Fractional GC & KI: So denken moderne Legal-Teams

KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis••By 3L3C

Fractional GCs, LegalOps und KI verändern, wie Unternehmen Rechtsberatung einkaufen. Was Kanzleien und Unternehmensjuristen jetzt konkret daraus machen können.

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Fractional GC & KI: Wie moderne Legal-Teams wirklich arbeiten

Die meisten wachstumsstarken Unternehmen in DACH stehen heute vor dem gleichen Problem: Die rechtliche Komplexität steigt rasant, aber eine eigene Rechtsabteilung lohnt sich noch nicht – oder sie ist mit einer Person chronisch überlastet. Parallel drängen Mandanten immer stärker auf Geschwindigkeit, Planbarkeit und pragmatische Lösungen.

Genau an dieser Stelle trifft das Konzept Fractional General Counsel (Fractional GC) auf LegalTech und KI. Und das verändert nicht nur, wer Recht berät, sondern auch wie Rechtsberatung organisiert wird.

In dieser Folge unserer Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ schauen wir uns an, wie Anbieter wie Paxa Partners das Inhouse-Modell neu denken – und was Sie als österreichische oder deutsche Kanzlei konkret daraus lernen können.


Was hinter dem Modell „Fractional GC as a Service“ steckt

Ein Fractional GC ist im Kern ein erfahrener Unternehmensjurist, der nicht Vollzeit für ein Unternehmen arbeitet, sondern mehrere Mandanten parallel betreut – quasi ein ausgelagertes, aber integriertes Legal-Team auf Abruf.

Paxa Partners setzt genau darauf: Statt klassischer, projektbezogener Mandate bekommen Unternehmen kontinuierliche rechtliche Betreuung auf Retainerbasis. Das Ziel ist nicht das nächste 40-seitige Gutachten, sondern schnelle, belastbare Entscheidungen im Alltag.

Typische Einsatzszenarien:

  • Unternehmen ohne Legal-Team: rechtliche „All-in-One“-Begleitung, ohne gleich einen Vollzeit-GC einzustellen.
  • Unternehmen mit schlankem Legal-Team: Entlastung in Spitzenzeiten, bei Spezialthemen oder internationalen Projekten.

Der entscheidende Unterschied zur klassischen Kanzlei: Fractional GCs agieren wie interne Kolleg:innen – mit unternehmerischem Blick, hoher Reaktionsgeschwindigkeit und echter Ownership-Mentalität.

Fractional GCs sind keine externen Projektanwälte, sondern agieren wie ein Teil des Unternehmens – nur ohne Vollzeitvertrag.

FĂĽr KI-orientierte Kanzleien ist dieses Modell hochrelevant: Es zeigt, wie sich kontinuierliche Zusammenarbeit, Prozessdenken und Technologie zu einem skalierbaren Legal-Service kombinieren lassen.


Warum der Markt sich in Richtung Fractional Legal verschiebt

Der Rechtsmarkt verschiebt sich aus drei Gründen massiv – und Fractional GC-Modelle sind eine direkte Antwort darauf:

  1. Wachsende rechtliche Komplexität bei jungen Unternehmen
    Startups und Scale-ups verhandeln heute global, arbeiten SaaS-basiert, verarbeiten Daten in mehreren Jurisdiktionen und haben anspruchsvolle Investoren. Rechtliche Fragen tauchen früh und ständig auf – nicht nur bei Finanzierungsrunden.

  2. Unpassende Kanzleistrukturen fĂĽr den operativen Alltag
    Klassische Kanzleien sind optimiert für Transaktionen, Prozesse und Stundenhonorare. Für den typischen „Bitte heute noch über meinen SaaS-Vertrag schauen“-Case ist dieses Modell aber oft zu schwerfällig und zu teuer.

  3. Veränderte Erwartungen an Rechtsberatung
    Geschäftsführungen und Sales-Teams erwarten heute, dass Legal Umsatz ermöglicht, nicht nur Risiken minimiert. Legal soll Prozesse standardisieren, Freigaben beschleunigen und Entscheidungen vorbereiten – und das möglichst digital, transparent und wiederholbar.

Fractional GCs sitzen genau an dieser Schnittstelle zwischen Business, Recht und Technologie. Sie unterstĂĽtzen beim Aufbau skalierbarer Legal-Workflows statt nur Einzelfragen ad hoc zu beantworten.

FĂĽr Kanzleien heiĂźt das: Wer weiter nur auf das klassische Transaktionsmodell setzt, wird einen relevanten Teil des Beratungsbedarfs an solche hybriden Strukturen verlieren.


Wie Paxa Partners Legal, LegalOps und KI kombiniert

Das Spannende an Paxa ist nicht nur das Geschäftsmodell, sondern die interne Organisation, die stark an moderne LegalOps-Setups erinnert – und für jede Kanzlei als Blaupause dienen kann.

1. AI-gestĂĽtztes Ticket-System statt E-Mail-Chaos

Anfragen laufen nicht unstrukturiert über persönliche Postfächer, sondern über ein KI-gestütztes Ticketsystem. Die Software klassifiziert eingehende Themen automatisch (z.B. NDA-Review, SaaS-Vertrag, Datenschutz-Frage, HR-Thema) und routet sie an passende Fractional GCs.

Der Effekt:

  • schnellere Zuweisung der Anfragen
  • bessere Priorisierung
  • saubere Dokumentation fĂĽr spätere Auswertungen

FĂĽr Kanzleien, die mit Microsoft 365, Kanzleisoftware und KI-Assistenten arbeiten, ist das leicht adaptierbar:

  • ein zentrales Intake-Formular,
  • ein KI-Modell zur Kategorisierung,
  • Workflows fĂĽr Zuweisung und Eskalation.

2. Dokumentenautomatisierung und Playbooks

Standardverträge und wiederkehrende Vorgänge werden automatisiert:

  • Vorlagen & Klausel-Bibliotheken fĂĽr NDAs, AGB, SaaS-Verträge
  • Playbooks fĂĽr häufige Verhandlungspunkte („Welche Haftungsbegrenzung akzeptieren wir bei welchem Deal-Volumen?“)
  • Review-Checklisten fĂĽr Junior-Jurist:innen oder KI-gestĂĽtzte Tools

So übernehmen Automatisierung und KI bis zu 80 % der Routinearbeit. Die Fractional GCs steigen oft erst dann ein, wenn es um Abwägung, Taktik und Risikoentscheidungen geht.

KI kann 80 % der Routineprozesse übernehmen. Die letzten 20 % sind Erfahrung, Kontext und Judgment – genau dort liegt der Wert des Menschen.

3. „Lawyer-first“-Infrastruktur

Paxa entlastet die Jurist:innen konsequent von allem, was nicht Rechtsberatung ist:

  • Akquise
  • Rechnungsstellung & Administration
  • Tool-Auswahl und -Betrieb

Das Ergebnis: Mehr abrechenbare Zeit, weniger Kontextwechsel. Genau diese Logik lässt sich 1:1 auf Boutique-Kanzleien und spezialisierte Berufsträger:innen übertragen, die LegalTech und KI ernsthaft nutzen wollen.


Wo Fractional GCs den größten Mehrwert liefern – und wie KI hilft

Fractional Legal entfaltet seinen Nutzen vor allem dort, wo Business und Recht unmittelbar ineinandergreifen. Ein Blick auf die typischen Schwerpunkte zeigt, welche LegalTech- und KI-Tools sich besonders lohnen.

Commercial & Sales Enablement

In rund 70 % der Mandate steht der kommerzielle Support im Vordergrund. Ziel: Vertriebsprozesse beschleunigen, ohne die Risikosteuerung zu vernachlässigen.

Konkret heiĂźt das:

  • Standardisierung von SaaS- und Rahmenverträgen
  • klar definierte Freigabeprozesse fĂĽr Rabatte, Haftung, SLAs
  • Priorisierung von Vertrags-Reviews nach Umsatzpotenzial

KI-UnterstĂĽtzung in der Praxis:

  • Vertragsanalyse-Tools markieren riskante Klauseln automatisch.
  • KI-gestĂĽtzte Vergleichsfunktionen prĂĽfen, ob ein Vertrag noch innerhalb definierter „Guardrails“ liegt.
  • Chatbots beantworten wiederkehrende Standardfragen aus Sales (z.B. zur DSGVO-Konformität des Produkts).

Corporate, HR, IP und Datenschutz

Fractional GCs kĂĽmmern sich zudem um die juristische Infrastruktur:

  • Corporate Governance, Gesellschaftervereinbarungen, ESOP-Strukturen
  • Arbeitsverträge, Remote-Work-Richtlinien, Whistleblowing-Systeme
  • IP-Strategie fĂĽr Software, Marken und Geschäftsgeheimnisse
  • Datenschutzkonzepte, internationale Datentransfers, DPIAs

Hier punktet KI vor allem durch Standardisierung und Dokumentation:

  • Automatismen zur Erstellung einheitlicher Arbeitsverträge
  • KI-gestĂĽtzte Risiko-Summaries bei Datenschutz-Folgenabschätzungen
  • automatisierte Protokollerstellung fĂĽr Gremiensitzungen

Kanzleien, die solche Bausteine als „LegalOps-Pakete“ anbieten, sind für Fractional-GC-Modelle ideale Partner – oder können selbst in Richtung Fractional Legal denken.


Was Kanzleien und Unternehmensjurist:innen konkret daraus lernen können

Der spannende Teil: Fractional GC ist kein exklusives Startup-Phänomen. Viele Bausteine lassen sich direkt in Kanzleien und Rechtsabteilungen übernehmen – vor allem, wenn bereits mit KI-Tools gearbeitet wird.

FĂĽr Kanzleien in Ă–sterreich und Deutschland

  1. Vom Projekt zur laufenden Zusammenarbeit wechseln
    Bieten Sie ausgewählten Mandanten monatliche Legal-Subscriptions an: z.B. ein fixes Stundenkontingent für operative Fragen, kombiniert mit KI-gestützter Vertragsanalyse.

  2. Ein zentrales Legal-Intake mit KI etablieren
    Weg von der unstrukturierten E-Mail-Flut, hin zu strukturierten Anfragen:

    • Webformular oder Portal
    • automatisierte Kategorisierung
    • klare SLAs je Kategorie (z.B. simple NDA innerhalb von 24h)
  3. LegalOps als Beratungsprodukt definieren
    Nicht nur Rechtsfragen beantworten, sondern Workflows gestalten:

    • Wer darf was freigeben?
    • Welche Standardverträge gelten?
    • Welche Themen ĂĽbernimmt die Kanzlei, welche das Inhouse-Team mit KI-UnterstĂĽtzung?
  4. KI strategisch, nicht nur experimentell einsetzen
    Testen Sie KI nicht nur in der Recherche, sondern dort, wo sie echte Hebel hat:

    • Intake & Routing
    • Dokumentenautomation
    • Vertrags-Playbooks

FĂĽr Unternehmensjurist:innen und (zukĂĽnftige) Fractional GCs

  1. Sich als „Business Partner mit Legal-Schwerpunkt“ positionieren
    Wer Fractional GC sein will, darf nicht nur Recht „korrekt“ lösen, sondern muss unternehmerisch denken: Umsatz, Runway, Vertriebskanäle, Produktlogik.

  2. KI- und Toolkompetenz aktiv aufbauen
    Fractional GCs, die LegalTech verstehen, haben einen massiven Vorteil:

    • schnellere Einarbeitung
    • bessere Skalierbarkeit
    • messbare Effizienzgewinne fĂĽr Mandanten
  3. Netzwerke und Plattformen nutzen
    Anstatt als isolierte Freelancer zu arbeiten, lohnt sich der Anschluss an kuratierte Netzwerke oder eigene kleine „Fractional-Kollektive“ – inklusive geteilten Vorlagen, Tools und Vertretungsmöglichkeiten.


Warum KI den Menschen im Recht nicht ersetzt – sondern sortiert

Ein häufiger Irrtum in der Diskussion um LegalTech und KI für Rechtsanwälte: „Wenn KI bald 80 % der Routineprozesse übernimmt, braucht man die Jurist:innen nicht mehr.“ Das Gegenteil ist richtig.

Die Praxis zeigt:

  • KI kann Standardklauseln prĂĽfen, vergleichen und bewerten.
  • Automatisierung kann Workflows durchziehen, Erinnerungen setzen, Versionen tracken.
  • Tools können Risiken einstufen und Visualisierungen liefern.

Aber: Verhandlungstaktik, Kontextverständnis, Priorisierung von Risiken und Kommunikation mit Stakeholdern bleiben menschliche Kernaufgaben.

Oder anders formuliert: KI sorgt dafür, dass Jurist:innen endlich das tun können, was sie eigentlich gelernt haben – statt in E-Mail-Threads, Copy-Paste-Orgien und Versionswirrwarr zu versinken.

Gerade Fractional-GC-Modelle machen diesen Unterschied sichtbar: Sie funktionieren nur dann, wenn Technologie den Weg freiräumt und die Jurist:innen ihre Zeit dort einsetzen, wo sie echten geschäftlichen Wert schaffen.


Ausblick: Fractional GC als Baustein Ihres KI-basierten Legal-Angebots

Fractional GCs, LegalOps und KI gehören in einem modernen Rechtsmarkt zusammen. Sie zeigen, wie Rechtsberatung von einem reaktiven Kostenfaktor zu einem proaktiven Enabler für Umsatz, Geschwindigkeit und Skalierbarkeit werden kann.

Für unsere Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ heißt das: Wer heute über KI in der Vertragsanalyse oder Rechtsrecherche nachdenkt, sollte gleichzeitig darüber sprechen, wie das eigene Geschäftsmodell dazu passt. Ein hochdigitales Tool auf einem rein analogen Beratungsmodell ist verschenktes Potenzial.

Ob Sie als Kanzlei ein eigenes Fractional-GC-Angebot aufbauen, gezielt mit solchen Plattformen kooperieren oder Ihr Kanzleimodell schrittweise in Richtung „AI-supported external legal department“ entwickeln – entscheidend ist, überhaupt anzufangen:

  • Mandantenstrukturen analysieren
  • wiederkehrende Themen identifizieren
  • passende KI-Bausteine auswählen
  • ein skalierbares, wiederholbares Serviceangebot definieren

Wer diese Schritte jetzt geht, wird 2026 nicht nur „KI nutzen“, sondern ein zukunftsfähiges Legal-Geschäftsmodell haben, das zu modernen Unternehmen passt – in Wien, München, Berlin oder Zürich.