Kindgerechte Justiz digital denken – mit KI und LegalTech

KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis••By 3L3C

Kindgerechte Justiz ist mehr als Haltung – sie braucht Struktur, Daten und gute Tools. Wie KI und LegalTech Familien- und Strafverfahren mit Kindern konkret verbessern können.

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Warum kindgerechte Justiz jetzt ein Digitalisierungsthema ist

Kinder, die im Gerichtssaal aussagen müssen, berichten teilweise drei-, viermal dieselbe traumatische Geschichte – weil Videovernehmungen fehlen, Technik nicht funktioniert oder niemand sich zuständig fühlt. Genau das beschreibt Viktoria Rappold vom Deutschen Kinderhilfswerk im Interview: „Für Kinder nehmen Verfahren oft kein Ende.“

Für deutsche Rechtsanwält:innen steckt darin ein doppeltes Problem – und eine Chance:

  • rechtlich: Die UN-Kinderrechtskonvention verlangt eine kindgerechte Justiz, inkl. Information, Beteiligung und Schutz.
  • praktisch: Ăśberlastete Familien- und Strafgerichte, unzureichende Ausstattung, wenig Fortbildung – und jede Menge MedienbrĂĽche in der täglichen Arbeit.

Hier kommt das Thema unserer Serie „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ ins Spiel. Denn kindgerechte Justiz ist nicht nur eine Frage der Haltung, sondern auch eine Frage von Struktur, Prozessen und Technik. Und genau diese drei Hebel lassen sich mit KI- und LegalTech-Lösungen erstaunlich gut bewegen.

In diesem Beitrag geht es darum:

  • welche rechtlichen Anforderungen die kindgerechte Justiz konkret stellt,
  • wo die Praxis heute scheitert,
  • und wie KI-gestĂĽtzte LegalTech-Tools Familien- und Strafverfahren mit Kindern spĂĽrbar entlasten können – fachlich, organisatorisch und menschlich.

1. Was „kindgerechte Justiz“ rechtlich bedeutet

Kindgerechte Justiz ist kein WohlfĂĽhlbegriff, sondern harte Rechtslage.

Kernnormen sind vor allem:

  • Art. 3 UN-Kinderrechtskonvention (UN-KRK) – Vorrang des Kindeswohls
  • Art. 12 UN-KRK – Recht des Kindes, in allen es betreffenden Verfahren angehört zu werden
  • Art. 13 UN-KRK – Informationsrecht
  • Art. 40 UN-KRK – besondere Garantien im Jugendstrafverfahren
  • Leitlinien des Europarats zur kindgerechten Justiz (2010) – u.a. Recht auf Information, Beteiligung, Privatsphäre, Schutz vor Retraumatisierung

Rappold bringt es auf den Punkt: Kindgerechte Justiz heiĂźt, die Rechte von Kindern effektiv umzusetzen, ĂĽberall dort, wo sie beteiligt sind:

  • Familienrecht (Sorge, Umgang, Herausnahme, Gefährdung)
  • Strafverfahren (als Zeug:innen oder Beschuldigte)
  • Asyl- und aufenthaltsrechtliche Verfahren

Was verlangt das praktisch von Anwält:innen, Gerichten und Behörden?

  • Kinder mĂĽssen verstehen, worum es geht.
  • Sie brauchen die Möglichkeit, ihre Sicht mitzuteilen – altersgerecht.
  • Sie dĂĽrfen nicht unnötig erneut belastet werden (Mehrfachvernehmungen, Konfrontation mit der beschuldigten Person usw.).
  • Entscheidungen mĂĽssen begrĂĽndet und nachvollziehbar sein.

Die Realität: Das klappt an einzelnen Standorten gut – bundesweit ist das Bild extrem heterogen. Genau hier schaffen KI und LegalTech Ansatzpunkte, um Standards zu heben und Ungleichheiten zu verringern.


2. Wo die Praxis heute scheitert – und warum das auch ein Datenproblem ist

Aus den Projekten des Deutschen Kinderhilfswerks und der Monitoring-Stelle UN-KRK zeichnen sich einige Muster ab:

2.1 LĂĽcken bei Information und Beteiligung

  • Es fehlen altersgerechte Informationsmaterialien (Flyer, Videos, Erklärtexte in einfacher Sprache).
  • Kinder wissen oft nicht, wer welche Rolle hat (Richter:in, Verfahrensbeistand, Anwält:in, Jugendamt).
  • Beteiligung hängt stark von engagierten Einzelpersonen ab, nicht von Standards.

2.2 Unzureichende technische Ausstattung

  • Videovernehmungen sind vielerorts möglich, werden aber
    • nicht oder zu spät eingesetzt,
    • nicht so durchgefĂĽhrt, dass das Video ersetzend in die Hauptverhandlung eingefĂĽhrt wird,
    • von Richter:innen aus Zeit- und OrganisationsgrĂĽnden gemieden.
  • Gerichtsräume sind selten kindgerecht, getrennte Zugänge sind die Ausnahme.

2.3 Ausbildung und Zeitressourcen

  • Kinderrechte und kindgerechte Justiz sind kein Pflichtbestandteil der juristischen Ausbildung.
  • Fortbildungen sind punktuell, aber nicht strukturell verankert.
  • Zeitdruck: Eine wirklich kindgerechte Anhörung braucht schlicht mehr Stunden, die in den Pensen nicht vorgesehen sind.

2.4 Fast keine Datenbasis

Brisant: Es gibt keine verlässlichen Zahlen, wie viele Kinder jährlich in welchen Verfahren beteiligt sind, wie sie die Verfahren erleben und wie kindgerecht Gerichte agieren.

FĂĽr datenaffine Kanzleien ist klar: Wo keine Daten sind, gibt es auch

  • keine systematische Evaluation,
  • keine fundierte Qualitätssicherung,
  • und kaum Ansatzpunkte fĂĽr evidenzbasierte Verbesserungen.

Genau an dieser Schnittstelle – Informationen, Standardisierung, Daten – setzt LegalTech an.


3. Wo KI Rechtsanwält:innen in Kindersachen ganz konkret entlastet

Für Familien- und Strafverteidiger:innen (und Nebenklagevertreter:innen), die regelmäßig mit Kindern arbeiten, lässt sich heute schon viel digital abbilden. Einige praxisnahe Einsatzfelder:

3.1 Automatisierte Rechtsrecherche zu Kinderrechten

Wer kennt es nicht: Zwischen Anhörung und Hauptverhandlung bleibt kaum Zeit, um neben Familienrecht und StPO auch noch

  • UN-KRK,
  • Europaratsleitlinien,
  • BGH- und OLG-Rechtsprechung,
  • sowie fachliche Empfehlungen (z.B. kinderrechtsbasierte Kriterien in Kindschaftssachen)

im Detail durchzuarbeiten.

KI-gestützte Recherchetools können hier massiv Zeit sparen:

  • Frageorientierte Recherche: „Welche Anforderungen stellt Art. 12 UN-KRK an die Anhörung eines 10-jährigen Kindes im Sorgerechtsverfahren?“
  • Schnelle NormenĂĽbersicht: Zusammenfassungen relevanter Artikel der UN-KRK mit Verweisen auf deutsche Umsetzung (z.B. in FamFG, StPO, AsylG).
  • Checklisten-Generierung: Aus Leitlinien werden To-do-Listen („Habe ich das Kind ĂĽber… informiert?“, „Ist die Anhörung zeitlich und räumlich kindgerecht gestaltet?“).

Damit haben Anwält:innen nicht nur Bauchgefühl, sondern strukturierte, schnell verfügbare Argumente, um im Gerichtssaal auf kindgerechte Gestaltung zu drängen.

3.2 Standardisierte, kindgerechte Informationstexte – automatisch angepasst

Kinder haben ein Informationsrecht. In der Praxis scheitert es an der Zeit, für jede Altersstufe eigene Erklärtexte zu formulieren.

KI-gestützte Textgeneratoren können aus einem juristisch geprüften „Mastertext“ automatisch Varianten erstellen:

  • fĂĽr 7–10 Jahre: kurze Sätze, Bilder, einfache Vergleiche
  • fĂĽr 11–14 Jahre: mehr Details, trotzdem verständlich
  • fĂĽr 15–17 Jahre: fast erwachsen, aber ohne Juristendeutsch

Auch Mehrsprachigkeit lässt sich so abbilden. Die juristische Verantwortung bleibt selbstverständlich bei der Kanzlei – aber die Erstversion steht in Minuten.

Nutzen fĂĽr die Praxis:

  • Mandant:innenkinder verstehen eher, was passiert.
  • Eltern spĂĽren, dass die Kanzlei die BedĂĽrfnisse der Kinder ernst nimmt.
  • Anwält:innen können dokumentieren, dass sie dem Informationsrecht nachgekommen sind – ein Punkt, der perspektivisch auch haftungsrechtlich interessant werden dĂĽrfte.

3.3 KI-gestĂĽtzte Dokumentation von Videovernehmungen

Wenn Videovernehmungen Standard werden sollen, braucht es Strukturen – auch in Kanzleien.

Hier kann KI helfen:

  • Transkription: Automatische, datenschutzkonforme Verschriftlichung der Videoaussage.
  • Strukturierung: Markierung zentraler Passagen (Tatbeschreibung, Belastungssymptome, Angaben zu Tätern, WidersprĂĽche).
  • Vergleich: Bei mehreren Vernehmungen können Aussagen systematisch gegenĂĽbergestellt werden – ohne das Kind immer wieder zu befragen.

Für Strafverteidigung wie Nebenklage gilt: Das ersetzt keine eigene Würdigung, erleichtert aber effiziente Vorbereitung und präzise Antragstellung (z.B. zur Nutzung der Aufzeichnung nach § 255a StPO).

3.4 Workflow-Automatisierung in Familien- und Strafsachen

Kindgerechte Verfahren bedeuten meist mehr Organisationsaufwand:

  • Terminkoordination mit Jugendamt, Verfahrensbeistand, Gericht
  • psychosoziale Prozessbegleitung
  • getrennte Anreisewege, Wartezeiten, Begleitpersonen

Moderne Kanzleimanagementsysteme mit KI-Modulen können:

  • Standard-Workflows fĂĽr Kindersachen hinterlegen (Checklisten, Fristen, Aufgaben),
  • Risikohinweise geben („Achtung: Kind könnte im Termin der beschuldigten Person begegnen – Alternativen prĂĽfen.“),
  • Dokumentation automatisieren (wer wurde wann, wie informiert?).

Das klingt banal, wirkt aber: Viele Defizite in der Praxis sind keine böse Absicht, sondern Zeit- und Organisationsprobleme. Gute Tools reduzieren genau das.


4. Effizienz ist kein Widerspruch zum Kinderschutz – im Gegenteil

Ein häufiger Denkfehler: Mehr Technik = weniger Menschlichkeit. In der kindgerechten Justiz ist es eher umgekehrt.

4.1 Wo Effizienz dem Kind direkt nĂĽtzt

  • Weniger Wiederholungen: Wenn Videovernehmungen gut geplant, aufgezeichnet und in der Hauptverhandlung ersetzend eingefĂĽhrt werden, muss das Kind seine Geschichte nicht immer wieder erzählen.
  • KĂĽrzere Verfahrensdauer: Digitale Akten, automatisierte Fristenkontrolle und klare Workflows senken das Risiko von Verzögerungen – und damit von dauerhafter Belastung.
  • Bessere Vorbereitung: Wenn Anwält:innen und Gerichte schnell auf relevante Rechtsquellen und Checklisten zugreifen, ist die Chance höher, dass die Anhörung qualitativ besser läuft.

4.2 Wo Grenzen der KI klar sein mĂĽssen

Trotz aller Vorteile gilt:

  • Die Erstbeurteilung der Situation des Kindes bleibt menschliche Aufgabe – insbesondere bei Gewalt- und Missbrauchssachverhalten.
  • KI darf nicht zum heimlichen „GlaubwĂĽrdigkeitsgutachter“ werden. Aussagen sind rechtlich und forensisch zu wĂĽrdigen, nicht per Algorithmus zu bewerten.
  • Datenschutz und IT-Sicherheit sind bei Kinder- und Jugenddaten nicht verhandelbar.

Die Kunst besteht darin, KI als Werkzeugkasten zu begreifen: Sie nimmt Routinearbeit ab, damit mehr Zeit für das bleibt, was keine Maschine kann – das Gespräch mit dem Kind, die Einschätzung im Einzelfall, das Ringen um die beste Lösung.


5. Was Kanzleien jetzt konkret tun können

Wer sich mit Kindersachen befasst – ob im Familienrecht, Strafrecht oder Asylrecht –, kann schon 2026 mit überschaubarem Aufwand deutlich kindgerechter arbeiten. Ein pragmatischer Fahrplan:

Schritt 1: Eigene Verfahren analysieren

  • Wie oft haben wir Kinder als Mandant:innen oder Zeug:innen?
  • Wo hakt es regelmäßig (Information, Termine, Abstimmung mit dem Gericht)?
  • Welche Dokumente nutzen wir immer wieder (Mandanteninfos, Merkblätter, Einverständniserklärungen)?

Schritt 2: Kleine KI-Piloten starten

  • KI-Recherche-Tool fĂĽr Kinderrechte testen und im Team schulen.
  • Einen Standard-Infotext zur kindgerechten Anhörung erstellen und von KI in verschiedene Sprachniveaus umschreiben lassen.
  • Transkriptionslösungen fĂĽr Video- oder Audioaufnahmen erproben (natĂĽrlich DSGVO-konform).

Schritt 3: Workflows fĂĽr Kindersachen definieren

  • Im Kanzleisystem einen eigenen „Kindersachen“-Workflow anlegen (Aufgaben, Fristen, Dokumente).
  • Checklisten zu Beteiligungsrechten, Informationspflichten und SchutzmaĂźnahmen hinterlegen.
  • Zuständigkeiten klar regeln (wer spricht wann mit dem Kind, wer koordiniert mit Verfahrensbeistand/Jugendamt?).

Schritt 4: Fortbildung & Haltung

Technik ersetzt keine Haltung. Deshalb sollte KI immer mit Kompetenzaufbau kombiniert werden:

  • interne oder externe Fortbildungen zu Kinderrechten und kindgerechter Justiz,
  • Austausch im Team: Was hat in Terminen mit Kindern gut funktioniert, was nicht?
  • Anpassung der eigenen Kommunikation – weg vom Juristendeutsch, hin zu klarer, ehrlicher Sprache.

Fazit: Kindgerechte Justiz ist ein LegalTech-Lackmustest

Kindgerechte Justiz ist ein sehr guter Prüfstein dafür, ob LegalTech in einer Kanzlei wirklich Mandatswert schafft – oder nur ein weiteres Buzzword bleibt.

  • Wo KI Rechtsrecherche beschleunigt, entsteht Raum fĂĽr bessere Anhörungen.
  • Wo standardisierte, aber individualisierbare Informationen fĂĽr Kinder verfĂĽgbar sind, werden Rechte tatsächlich wahrnehmbar.
  • Wo Videovernehmungen, Transkription und digitale Workflows sauber aufgesetzt sind, sinkt die Belastung der Kinder spĂĽrbar.

FĂĽr Kanzleien, die im Familienrecht oder Strafrecht unterwegs sind, ist das Thema damit doppelt interessant:

  1. Fachlich: Sie bewegen sich dichter an den Vorgaben von UN-KRK und Europarat.
  2. Strategisch: Sie positionieren sich sichtbar als moderne, verantwortungsbewusste Kanzlei – nicht nur für Gerichte und Verfahrensbeteiligte, sondern auch für hochsensible Mandate.

Wer sich mit KI beschäftigt, sollte deshalb nicht bei Vertragsanalyse und Document Review stehenbleiben. Kindgerechte Justiz ist ein Feld, in dem sich sehr konkret zeigen lässt, wie Technologie dazu beitragen kann, Recht menschlicher, fairer und effizienter zu machen.

Die Frage ist weniger, ob KI hier eingesetzt werden kann, sondern: Wie schnell wollen Sie anfangen – und mit welchem ersten Baustein in Ihrer Kanzlei?