19 Insolvenzen täglich: Wie KI KMU stabiler macht

KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech PraxisBy 3L3C

19 Insolvenzen pro Tag in Österreich. Wie KI, LegalTech und datenbasierte Früherkennung KMU und ihre Rechtsanwälte dabei unterstützen, Insolvenzen zu vermeiden.

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19 Insolvenzen pro Tag: Was das für KMU in Österreich bedeutet

19 Firmenpleiten – jeden Tag. Hochgerechnet rund 6.857 Unternehmensinsolvenzen in Österreich im Jahr 2025. Bau, Handel, Gastronomie, dazu bekannte Namen wie ein großer Tankstellenbetreiber oder ein „Tiny House“-Pionier: Die Liste wird länger, nicht kürzer.

Wer ein österreichisches KMU führt – oder als Rechtsanwalt solche Unternehmen berät – spürt den Druck längst: steigende Kosten, Zinsen, Fachkräftemangel, schwache Nachfrage. Viele Betriebe haben inzwischen nicht einmal mehr genug Mittel, um ein ordentliches Insolvenzverfahren zu eröffnen. Das ist die harte Realität hinter der Statistik.

Die spannende Frage ist daher nicht: „Warum gehen so viele Unternehmen pleite?“ – die Ursachen kennen wir in groben Zügen. Die eigentliche Frage lautet: Was können KMU heute konkret tun, um nicht die nächsten in der Statistik zu sein – und welche Rolle spielt KI dabei?

Genau darum geht es hier: um KI in der österreichischen Industrie, praxisnah für KMU und ihre beratenden Rechtsanwälte. Und darum, wie smarte Datenanalyse, LegalTech und KI-gestützte Früherkennung das Insolvenzrisiko spürbar senken können.


Warum die Insolvenzwelle kein Zufall ist – und noch nicht vorbei

Die steigende Zahl an Insolvenzen ist kein Ausrutscher, sondern Teil eines strukturellen Trends.

Drei zentrale Gründe für die Pleitenflut

  1. Ende der Corona-Schutzmaßnahmen
    Während der Pandemie wurden viele Firmen durch Hilfspakete, Stundungen und Kurzarbeit künstlich stabil gehalten. Diese „Scheinstabilität“ löst sich seit 2023/2024 langsam auf.

  2. Kosten- und Zinsdruck

    • Höhere Energiepreise
    • Teurere Finanzierung durch gestiegene Zinsen
    • Lohnkosten, die schneller steigen als die Produktivität

    Wer hier keine Transparenz über Margen, Liquidität und Risiken hat, fährt blind – und das endet in vielen Fällen in der Insolvenz.

  3. Struktureller Rückstand bei Digitalisierung
    Gerade in klassischen Branchen wie Bau, Handel und Gastronomie ist die Digitalisierung oft lückenhaft:

    • Excel statt integrierter Planung
    • Papierordner statt digitalem Vertrags- und Forderungsmanagement
    • Bauchgefühl statt datenbasierter Entscheidungen

    Das Ergebnis: Schwächen werden zu spät erkannt, Maßnahmen kommen zu spät, Gläubiger verlieren Vertrauen.

Die Insolvenzwelle hat also eine klare Botschaft: Wer weiter analog arbeitet, erhöht sein Risiko – nicht nur wirtschaftlich, sondern auch rechtlich.


Wie KI konkret hilft, Insolvenzen zu vermeiden

Der Kernpunkt: KI ist kein Luxusprojekt mehr, sondern ein Instrument zur Risikoreduktion. Sie hilft, drei zentrale Fragen frühzeitig zu beantworten:

  1. Wie lange reicht unsere Liquidität wirklich?
  2. Welche Verträge, Forderungen und Risiken gefährden uns rechtlich?
  3. Ab wann besteht eine Insolvenzantragspflicht – und wie stellen wir sicher, diese nicht zu verpassen?

1. KI-gestützte Finanz- und Liquiditätsprognose

Moderne KI-Tools können aus Buchhaltungsdaten, Bankumsätzen, offenen Posten und Auftragslage sehr präzise Prognosen erstellen:

  • Liquiditätsplanung auf Wochenbasis statt grober Monatsübersicht
  • Szenarien: „Was passiert, wenn ein Großkunde 30 Tage später zahlt?“
  • Erkennung von Mustern: wiederkehrende Engpässe, unrentable Projekte, saisonale Risiken

Für Geschäftsführer ist das ein Frühwarnsystem. Für Rechtsanwälte, die KMU begleiten, ist es eine Goldgrube an Informationen:

  • Beratung vor Eintritt der Insolvenzreife
  • Dokumentation, dass die Geschäftsleitung ihre Sorgfaltspflichten ernst nimmt
  • Grundlage für rechtssichere Entscheidungen, etwa zur Fortbestehensprognose

2. Vertrags- und Forderungsmanagement mit KI

Ein weiterer Insolvenzturbo sind schlecht geregelte oder schlecht überblickte Verträge:

  • ungünstige Kündigungsfristen
  • versteckte Pönalen
  • einseitige Haftungsregelungen
  • fehlende Sicherheiten bei Großkunden

LegalTech-Lösungen mit KI können hier systematisch ansetzen:

  • Vertragsanalyse: KI liest tausende Verträge und markiert kritische Klauseln (z.B. change-of-control, cross-default, persönliche Haftungen, Bürgschaften)
  • Risikoprofile pro Vertragspartner: Welche Kunden sind rechtlich und wirtschaftlich riskant? Wo drohen hohe Ausfälle?
  • Automatisierte Fristenkontrolle: Kündigungstermine, Verlängerungsoptionen, Preisanpassungsklauseln werden nicht mehr übersehen

So wird sichtbar, wo juristische Fallstricke direkt auf die wirtschaftliche Stabilität durchschlagen – und zwar, bevor der Masseverwalter übernimmt.

3. Compliance: Insolvenzantragspflichten wirklich im Griff

Einer der heikelsten Punkte: Haftung der Geschäftsleitung wegen verspäteter Insolvenzanmeldung. Gerade hier können KI-gestützte Systeme eine enorme Entlastung bringen:

  • Überwachung von Kernkennzahlen (Eigenkapitalquote, Zahlungsstockungen, Überschuldungsstatus)
  • automatische Warnmeldungen, wenn rechtlich relevante Schwellenwerte erreicht werden
  • Verknüpfung mit juristischen Kriterien (z.B. drohende vs. eingetretene Zahlungsunfähigkeit)

Für Rechtsanwälte, die Unternehmen laufend beraten, entsteht dadurch eine neue Art von Mandat: präventive Insolvenz-Compliance mit KI-Unterstützung statt reiner Schadensbegrenzung nach Eintritt der Krise.


Was das für Rechtsanwälte bedeutet: LegalTech als Risikoschutz für Mandanten

Im Rahmen der Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis" spielt dieser Aspekt eine Schlüsselrolle: Juristen sind die zentralen Sparringspartner für KMU, wenn es um Haftung, Verträge und Krise geht. Wer als Kanzlei KI ignoriert, verschenkt Beratungsqualität – und Mandanten.

Neue Beratungsfelder dank KI und datenbasierter Früherkennung

Rechtsanwälte können sich mit KI-gestützten Tools gezielt im Krisen- und Restrukturierungsumfeld positionieren:

  • Laufende Risiko-Checks für KMU-Mandanten, basierend auf Kennzahlen und Vertragsdaten
  • Standardisierte, aber intelligente Gutachten zu Fortbestehensprognosen, erstellt mit Unterstützung von KI-Analysen
  • Frühwarn-Briefings für die Geschäftsführung: „Diese Kennzahlen deuten darauf hin, dass Sie in 6–9 Monaten in die Nähe der Insolvenzreife geraten könnten.“

Statt nur Sanierungskonzepte zu schreiben, wenn schon alles brennt, können Kanzleien zu strategischen Partnern im Controlling- und Risikomanagement werden.

Praktische Beispiele aus der Beratungspraxis

Ein paar typische Szenarien, wie ich sie in der Praxis immer wieder sehe:

  • Bauunternehmen mit vielen Einzelprojekten:
    KI unterstützt bei der Bewertung der Projektprofitabilität und verknüpft diese mit Vertragsrisiken (z.B. Nachtragsmanagement, Verzugsstrafen). Der Anwalt nutzt diese Daten, um früh auf kritische Projekte hinzuweisen – bevor sie die Liquidität ruinieren.

  • Handelsbetrieb mit stark schwankender Nachfrage:
    Eine KI analysiert Lagerbestände, Zahlungsziele und Lieferantenkonditionen. Die Kanzlei prüft parallel die AGB, Sicherungsrechte und Eigentumsvorbehalte und passt diese gezielt an, um Forderungsausfälle zu begrenzen.

  • Gastronomiegruppe mit mehreren Standorten:
    Einnahmen, Personalkosten und Mietverträge werden zusammengeführt. KI warnt vor Filialen, die dauerhaft defizitär sind. Der Anwalt bereitet rechtssichere Schließung, Neuverhandlung oder Umstrukturierung vor – lange bevor die Gruppe insgesamt insolvenzreif wird.


Konkrete Schritte: Wie KMU und Kanzleien jetzt starten sollten

Die Realität: Viele KMU und auch einige Kanzleien fühlen sich bei KI überfordert. Dabei braucht es meist keinen Millionenetat, sondern ein klares, realistisches Vorgehen.

Für KMU in Österreich (insbesondere Industrie, Bau, Handel, Gastro)

  1. Finanzdaten konsolidieren
    Alle relevanten Daten (FiBu, Bankkonten, OP-Listen, Projektlisten) sollten digital vorliegen und regelmäßig aktualisiert werden.

  2. Ein einfaches KI-Liquiditätstool einführen
    Start mit einem Tool, das

    • Zahlungsflüsse analysiert
    • Liquiditätsprognosen erstellt
    • Warnungen bei drohender Zahlungsunfähigkeit sendet
  3. Vertragsbestand digitalisieren
    Wichtige Verträge scannen, digital ablegen und durch ein KI-gestütztes LegalTech-System analysieren lassen.

  4. Gemeinsames Setup mit der Kanzlei
    Frühzeitig den Rechtsanwalt einbinden: Definition, welche Kennzahlen rechtlich relevant sind, wie Warnschwellen aussehen sollen und wie das Eskalationsverfahren läuft.

Für deutsche und österreichische Rechtsanwälte

  1. Use-Cases definieren, nicht Tools jagen
    Nicht mit „Wir brauchen KI“ starten, sondern mit Fragen wie:

    • „Wie erkenne ich Mandanten in der Krise früher?“
    • „Wo verliere ich aktuell Zeit mit manueller Vertragsprüfung?“
  2. Pilotprojekt mit 3–5 Mandanten
    Ein kleiner Kreis von KMU-Mandanten, mit denen

    • Finanz- und Vertragsdaten strukturiert erfasst
    • ein KI-gestütztes Monitoring getestet
    • und der Mehrwert gemeinsam ausgewertet wird.
  3. Klarer Kommunikationsvorteil
    Kanzleien sollten offensiv kommunizieren:
    „Wir nutzen KI und LegalTech, um Insolvenzen früh zu erkennen und Haftungsrisiken zu senken.“
    Das unterscheidet spürbar von Wettbewerbern, die nur reagieren.


Fazit: Die nächste Insolvenzwelle ist Risiko – und Chance

19 Insolvenzen pro Tag sind eine Warnung. Für österreichische KMU, aber auch für die Rechtsanwälte, die sie begleiten. Wer jetzt nicht digital und KI-gestützt arbeitet, akzeptiert ein höheres Insolvenz- und Haftungsrisiko als nötig.

Die gute Nachricht: Der Einstieg in KI in der österreichischen Industrie muss nicht kompliziert sein. Einfache Liquiditätsprognosen, automatisierte Vertragsanalysen und KI-gestützte Frühwarnsysteme lassen sich Schritt für Schritt einführen – idealerweise im engen Schulterschluss zwischen Unternehmen, Steuerberatung und Rechtsanwaltskanzlei.

Im Rahmen der Serie „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis" ist das der logische nächste Schritt: weg von der reinen Schadensbegrenzung, hin zu proaktiver, datengestützter Krisenprävention. Wer das beherrscht, hilft seinen Mandanten nicht nur, die Insolvenz zu vermeiden – er macht sie langfristig stabiler, attraktiver für Banken und widerstandsfähiger gegen die nächste Krise.

Die Frage ist also nicht, ob die nächste Pleitewelle kommt. Die kommt. Die Frage ist: Gehören Ihre Mandanten – und Ihre Kanzlei – zu den Getriebenen oder zu denen, die vorbereitet sind?

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