KI spart Jurist:innen Zeit, verändert Honorar- und Kanzleimodelle und stärkt den Zugang zum Recht. So setzen deutsche Kanzleien KI heute praxisnah ein.
Warum KI fĂĽr Jurist:innen gerade jetzt zur Pflicht wird
2025 ist das Jahr, in dem KI in vielen Kanzleien von „spannendem Spielzeug“ zu einem knallharten Wettbewerbsfaktor geworden ist. Während einige Sozietäten bereits 20–30 % ihrer Zeit für Standardaufgaben mit KI einsparen, arbeiten andere noch immer so, als gäbe es nur Word, E-Mail und Diktiergerät.
Für deutsche und österreichische Rechtsanwält:innen ist das riskant. Mandant:innen vergleichen nicht mehr nur Fachwissen, sondern auch Reaktionsgeschwindigkeit, Transparenz und Kostenstruktur. Genau hier entscheidet sich, ob KI ein Produktivitätsbooster – oder ein Standortnachteil – wird.
In dieser Folge der Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ schauen wir uns an, wie Künstliche Intelligenz den juristischen Alltag konkret verändert, was wir von Legal-Tech-Pionierin Sophie Martinetz lernen können und wie insbesondere kleinere Kanzleien das Thema strategisch angehen sollten.
1. Juristerei ist Text – deshalb passt KI so gut
Der Punkt ist simpel: Juristische Arbeit besteht zu großen Teilen aus Text. Schriftsätze, Verträge, Gutachten, E-Mails, Memos, interne Notizen, Mandantenbriefe – alles Sprache. Genau hier sind moderne Language Models wie ChatGPT, Claude & Co. stark.
„Juristerei ist Text – und KI-Language Models funktionieren am besten mit Sprache.“ – Sophie Martinetz
Konkrete Einsatzfelder im Kanzleialltag
Mit generativer KI lassen sich heute u. a. folgende Aufgaben massiv beschleunigen:
- Zusammenfassungen erstellen: Lange Verträge, Gerichtsbeschlüsse oder umfangreiche Akten werden in Sekunden auf Kernaussagen reduziert.
- Erste Entwürfe generieren: Schriftsätze, Klageerwiderungen, Mandantenschreiben oder E-Mails lassen sich als Rohfassung erstellen und dann juristisch verfeinern.
- Informationen finden statt nur suchen: Statt mit simplen Schlagworten in Dokumentenmanagement-Systemen zu suchen, können Jurist:innen komplexe Fragen stellen und KI nach relevanten Stellen in Akten oder Wissensdatenbanken fragen.
Eine oft zitierte Zahl: Wissensarbeiter:innen verbringen im Schnitt bis zu neun Stunden pro Woche mit bloßer Informationssuche. Wenn KI davon nur die Hälfte abnimmt, sprechen wir schnell über mehrere abrechenbare Stunden pro Woche und Person.
Beispiel aus der Praxis
Eine mittelgroße Kanzlei mit 20 Berufsträger:innen nutzt ein internes KI-Tool für die Vorbereitung von Mandantenmeetings:
- Vor dem Termin werden E-Mails, Verträge und Notizen in das System geladen.
- Die KI erstellt eine strukturierte Ăśbersicht: Sachverhalt, offene Fragen, Risiken, To-dos.
- Die Partner:innen gehen so vorbereitet in das Gespräch, als hätten sie eine Stunde mehr Aktenstudium gehabt – ohne dass diese Stunde tatsächlich angefallen ist.
Das ist kein Science-Fiction-Szenario mehr, sondern 2025 in vielen Wirtschaftskanzleien gelebter Alltag.
2. Effizienzgewinne: Wo KI Arbeit verändert – und wo nicht
KI macht juristische Arbeit effizienter, aber sie ersetzt sie nicht. Wer das verwechselt, trifft falsche Personal- und Honorarentscheidungen.
Was KI heute zuverlässig übernehmen kann
Administrative und wiederkehrende Tätigkeiten sind prädestiniert für KI-Unterstützung:
- Formatierung und Aufbereitung von Texten fĂĽr unterschiedliche Zielgruppen (Vorstand, Fachabteilung, Mandant:in)
- Entwurf von Standardanschreiben, Erinnerungs- und Mahnschreiben
- Strukturierung von Akten, Zuordnung von Dokumenten zu Themen oder Rechtsfragen
- Erste Auswertung von Urteilen nach Stichpunkten (Tenor, Streitwert, beteiligte Parteien, Kernaussagen)
Hier entstehen spürbare Produktivitätsgewinne, ohne dass das juristische Urteil gefährdet ist.
Was KI explizit nicht ersetzen sollte
Sophie Martinetz bringt es auf den Punkt: KI soll unterstĂĽtzen, nicht entscheiden. Das gilt vor allem fĂĽr:
- Juristische Subsumtion und die Wertung komplexer Sachverhalte
- Haftungsrelevante Entscheidungen (z. B. Prozessstrategie, Vergleichsangebote)
- Personalentscheidungen (z. B. Einstellung, Beförderung, Kündigung)
KI kann hier Inputs liefern – z. B. Pro- und Contra-Listen, Szenario-Analysen oder alternative Formulierungen. Die letztendliche Entscheidung bleibt aber bei der Anwältin oder dem Anwalt.
Neue Rollen in Kanzlei und Rechtsabteilung
Mit wachsendem KI-Einsatz verschieben sich Zuständigkeiten:
- Wo frĂĽher vier Assistenzen einer Partnerin zuarbeiteten, teilen sich heute mehrere Partner:innen eine Assistenz, die wiederum KI-Tools effizient steuert.
- Associates, die KI clever nutzen, liefern in derselben Zeit mehr verwertbare Ergebnisse – und werden dadurch intern sichtbarer.
Wer heute die Rolle eines „KI-Champions“ in der Kanzlei übernimmt – also Tools testet, Use Cases definiert und Wissen teilt – sichert sich fachlich wie politisch einen Vorteil.
3. KI als Sparringspartner fĂĽr Argumentation und Strategie
Der spannendste Einsatz von KI fĂĽr Jurist:innen ist aus meiner Sicht nicht die Automatisierung, sondern der intellektuelle Sparringseffekt.
Argumente, Gegenargumente, blinde Flecken
Mit einem guten KI-Modell können Sie:
- zu einem konkreten Klageziel Gegenargumente generieren lassen („Nenne mir sieben Argumente gegen…“),
- alternative Prozessstrategien simulieren,
- aus Sicht der Gegenpartei oder des Gerichts argumentieren lassen,
- mögliche Risiken oder Angriffsflächen identifizieren.
Das beschleunigt interne Diskussionen, ersetzt sie aber nicht. Die Qualität hängt stark davon ab, wie konkret und juristisch präzise Sie Ihre Prompts formulieren.
Business Development & Kanzleimanagement
KI ist nicht nur ein Werkzeug fĂĽr die Facharbeit, sondern auch fĂĽr Business Development und Kanzleisteuerung:
- Auswertung von Mandatsdaten (welche Branchen, welche Streitwerte, welche Erfolgsquoten?)
- Unterstützung bei Marketingtexten, Newslettern oder Fachbeiträgen
- Strukturierung von Bewerbungsunterlagen und Vorbereitung von Interviews (ohne die Entscheidung zu automatisieren)
Wer KI hier intelligent einsetzt, schafft Transparenz ĂĽber den eigenen Kanzleibetrieb, die bislang meist nur durch BauchgefĂĽhl ersetzt wurde.
4. Mandantenkontakt: Zwischen Komfortgewinn und „ChatGPT hat gesagt…“
KI verändert nicht nur die Arbeit in der Kanzlei, sondern auch die Erwartungen an die Kanzlei.
Digitaler Service als neues Minimum
Mandant:innen – ob Privatperson oder Konzernrechtsabteilung – erwarten inzwischen:
- digitale Onboarding-Prozesse (Dokumentenupload, Identitätsprüfung, Vollmachtserteilung),
- klare, leicht verständliche Zusammenfassungen komplexer rechtlicher Einschätzungen,
- schnelle, gut strukturierte Antworten per E-Mail oder Mandantenportal.
KI kann hier im Hintergrund unterstützen, etwa beim Vorstrukturieren von Antworten oder beim Erstellen von „Laien-Zusammenfassungen“ eines Gutachtens.
Das „Net-Doktor-Syndrom“ im Recht
Viele Anwält:innen kennen inzwischen Sätze wie:
„ChatGPT hat gesagt, ich bekomme 80.000 Euro.“
Das nervt manchmal, ist aber grundsätzlich ein gutes Zeichen: Menschen beschäftigen sich stärker mit ihrem Recht, lesen Entscheidungen, probieren Tools aus.
Die Schattenseite: falsche Erwartungen und gefährliche Vereinfachungen. In Deutschland geben laut Umfragen rund 70 % der Menschen an, nie zum Anwalt zu gehen – aus Angst vor Kosten oder aus Unsicherheit. Wenn KI-Tools diesen ersten Zugang erleichtern, aber fachanwaltliche Beratung nicht ersetzt wird, kann das die Teilhabe am Rechtsstaat stärken.
Die Chance fĂĽr Kanzleien besteht darin, sich klar zu positionieren:
- KI liefert erste Orientierung.
- Die verbindliche Einordnung und Vertretung übernimmt die Anwältin oder der Anwalt.
Wer das transparent kommuniziert, baut Vertrauen statt KonkurrenzgefĂĽhl auf.
5. Neue Geschäftsmodelle: Warum das Stundensatzmodell wackelt
KI stellt nicht nur die Arbeitsweise, sondern auch die Honorarlogik infrage. Wenn repetitive Tätigkeiten schneller gehen, wirkt ein klassischer Stundensatz plötzlich widersprüchlich.
Vom „Zeit verkaufen“ zum „Wert liefern“
GroĂźe Wirtschaftskanzleien experimentieren bereits mit:
- Pauschalhonoraren fĂĽr klar abgrenzbare Leistungen,
- Erfolgskomponenten in bestimmten Streitigkeitsarten,
- Abomodellen fĂĽr laufende Rechtsberatung.
Mit KI lässt sich die interne Arbeit besser strukturieren und planen, was diese Modelle kalkulierbarer macht. Wer an reinen Stundensätzen festhält und gleichzeitig produktiver wird, verschenkt mittelfristig Marge.
Warum gerade kleinere Kanzleien jetzt handeln sollten
Viele kleine und mittlere Kanzleien fürchten: „Wenn ich KI einsetze, verliere ich Umsatz, weil ich weniger Stunden abrechnen kann.“ Die Realität ist meist das Gegenteil:
- Ohne KI: Wenige Mandate, hohe Auslastung, begrenztes Wachstum.
- Mit KI: Mehr Mandate pro Kopf möglich, besserer Service, attraktivere Preise.
Wer sich hier sperrt, läuft Gefahr, innerhalb von wenigen Jahren abgehängt zu werden – nicht, weil die juristische Qualität schlechter wäre, sondern weil das Geschäftsmodell nicht mehr wettbewerbsfähig ist.
Ein pragmatischer Schritt fĂĽr 2025:
- Zwei bis drei konkrete Use Cases definieren (z. B. Vertragszusammenfassungen, Mandantenschreiben, einfache Recherche).
- Ein Tool wählen, das datenschutzkonform genutzt werden kann.
- Ein Pilotprojekt ĂĽber drei Monate fahren und die Effekte messen (Zeitersparnis, Fehlerraten, Mandantenfeedback).
6. Generationenfrage: Wissensvorsprung trifft Technikaffinität
In vielen Kanzleien und Rechtsabteilungen zeigt sich dasselbe Bild:
- Senior-Partner:innen bringen tiefes Fachwissen und Prozesserfahrung mit, tun sich aber schwerer mit neuen Tools.
- Jüngere Anwält:innen und wissenschaftliche Mitarbeiter:innen sind technikaffin, brauchen aber Anleitung in Taktik, Mandatsführung und forensischem Gespür.
Der produktivste Weg ist nicht „Jung gegen Alt“, sondern strukturierte Zusammenarbeit.
Wie eine sinnvolle Arbeitsteilung aussehen kann
- Senior-Partner:in definiert die Fragestellung, die Argumentationslinie und die Risikoeinschätzung.
- Associate oder Referendar:in nutzt KI fĂĽr EntwĂĽrfe, Gegenargumente und Struktur, prĂĽft und ĂĽberarbeitet.
- Senior-Partner:in nimmt das Ergebnis ab, schärft an entscheidenden Stellen nach.
So wird KI zum gemeinsamen Werkzeug, nicht zum Trennfaktor.
Fazit: KI macht Jurist:innen produktiver – wenn sie das Steuer in der Hand behalten
Wer heute als Rechtsanwält:in in Deutschland oder Österreich arbeitet, kommt an Künstlicher Intelligenz in der Kanzlei nicht mehr vorbei. Generative KI wird bleiben, sie wird besser werden – und sie wird den Markt verschieben.
Die gute Nachricht: KI ist kein Angriff auf den Anwaltsberuf, sondern ein mächtiges Werkzeug, um juristische Arbeit präziser, effizienter und zugänglicher zu machen. Der Schlüssel liegt darin, den Wandel aktiv zu gestalten, statt ihn auszusitzen.
Wenn Sie diese Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ weiterverfolgen, bekommen Sie konkrete Use Cases, Checklisten und Praxisbeispiele, mit denen Sie Ihre eigene Kanzlei schrittweise KI-fit machen können. Der beste Zeitpunkt zu starten war vor einem Jahr – der zweitbeste ist heute.