„Human in Command“ wird zum Mindeststandard für KI in Kanzleien. Wie deutsche und österreichische Rechtsanwälte KI 2025 sicher und produktiv in der Praxis nutzen können.
„Human in Command“: Was Kanzleien 2025 wirklich brauchen
2025 fließen Milliarden in LegalTech – alleine ein europäisches LegalTech-Unicorn wie Legora wird mit 1,8 Milliarden Dollar bewertet. Für deutsche und österreichische Kanzleien heißt das: KI im Rechtsbereich ist kein Experiment mehr, sondern geschäftskritische Infrastruktur.
Wer in dieser Situation einfach ein Gratis-Tool öffnet und Mandatsdaten hineinkopiert, macht einen strategischen Fehler. Der neue Mindeststandard lautet, wie Sophie Martinetz es formuliert: „Human in Command“ – der Mensch bleibt am Steuer.
In dieser Folge unserer Serie „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ geht es darum, wie Sie KI sinnvoll, sicher und profitabel in Ihrer Kanzlei oder Rechtsabteilung einsetzen – und zwar auf einem Niveau, das den Anforderungen in Deutschland und Österreich tatsächlich standhält.
1. Warum „Human in Command“ der neue Mindeststandard ist
Der Kernpunkt: KI darf in der Kanzlei niemals autonome Blackbox sein. Sie ist ein Werkzeug, kein Entscheider. „Human in the Loop“ – also irgendwo mal drüberschauen – reicht 2025 nicht mehr. Sie brauchen klare menschliche Kontrolle von Anfang bis Ende.
„Human in Command“ heißt: Der Anwalt steuert, KI unterstützt. Die Verantwortung bleibt zu 100 % beim Menschen.
Was bedeutet das konkret für die Praxis?
„Human in Command“ in der täglichen Arbeit heißt z.B.:
- Sie legen die Fragen und Grenzen fest, die Sie einer KI stellen.
- Sie entscheiden, welche Daten in ein System eingegeben werden – und welche niemals.
- Sie prüfen jedes Ergebnis juristisch, bevor es das Haus verlässt.
- Sie dokumentieren, wo KI mitgewirkt hat (z.B. in internen Workflows oder Vermerken).
Ich habe in Kanzleien zwei Extreme gesehen:
- Vollbremsung: Aus Angst vor Haftung wird KI komplett verboten. Ergebnis: junge Associates nutzen dann doch heimlich Gratis-Tools – aber ohne Governance.
- Blindes Vertrauen: Alles, was die KI ausspuckt, wird übernommen, weil es „eh ganz gut klingt“.
Beides ist riskant. Der professionelle Weg liegt dazwischen: aktive Steuerung, klare Prozesse, definierte Verantwortung.
2. Produktivitätsschub: Wo KI Juristen heute schon Zeit schenkt
Der schnellste und sicherste Einstieg für viele Kanzleien ist Kommunikation und Textarbeit – genau der Bereich, den auch Sophie Martinetz hervorhebt.
Juristische Inhalte in verständliche Sprache bringen
Juristen denken in Normen, Auslegungsmethoden und Mehrstufigkeit. Vorstände, HR, Vertrieb oder Betriebsräte brauchen dagegen klare, kurze Handlungsanweisungen.
Typisches Szenario:
- Sie verfassen ein 5-seitiges Memo zur neuen Regulierung.
- Der Vorstand will: 1 Seite Entscheidungsvorlage, am besten mit Ampellogik.
- Mitarbeiter brauchen: eine knappe Handlungsanweisung mit „Was muss ich konkret tun?“
Hier kann eine gut konfigurierte KI:
- aus einem Fachmemo Management-Summary erzeugen,
- eine Mitarbeiter-Information in einfacher Sprache vorbereiten,
- aus komplexen Klauseln FAQ für Nichtjuristen ableiten.
Viele Inhouse-Juristen berichten, dass sie dadurch 2× täglich rund 15 Minuten sparen – das sind bei 5 Arbeitstagen etwa 2,5 Stunden pro Woche und damit gut ein Arbeitstag pro Monat. Auf eine Abteilung hochgerechnet reden wir schnell von hunderten Stunden pro Jahr, die für echte Rechtsarbeit frei werden.
Weitere Low-Risk-Einsatzfelder
Für einen praxisnahen Start bieten sich z.B. an:
- Strukturierung von Schriftsätzen (Gliederungsvorschläge, Argumentationslinien)
- Erstellung von Entwürfen für Schreiben an Gegner oder Behörden (ohne Mandatsdetails)
- Standardantworten für wiederkehrende Fragen von Fachabteilungen
Wichtig: Diese Entwürfe sind Rohmaterial, kein Endprodukt. Der Mehrwert entsteht, weil Sie nicht bei Null starten, sondern beim bereits strukturierten ersten Wurf.
3. Die heiklen Fragen: Sicherheit, Standesrecht, Compliance
Bei der Auswahl von KI-Tools für den Rechtsbereich liegt der Hauptfehler selten bei der Technik – sondern bei fehlender Sorgfalt bei Datenschutz, Hosting und Standesrecht.
Warum Gratis-Tools für Kanzleien ein Problem sind
Kostenlose Tools funktionieren nach einem klaren Muster: Sie zahlen mit Daten, nicht mit Geld. Für eine Rechtsanwaltskanzlei in Deutschland oder Österreich ist das ein rotes Tuch:
- vertrauliche Mandatsdaten können auf außereuropäischen Servern landen,
- Trainingszwecke der Anbieter sind oft nur in AGB oder Policies versteckt,
- Sie können Mandatsgeheimnis und DSGVO verletzen, ohne es zu merken.
Wer das übersieht, handelt nicht nur riskant – er verletzt auch das Grundvertrauen der Mandanten, dass ihre Daten unter strengstem Schutz stehen.
Worauf Sie bei LegalTech- und KI-Tools achten müssen
Für den deutschsprachigen Raum, besonders DACH, sollten mindestens diese Punkte abgehakt sein:
- Hosting in der EU (idealerweise in Deutschland oder Österreich)
- ISO-Zertifizierungen wie ISO 27001 für Informationssicherheit
- Klare Aussage, dass Mandatsdaten nicht für Trainingszwecke genutzt werden
- Rollenkonzepte und Rechteverwaltung (wer darf was sehen?)
- Protokollierung: Nachvollziehbar, wer wann welche Daten verarbeitet hat
- Standesrechtliche Prüfung: Vereinbarkeit mit BRAO/RAO und Verschwiegenheitspflichten
Mandanten wollen sich mit diesen Details nicht beschäftigen. Sie gehen stillschweigend davon aus, dass ihre Kanzlei eine compliant Solution nutzt. Wer das sauber löst, schafft einen Wettbewerbsvorteil in der Mandantenkommunikation.
4. Wo KI in der Kanzlei 2025 wirklich lohnt
Die aktuelle KI-Landschaft im Legal-Bereich ist enorm gewachsen. Die Future-Law KI-Map zeigt inzwischen rund 500 Anbieter im DACH-Raum, ein Plus von etwa 150 gegenüber 2024. Trotzdem lassen sich die wichtigsten Einsatzfelder zur Orientierung gut sortieren.
4.1 Dokumentenerstellung: mehr als nur generative KI
Viele denken bei Dokumentenerstellung sofort an generative KI. In der Praxis funktioniert oft eine Kombination aus:
- regelbasierten Systemen (Checklisten, Entscheidungsbäume, Klauselbausteine)
- generativer KI (Formulierungsvorschläge, Varianten, stilistische Anpassung)
Sinnvoll ist ein Setup, bei dem:
- die Struktur und Logik des Vertrags über ein regelbasiertes Template läuft,
- die Feinarbeit – Formulierungsvarianten, Klarheit, Lesbarkeit – von KI unterstützt wird.
4.2 Dokumentenprüfung und -analyse
Hier liegt einer der größten Produktivitätshebel:
- Erst-Sichtung großer Dokumentenmengen (Due Diligence, M&A)
- Klauselvergleich: Abweichungen von Standardklauseln markieren
- Risikoflaggen: z.B. „Change of Control“, KPI-abhängige Vergütung, Haftungsdeckel
Ein Senior-Associate muss heute nicht mehr jede Standardklausel selbst anlesen, sondern kann sich auf die auffälligen Stellen konzentrieren, die das System markiert.
4.3 Contract Lifecycle Management (CLM)
Viele Rechtsabteilungen in Deutschland kämpfen weniger mit einzelnen Verträgen als mit dem Vertragsbestand von mehreren tausend Dokumenten. Moderne CLM-Systeme mit KI können:
- bestehende Verträge klassifizieren und verschlagworten,
- kritische Termine (Kündigungsfristen, Verlängerungen) automatisch extrahieren,
- für bestimmte Themen (z.B. ESG, Lieferkettengesetz) Auswirkungen im Bestand sichtbar machen.
Gerade im Mittelstand ist hier noch viel ungenutztes Potenzial. Wer als Kanzlei passende Strukturen und Tools anbietet, wird zum strategischen Partner statt bloßem Vertragsersteller.
4.4 E-Billing, IP, Litigation & E-Discovery
Weitere KI-Felder, die sich in der DACH-Region abzeichnen:
- E-Billing: automatisierte Prüfung von Abrechnungen, Gebühren, Budgets
- Intellectual Property: Markenrecherche, Kollisionsprüfung, Portfolio-Analysen
- Litigation & E-Discovery: insbesondere bei Großverfahren, Datenmengen, Forensik
Nicht jede Kanzlei braucht alles. Sinnvoll ist ein fokussierter Ansatz: Wo ist unser Geschäftsmodell, wo sind unsere typischen Mandate – und welche KI-Use-Cases zahlen direkt darauf ein?
5. Rechtsrecherche: Warum generische LLMs nicht reichen
Ein häufiges Missverständnis: „Wir haben doch ein großes Sprachmodell, das kann doch auch Rechtsrecherche.“ Leider nein – zumindest nicht in der Qualität, die Sie als Berufsträger brauchen.
Für seriöse Rechtsrecherche gilt:
- Sie brauchen zugelassene, aktuelle Inhalte (Gesetze, Rechtsprechung, Kommentare).
- Sie müssen Fundstellen prüfen und zitieren können.
- Sie haften dafür, was Sie vor Gericht oder gegenüber Mandanten vertreten.
Allgemeine LLMs können zwar grob erklären, worum es in einem Rechtsgebiet geht, aber:
- sie „halluzinieren“ Urteile oder Normen,
- sie kennen oft keine aktuellen Fassungen,
- sie sind nicht auf deutsche oder österreichische Spezifika zugeschnitten.
Der richtige Weg ist ein kombinierter Ansatz:
- KI nutzt hochwertige, kuratierte juristische Datenbanken.
- Sie fragen nicht „Was ist die Rechtslage?“, sondern „Analysiere diese Norm/Entscheidung im Kontext von…“.
- Ergebnisse werden immer gegen Primärquellen geprüft.
Kurz gesagt: KI kann Ihre Recherche strukturieren und beschleunigen, aber sie ersetzt keine professionellen Rechtsinformationssysteme und schon gar nicht Ihr eigenes Prüfungsurteil.
6. Organisatorische Konsequenzen: Wie Kanzleien sich aufstellen sollten
Wer KI nur als „Tool-Frage“ sieht, greift zu kurz. Die eigentliche Transformation findet in Organisation und Arbeitsweise statt.
Zentrale Fragen, die Sie sich 2025 stellen sollten
- Wissensmanagement: Wo liegt das Wissen der Kanzlei – in Köpfen, in Mails, im DMS? Und wie machen wir es KI-fähig?
- Vertragsbestand: Haben wir einen Überblick, welche Verträge wir wo betreuen? Lässt sich daraus ein Serviceangebot auf Basis von CLM entwickeln?
- Rollen im Team: Wer ist bei uns der „KI-Champion“, wer verantwortet Richtlinien und Schulung?
- Mandantenkommunikation: Wie erklären wir Mandanten, wo KI zum Einsatz kommt und wie wir Qualität und Vertraulichkeit sichern?
Viele Kanzleien fahren gut mit einem 3-Stufen-Modell:
- Experimentierphase (SandBox) – kleines Team, kein Live-Mandatsbezug, Fokus auf Verständnis.
- Pilotphase – definierte Use-Cases (z.B. Vertrags-Checklisten, Textvereinfachung), klare KPIs.
- Roll-out – Prozesse, Guidelines, Schulung der gesamten Kanzlei oder Rechtsabteilung.
Future-Law und andere Anbieter reagieren bereits mit Zertifizierungsprogrammen rund um KI und den AI Act. Für deutsche und österreichische Rechtsanwälte wird solche strukturierte Weiterbildung zum Standardbaustein der Kanzleistrategie werden.
7. Nächste Schritte: Vom KI-Hype zur Kanzlei-Realität
Die Botschaft ist klar: KI im Legal-Bereich ist kein Hype mehr, sondern geschäftskritische Realität. Wer jetzt aktiv wird, hat 2026 nicht nur „auch irgendwas mit KI“, sondern eine nachhaltige, sichere und profitable LegalTech-Strategie.
Praktische nächste Schritte für Kanzleien und Rechtsabteilungen in Deutschland und Österreich:
- Bestandsaufnahme: Welche Tools nutzen wir bereits? Wo gibt es „Schatten-KI“ im Team?
- Richtlinien definieren: Was ist erlaubt, was verboten, welche Daten sind tabu?
- Pilot-Use-Cases wählen: z.B. Textvereinfachung, Dokumentenprüfung, interne Memos.
- Sichere Lösungen auswählen: EU-Hosting, ISO, klare Nutzungsbedingungen, standesrechtliche Prüfung.
- Team schulen: Nicht nur Technik – auch Haftung, Kommunikation und Qualitätsstandards.
Wer sich dabei an den Grundsatz „Human in Command“ hält, verbindet das Beste aus zwei Welten: die Geschwindigkeit moderner KI mit der Verantwortung und Sorgfalt klassischer Anwaltsarbeit.
Die Kanzleien, die 2025 ernsthaft starten, werden in wenigen Jahren nicht nur effizienter sein – sie werden auch attraktivere Arbeitgeber, belastbarere Partner ihrer Mandanten und sichtbarere Player im LegalTech-Markt sein.
Dieser Beitrag ist Teil der Serie „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ und richtet sich an Kanzleien und Rechtsabteilungen in Deutschland und Österreich, die KI strukturiert, sicher und mandantenorientiert einführen wollen.