zu neuen Lösungen, Talenten und Projekten hat.
Wie Sie aus den Erkenntnissen jetzt konkrete Schritte machen
Der Legal Hackathon Cologne 2025 zeigt sehr deutlich: KI im Rechtsmarkt ist längst Praxis, nicht nur Theorie. Mit Justi-Aid gibt es ein greifbares Beispiel dafür, wie man aus alltäglichen Problemen (Fristen, Kommunikation, Papierpost) in kurzer Zeit eine KI-gestützte Lösung entwickeln kann.
Wenn Sie als deutsche:r Rechtsanwalt/Rechtsanwältin oder Kanzleimanager:in daraus etwas mitnehmen wollen, dann diese Punkte:
- Starten Sie klein, aber fokussiert. Wählen Sie einen klar umrissenen Anwendungsfall (z. B. Fristenorganisation, Terminmanagement oder Mandantenkommunikation) und testen Sie eine KI-unterstützte Lösung.
- Bauen Sie ein interdisziplinäres Team auf. Holen Sie Partner, Associates, ReFas und Technik an einen Tisch – so wie beim Hackathon in Köln.
- Denken Sie in Prototypen, nicht in Perfektion. Ein funktionierender Entwurf, der in 4–6 Wochen entsteht, bringt Ihre Kanzlei weiter als ein zwei Jahre lang diskutiertes „Digitalisierungsprojekt“.
- Verstehen Sie KI als Entlastung, nicht als Bedrohung. Die spannendsten KI-Lösungen im Rechtsmarkt sind diejenigen, die Menschen Zeit für echte juristische Arbeit verschaffen.
Die Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ zeigt an vielen Beispielen, wie Kanzleien KI für Vertragsanalyse, Rechtsrecherche, Prozessvorhersagen und Kanzleimanagement nutzen können. Der Legal Hackathon Cologne und Justi-Aid liefern dazu ein wichtiges Signal:
Wer bereit ist, neu zu denken, interdisziplinär zu arbeiten und KI konsequent auf Praxisprobleme anzusetzen, wird den Rechtsmarkt der nächsten Jahre aktiv mitgestalten – statt nur zuzuschauen.
Die Frage ist weniger, ob Sie KI einsetzen, sondern womit Sie anfangen und wie schnell Sie ins Tun kommen.