Ready for AI: So machen Kanzleien KI-sicher

KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech PraxisBy 3L3C

KI wird zur Basistechnologie in Kanzleien. So machen deutsche Rechtsanwälte ihre Daten, Prozesse und Teams wirklich „Ready for AI“ – sicher, praxisnah, mandantentauglich.

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Ready for AI: So machen Kanzleien KI-sicher

Wer heute in einer deutschen Kanzlei nach „KI“ fragt, bekommt meist zwei Reaktionen: Begeisterung – und Bauchweh. Begeisterung, weil alle sehen, wie schnell Tools wie Copilot, ChatGPT & Co. juristische Arbeit verändern. Bauchweh, weil niemand riskieren will, Mandatsgeheimnisse oder Personalakten versehentlich offenzulegen.

Genau an diesem Punkt setzte der virtuelle Austausch von Future-Law am 11.12.2025 an. Gemeinsam mit Peter Forster (base-IT) ging es um eine Frage, die in der ganzen DACH-Region brennt: Wie werden Kanzleien und Rechtsabteilungen wirklich „Ready for AI“ – technisch, organisatorisch und rechtlich?

Dieser Beitrag ordnet die zentralen Erkenntnisse für deutsche Rechtsanwält:innen ein, ergänzt sie um Praxisbeispiele aus der LegalTech-Welt und zeigt, wie Sie KI in der Kanzlei strukturiert, sicher und sinnvoll einführen können.


1. „Ready for AI“ heißt zuerst: Datenhaus in Ordnung bringen

Der wichtigste Punkt vorweg: KI-Einführung ist kein Tool-Projekt, sondern ein Infrastruktur-Projekt. Moderne KI für Rechtsanwälte – von Vertragsanalyse über Rechtsrecherche bis hin zum Kanzleimanagement – steht und fällt mit der Qualität und Struktur Ihrer Daten.

Legacy-Systeme sind das heimliche KI-Risiko

Sophie Martinetz hat es im Call klar benannt: Viele Kanzleien arbeiten noch mit Legacy-Systemen, verstreuten Netzlaufwerken, lokalen Archiven und historisch gewachsenen Berechtigungsstrukturen. Für KI ist das Gift.

Warum?

  • KI-Tools finden Zusammenhänge, die klassische Suche nie angezeigt hat.
  • Was früher „praktisch unsichtbar“ war, wird plötzlich auffindbar.
  • Fehlkonfigurierte Rechte werden so zum akuten Compliance-Problem.

Ein Praxisbeispiel aus dem Talk: Ein Kunde stellte beim Testen von Copilot erstaunt fest, dass ein Mitarbeiter auf Protokolle von Mitarbeitergesprächen zugreifen konnte – schlicht, weil alte Berechtigungen nie bereinigt wurden.

Die Lehre daraus: Bevor KI-gestützte Suche und Analyse breit freigeschaltet wird, müssen Rechte- und Datenstrukturen aufgeräumt werden.

Zwei zentrale Bausteine für das „Datenhaus“

Peter Forster hat dafür zwei Kernaufgaben benannt, die jede Kanzlei in Microsoft 365 oder vergleichbaren Systemen angehen sollte:

  1. Berechtigungen prüfen und nachschärfen

    • Rollen- und Rechtekonzept definieren (Partner, Associates, Assistenz, Verwaltung, externe Mitarbeitende)
    • Veraltete Gruppen und Freigaben konsequent schließen
    • „Need-to-know“-Prinzip anwenden, besonders bei HR, Finanzen, heiklen Mandaten
  2. Daten systematisch analysieren und kategorisieren

    • Mandatsdaten vs. interne Daten vs. personenbezogene Daten klar trennen
    • Sensible Daten kennzeichnen (z.B. „vertraulich“, „streng vertraulich“)
    • Einheitliche Ablagestrukturen und Naming-Conventions einführen

Wer diese Hausaufgaben erledigt, senkt das Risiko von Datenschutzverstößen drastisch – und schafft die Grundlage für sinnvolle KI-Nutzung in der juristischen Praxis.


2. Datenschutz & Sicherheit: So bleiben KI-Projekte berufsrechtlich sauber

Für deutsche Rechtsanwält:innen ist eine Frage zentral: Darf ich diese KI-Lösung überhaupt für Mandatsarbeit nutzen? Die Antwort hängt stark davon ab, wo Daten verarbeitet werden und wer darauf zugreifen kann.

KI im Microsoft-Ökosystem: Copilot & Co. richtig verstehen

Im Workshop wurde deutlich: Viele Sorgen rund um Copilot und vergleichbare KI für Rechtsanwälte beruhen auf Missverständnissen.

Grundprinzipien moderner Enterprise-KI-Lösungen:

  • KI greift nur auf Daten zu, für die der jeweilige Nutzer bereits eine Berechtigung hat.
  • Datenverarbeitung kann – je nach Lizenz und Konfiguration – innerhalb der EU stattfinden.
  • Trainingsdaten moderner Unternehmens-KI werden logisch von Mandatsdaten getrennt.

Das heißt: Das schwächste Glied ist nicht die KI, sondern Ihr eigenes Rechte- und Datenkonzept. Wenn Mitarbeitende heute schon auf zu viele Daten zugreifen können, macht KI dieses Problem nur sichtbarer – und schneller wirksam.

Was Kanzleien konkret tun sollten

Wer KI-gestützte LegalTech-Lösungen sicher einsetzen will, sollte:

  • mit IT und Datenschutzbeauftragten eine klare KI-Governance definieren,
  • vertraglich festhalten, wo Daten gespeichert und verarbeitet werden,
  • für sensible Mandate und Branchen (z.B. Healthcare, M&A, Insolvenz) besondere Schutzstufen einführen,
  • Protokollierung und Monitoring nutzen, um KI-Abfragen bei Bedarf nachvollziehen zu können.

Für die Außendarstellung gegenüber Mandanten ist das ebenfalls ein Pluspunkt: Sie können transparent erklären, wie KI in der Kanzlei eingesetzt wird – und wo bewusst darauf verzichtet wird.


3. Wo KI in der Kanzlei wirklich Mehrwert bringt – und wo nicht

Nicht jede Aufgabe in einer Kanzlei braucht KI. Manches lässt sich mit klassischer Automatisierung schneller, günstiger und kontrollierter lösen.

Klassische Automatisierung vs. KI – die sinnvolle Grenze

Sophie Martinetz hat es im Call auf den Punkt gebracht: Dokumentenautomatisierung – etwa mit Vorlagen, Klauselbibliotheken und Bausteinsystemen – funktioniert oft hervorragend ohne KI.

Typische Beispiele für Automatisierung ohne KI:

  • Generierung von Standardverträgen (Arbeitsverträge, Geheimhaltungsvereinbarungen, einfache AGB)
  • Erstellung von Serienanschreiben oder Standard-Mandatsbestätigungen
  • Wiederkehrende Fristenkontrolle im Kanzleimanagement

Hier ist der Vorteil: Die Logik ist klar, die Ergebnisse sind reproduzierbar, die Fehlerquote niedrig.

Wo KI für Rechtsanwälte besonders stark ist

Richtig interessant wird KI überall dort, wo Mustererkennung, Kontextverständnis und große Datenmengen ins Spiel kommen. Typische Use Cases, die im Future-Law-Austausch diskutiert wurden und sich ideal für deutsche Kanzleien eignen:

  1. Vertragsanalyse und Benchmarks

    • Vergleich von Mandantenverträgen mit internen „Best Practice“-Klauseln
    • Erkennen von ungewöhnlichen oder riskanten Formulierungen
    • Schnellbewertung bei Due Diligence oder Massenprüfungen
  2. Intelligente Rechtsrecherche

    • KI-gestützte Suche in Kommentaren, Urteilsdatenbanken, internen Gutachten
    • Zusammenfassungen längerer Texte, inkl. Verweisen auf Quellen
    • Erste Strukturierung von Argumentationslinien
  3. Wissensmanagement in der Kanzlei

    • „Frag die Kanzlei“-Assistent: interne Notizen, Memos, Schriftsätze durchsuchbar machen
    • Automatisierte Verschlagwortung und Zuordnung zu Rechtsgebieten
    • Onboarding-Hilfe für neue Mitarbeitende
  4. Wiederkehrende mittel-komplexe Aufgaben

    • Erste Entwürfe für Schriftsätze auf Basis von Akteninhalten
    • Zusammenfassungen von Telefonnotizen, Besprechungsprotokollen, Zeugenaussagen
    • Strukturierung von E-Mail-Verläufen zu einem Sachverhalt

Der Punkt ist: KI ersetzt nicht die juristische Bewertung, sondern nimmt Vorarbeiten ab, sortiert Informationen und schafft Übersicht. Wer das versteht, kann Risiken realistisch einordnen – und genau dort einsetzen, wo sich für die Kanzlei der größte Hebel ergibt.


4. Ohne Team kein Erfolg: KI-Einführung ist Change-Projekt

Technik ist nur ein Drittel der Arbeit. Die anderen zwei Drittel sind Menschen und Prozesse. Wenn Partnerrunde, Associates, Assistenz und IT in verschiedene Richtungen ziehen, wird kein KI-Projekt funktionieren – egal wie gut das Tool ist.

Warum das gesamte Kanzleiteam einbezogen werden sollte

Sophie Martinetz hat einen wichtigen Punkt angesprochen: Die besten Anwendungsfälle kommen selten von der Führungsebene.

Aus der Praxis:

  • Assistenzkräfte sehen oft zuerst, wo Zeit verloren geht: Aktenanlage, Dokumentenablage, Wiedervorlagen.
  • Associates kennen die Pain Points bei Recherche, Schriftsatzvorbereitung, Vertragsvergleichen.
  • Partner verstehen die Mandantenperspektive und die wirtschaftliche Dimension.

Wenn Sie alle Gruppen aktiv nach Ideen fragen, erhalten Sie meist eine völlig andere Liste an KI-Use-Cases, als wenn nur in der Partnerrunde diskutiert wird – und häufig deutlich praxisnäher.

Drei Schritte für einen funktionierenden KI-Change

Wer KI nachhaltig in die Kanzlei bringen will, sollte strukturiert vorgehen:

  1. Use-Case-Workshop mit dem ganzen Team

    • Offene Ideensammlung: Wo gehen heute Stunden verloren?
    • Bewertung nach Nutzen, Risiko und Umsetzungsaufwand.
    • Auswahl von 3–5 Pilotprojekten.
  2. Pilotphase mit klaren Zielen

    • Konkrete Kennzahlen definieren (z.B. Zeitersparnis pro Vorgang, Fehlerquote, Nutzerzufriedenheit).
    • Kleine, gemischte Projektteams bilden (IT, Fachanwalt, Assistenz).
    • Laufendes Feedback einholen und iterieren.
  3. Schulung und Guidelines

    • Kurze, praxisnahe Trainings: „Wie stelle ich gute Prompts?“, „Was darf ich NICHT mit KI teilen?“
    • Klare interne Richtlinie zu KI-Nutzung: Wo Pflicht, wo erlaubt, wo verboten.
    • Positive Fehlerkultur: Fehlversuche sind Lernmaterial, kein Makel.

Wer so vorgeht, reduziert Widerstände, vermeidet Wildwuchs und macht aus KI ein gemeinsames Kanzlei-Projekt – nicht ein IT-Experiment.


5. KI als Basistechnologie: Warum Abwarten teurer ist als Anfangen

Eines wurde im Online-Call sehr deutlich: KI ist keine Mode, sondern eine Basistechnologie, vergleichbar mit E-Mail oder Textverarbeitung. Sie wird nicht verschwinden, sondern still und leise in immer mehr Systeme einziehen – vom DMS bis zur Buchhaltung.

Für deutsche Rechtsanwält:innen bedeutet das:

  • Mandanten – insbesondere Unternehmen – erwarten zunehmend, dass Kanzleien effizient, datenbasiert und digital arbeiten.
  • Wettbewerber testen bereits KI-gestützte Vertragsanalyse, Prozessvorhersage und Kanzleimanagement.
  • Wer zu lange wartet, holt den Rückstand nur noch mit großem Aufwand auf.

Die gute Nachricht: Es geht nicht darum, morgen „die KI-Kanzlei“ zu sein. Es geht darum, jetzt fundierte Entscheidungen zu treffen:

  • Wo bringt KI uns messbaren Nutzen?
  • Welche Risiken sind aus Sicht von Berufsrecht und Datenschutz vertretbar?
  • Welche Infrastruktur brauchen wir, um in 1–3 Jahren handlungsfähig zu sein?

Genau hier setzt professionelle Beratung an: strukturierter Know-how-Transfer, Entscheidungsgrundlagen für Partnerkreise, Begleitung von der Strategie bis zur Umsetzung in Kanzleiprozessen.


Fazit: KI für Rechtsanwälte – sicher starten statt zögern

Die Diskussion am 11.12.2025 hat etwas sehr Klareres gezeigt: Die Frage ist nicht mehr, ob KI in der juristischen Praxis ankommt, sondern wie gut Kanzleien darauf vorbereitet sind.

Wer sein Datenhaus in Ordnung bringt, Berechtigungen prüft, sinnvolle Use Cases auswählt und das Team mitnimmt, kann KI-Lösungen wie Vertragsanalyse, intelligente Recherche und modernes Kanzleimanagement produktiv nutzen – ohne das Mandatsgeheimnis zu gefährden.

Wenn Sie Teil der Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ folgen, sehen Sie: Es gibt einen klaren Weg von ersten Pilotprojekten hin zu einer wirklich KI-fähigen Kanzlei. Der nächste Schritt ist klein, aber entscheidend: eine strukturierte Bestandsaufnahme und eine fundierte Entscheidungsgrundlage für Ihren KI-Einsatz.

Wer heute beginnt, arbeitet 2026 nicht nur schneller, sondern auch souveräner – und kann Mandanten selbstbewusst erklären, wie KI in der Kanzlei eingesetzt wird.

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