E‑Signatur richtig eingesetzt spart Kanzleien Porto, Zeit und Nerven. Vier praxistaugliche Tools im Vergleich – und wie sie in KI‑gestützte Workflows passen.
E‑Signatur in der Kanzlei: Wo heute noch Zeit und Porto verpuffen
Die meisten Kanzleien in Deutschland zahlen jeden Monat dreistellige Beträge nur für Porto – obwohl die gleiche Arbeit mit einer E‑Signatur in Minuten erledigt wäre. Schriftsatz ausdrucken, kuvertieren, frankieren, Rücklauf abwarten: Das ist 2025 kein Zeichen von Sorgfalt mehr, sondern schlicht ein Produktivitätsverlust.
Gerade in Kanzleien, die bereits mit beA, Online-Akten und ersten KI‑Werkzeugen arbeiten, ist die analoge Unterschrift oft die letzte echte Medienbruch‑Baustelle. Und genau darum geht es hier: Wie setzen Sie E‑Signatur-Lösungen so ein, dass sie wirklich Zeit, Nerven und Geld sparen – und rechtssicher bleiben?
In dieser Ausgabe unserer Reihe „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ schauen wir uns an, welche E‑Signatur-Standards es gibt, wann sich eine kostenpflichtige Lösung lohnt und wie vier konkrete Tools im Kanzlei-Alltag abschneiden. Der Fokus liegt auf pragmatischen Szenarien: Vertragsunterzeichnung mit Mandanten, Mehrparteienverträge, Integration in Kanzleisoftware – und das Zusammenspiel mit anderen LegalTech- und KI‑Lösungen.
1. Die drei E‑Signatur-Niveaus – was Sie wirklich brauchen
Wer E‑Signatur sagt, meint oft alles Mögliche: von der eingescannten Unterschrift im PDF bis zur qualifizierten Signatur gemäß eIDAS. Für die Praxis hilft eine klare Trennung.
EES, FES, QES im Kurzüberblick
Einfache elektronische Signatur (EES)
- Beispiel: eingescannte Unterschrift, Anklicken eines Signaturbuttons, getippter Name unter einer E‑Mail
- Niedrigste Sicherheitsstufe
- Für Verträge ohne Schriftformerfordernis in vielen Fällen ausreichend, aber im Streitfall schwächere Beweiskraft
Fortgeschrittene elektronische Signatur (FES)
- Identität des Unterzeichnenden ist mit einem höheren Maß an Sicherheit zugeordnet
- Meist durch Verfahren wie SMS‑TAN, Gerätebindung, Authentifizierung per Ausweis etc.
- Für zahlreiche zivilrechtliche Verträge völlig ausreichend und in der Praxis oft der beste Kompromiss aus Komfort und Sicherheit
Qualifizierte elektronische Signatur (QES)
- Höchste Stufe, der handschriftlichen Unterschrift rechtlich gleichgestellt
- Strenge Identitätsprüfung (z. B. Video‑Ident, eID) und qualifizierte Vertrauensdiensteanbieter
- Bei gesetzlichem Schriftformerfordernis regelmäßig erforderlich
Kanzlei-Praxis:
- Für Gerichtskommunikation über beA: beA‑Karte und beA‑Signaturfunktion reichen.
- Für Mandatsverträge, Vollmachten, NDA, Honorarvereinbarungen, Vergleichsvereinbarungen außerhalb des beA: FES oder QES – je nach Materie und Risikobewertung.
Je klarer Sie intern definieren, welcher Dokumenttyp welches Signaturniveau benötigt, desto einfacher lassen sich Workflows und Automatisierungen – inklusive KI‑Gestützte – sauber aufsetzen.
2. Wann sich eine kostenpflichtige E‑Signatur-Lösung wirklich lohnt
Die nüchterne Wahrheit: Ab einem bestimmten Volumen ist Porto einfach teurer als ein ordentliches E‑Signatur-Abo. Viele Anbieter starten bei etwa 20–25 € pro Monat – oft mit dreistelligen Signaturkontingenten.
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- Wie viele Dokumente verschicken Sie monatlich zur Unterschrift? (Mandatsverträge, Vollmachten, Vergleiche, Vergütungsvereinbarungen, NDAs …)
- Welche Portokosten fallen im Schnitt pro Sendung an? (Briefporto, ggf. Einwurf-Einschreiben, Rückumschlag, Zeitaufwand der Mitarbeitenden)
- Setzen Sie dem die Kosten eines E‑Signatur-Tarifs gegenüber.
In vielen Kanzleien liegen die reinen Portokosten pro Monat bereits über der Einstiegsstufe üblicher Signaturdienste – von Zeit- und Prozessvorteilen ganz abgesehen.
Typische Szenarien, in denen E‑Signatur Sinn macht
1. Verträge und Dokumente außerhalb des beA
- Mandatsvertrag beim Online-Erstkontakt
- Honorarvereinbarung, Allgemeine Mandatsbedingungen
- Vergleichsvereinbarungen im Zivil- oder Arbeitsrecht
Vorteil: Mandanten können bequem auf Smartphone, Tablet oder PC unterschreiben, ohne Drucker, Scanner oder Postweg.
2. Mehrparteienverträge
- Gesellschaftervereinbarungen
- Unternehmenskauf, Finanzierungsrunden
- Miet- oder Gewerberaumverträge mit mehreren Beteiligten
E‑Signatur-Plattformen koordinieren Reihenfolgen, Parallelunterzeichnungen, Erinnerungen und Statusübersichten. Sie sparen massiv Koordinationsaufwand in der Kanzlei.
3. Integration in Kanzlei-Workflows und KI‑Tools
Moderne Kanzleien nutzen bereits:
- Kanzleisoftware mit elektronischer Akte
- Dokumentenautomatisierung
- erste KI‑Module zur Vertragserstellung oder -analyse
Die Logik ist simpel: Wenn ein Vertrag per KI entworfen, in der Akte gespeichert und per E‑Signatur unterschrieben wird, entsteht ein komplett digitaler End‑to‑End‑Prozess – ohne Medienbruch, ohne händische Zwischenschritte.
4. Komfort & Mandantenerlebnis
- Mandanten sehen eine klare Oberfläche statt kryptischer Signaturtools
- Kanzleilogo und Branding schaffen Vertrauen
- Automatische Erinnerungen reduzieren Nachfragen und „Können Sie das noch mal schicken?“-Mails
In Zeiten, in denen Mandanten Banking, Versicherungen und Steuererklärungen digital erledigen, wirkt eine rein analoge Unterschriftsstrecke schlicht aus der Zeit gefallen.
3. Auswahlkriterien: So erkennen Sie eine passende E‑Signatur-Lösung
Der Markt ist unübersichtlich. Vier bis fünf Kriterien entscheiden meistens, ob ein Tool in den Kanzleialltag passt oder nach zwei Monaten wieder abgeschafft wird.
Technische und rechtliche Mindestanforderungen
- Alle relevanten Signaturniveaus: Bietet der Anbieter EES, FES und QES?
- Hosting in der EU: Serverstandort in der EU kann datenschutzrechtlich vieles vereinfachen.
- eIDAS-Konformität: Pflicht, wenn QES im Spiel ist.
Integration und Automatisierung
- Anbindung an Kanzleisoftware, DMS oder Mandantenportal
- Verfügbarkeit von APIs für eigene Workflows oder KI‑basierte Automatisierungen
- Vorlagenfunktionen: vordefinierte Unterschriftsfelder, Textbausteine, Standardprozesse
Nutzerfreundlichkeit
- Können Mandanten ohne Konto unterschreiben?
- Funktioniert das Ganze gut auf dem Smartphone?
- Ist der Ablauf auch für weniger technikaffine Mandanten verständlich?
Kostenmodell
- Abo vs. Pay‑per‑Use
- Begrenzung nach Anzahl Nutzende, Dokumente oder „Umschläge“
- Enthaltene Signaturniveaus (ist QES inklusive oder Aufpreis?)
Dokumentation und Beweisführung
- Protokollierung: Wer hat wann wo unterschrieben oder Änderungen vorgenommen?
- Audit-Trail und Nachweisfunktion für den Prozess
Wer diese Kriterien als Checkliste nutzt, reduziert das Risiko einer Fehlentscheidung deutlich – und kann E‑Signatur später sauber in KI‑gestützte Workflows einbauen.
4. Vier E‑Signatur-Lösungen im Praxisvergleich
Es gibt zahlreiche Anbieter. Für den Kanzlei-Alltag haben sich vor allem diese vier Lösungen etabliert, die wir uns hier aus der Brille deutscher Rechtsanwälte anschauen.
4.1 Skribble – flexibel, auch mit Blick in die Schweiz
Kernpunkt: Skribble bietet alle drei Signaturniveaus (EES, FES, QES) und verzichtet bei der QES auf zusätzliche Hardware wie Kartenleser.
- Bedienung: Signatur direkt im Browser oder integriert in vorhandene Software (Plug‑in, API).
- Stärke: Stapelsignatur für eine große Zahl an Dokumenten – interessant bei Serienverträgen oder Massenmandaten.
- Spezialfall: Wer häufig mit Schweizer Gerichten oder Behörden zu tun hat, profitiert von der dortigen Akzeptanz der Lösung.
- Kosten: Einstiegstarif mit Fokus auf EES bereits im einstelligen Eurobereich pro Monat; alle drei Signaturstufen im Team-Tarif ab gut 20 € monatlich.
Wann Skribble passt:
- Grenzüberschreitende Mandate mit Bezug zur Schweiz
- Kanzleien mit großem Serienvolumen (z. B. Arbeitsverträge, AGB‑Akzeptanzen, standardisierte NDAs)
- Teams, die eine API‑Anbindung für eigene LegalTech‑Projekte nutzen möchten
4.2 inSign – deutsches Tool, stark für Steuer- und Anwaltskanzleien
Kernpunkt: inSign ist eine deutsche Lösung, die speziell im Umfeld von Steuerkanzleien, Anwälten und Wirtschaftsprüfern verbreitet ist.
- Signaturablauf: Mandanten erhalten einen Link und unterschreiben im Browser; kein eigener Account notwendig.
- Feature: Siegel-Funktion, um Dokumente mit Kanzlei- oder Unternehmenssiegel zu versehen.
- Signaturniveaus: EES und FES im Standardabo, QES gegen Aufpreis oder im höherstufigen API‑Tarif.
- Kosten: inSign 365 rund 25 € pro Monat; QES als Zusatz oder im connect‑Tarif über API.
Wann inSign passt:
- Kanzleien, die Wert auf ein deutsches Produkt mit entsprechenden Supportstrukturen legen
- Steuerberater‑ und WP‑Umfelder, die häufig Mandantenunterlagen digital unterschreiben lassen
- Einsatz in Kombination mit deutscher Kanzlei- oder Steuer-Software
4.3 DocuSign – internationaler Standard mit EU‑Rechenzentren
Kernpunkt: DocuSign ist international Marktführer im Vertragsmanagement und deckt alle Signaturniveaus inklusive QES nach eIDAS ab.
- Stärke: Infrastruktur für komplexe Vertragsprozesse, Mehrparteienverträge, internationale Teams
- Technik: Mehrere Rechenzentren in der EU, umfangreiche Integrationen in Unternehmenssoftware
- Tariflogik: Abrechnung über „Umschläge“ (Versandvorgänge), die mehrere Signaturen enthalten können; QES in höheren Plänen oder über Vertrieb.
Wann DocuSign passt:
- Mittelständische und Großkanzleien mit internationalen Mandaten
- Kanzleien, die ohnehin mit global agierenden Unternehmensmandanten arbeiten, die DocuSign bereits nutzen
- Projekte, in denen Vertragsmanagement und E‑Signatur stark integriert werden sollen
4.4 FP Sign – besonders attraktiv für DATEV-Kanzleien
Kernpunkt: FP Sign ist ein deutscher Anbieter mit direkter DATEV-Schnittstelle – damit prädestiniert für Steuerkanzleien und wirtschaftsberatende Anwälte.
- Signaturniveaus: Verschiedene Stufen inklusive QES
- Abrechnung: Business-Tarif mit unbegrenzten Vorgängen und Nutzenden für rund 25 € pro Monat – kalkulatorisch sehr attraktiv bei höherem Volumen.
- Integration: Gute Einbindung in DATEV-Umfelder und typische Kanzleiprozesse.
Wann FP Sign passt:
- Steuerkanzleien, die bereits intensiv mit DATEV arbeiten
- Kanzleien mit hohem Signaturvolumen, für die „unlimited“ wirtschaftlich interessant ist
- Teams, die eine deutsche Lösung mit klarer Fokussierung auf Berufsgeheimnisträger bevorzugen
5. Praxistipps: So bauen Sie E‑Signatur in Ihre Kanzlei- und KI‑Strategie ein
E‑Signatur entfaltet ihren vollen Nutzen erst, wenn sie nicht als Insellösung, sondern als Baustein Ihrer Digital- und KI‑Strategie verstanden wird.
Schritt 1: Dokumenttypen und Signaturniveaus definieren
Erstellen Sie eine einfache Matrix, zum Beispiel:
- Mandatsvertrag – FES
- Vergütungsvereinbarung – QES
- NDA – FES
- Vergleich im Arbeitsrecht – FES oder QES je nach Einzelfall
- Vollmacht – QES (je nach Verwendungszweck)
Diese Liste ist Gold wert, wenn Sie Workflows in Kanzleisoftware, Dokumentenautomation oder KI‑Tools aufsetzen.
Schritt 2: Standard-Workflows festlegen
Typischer Beispiel-Workflow:
- Vertragsentwurf mit Hilfe eines KI‑gestützten Dokumenten-Generators
- Automatische Ablage in der elektronischen Akte
- Übergabe an E‑Signatur-Plattform (inkl. vorkonfigurierter Unterschriftsfelder)
- Automatische Erinnerung nach X Tagen
- Rückspielung des vollständig unterzeichneten Dokuments in die Akte
Dieser Ablauf lässt sich mit APIs und modernen Kanzleilösungen weitgehend automatisieren – und spart insbesondere in größeren Kanzleien mehrere Stunden Arbeitszeit pro Woche.
Schritt 3: Mandantenkommunikation klar gestalten
- Erklären Sie im Anschreiben kurz, warum E‑Signatur genutzt wird (Sicherheit, Schnelligkeit, Nachweisbarkeit).
- Bieten Sie für unsichere Mandanten wahlweise weiterhin die Papierlösung an – aber machen Sie klar, dass digital der Standardweg ist.
- Schulen Sie das Kanzleiteam, damit Rückfragen souverän beantwortet werden können.
Schritt 4: Kombination mit KI‑Lösungen denken
In unserer Serie „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ taucht ein Muster immer wieder auf: Die wirklichen Effizienzsprünge entstehen nicht durch ein einzelnes Tool, sondern durch saubere Prozessketten.
Beispiel:
- KI‑Gestützte Vertragsanalyse markiert kritische Klauseln.
- Anwalt passt Vertrag an und nutzt Textbausteine aus einem Wissensmanagement-System.
- E‑Signatur-Plattform steuert den Unterschriftsprozess.
- Daten aus dem Vertrag (z. B. Laufzeiten, Beträge) werden strukturiert erfasst und für Fristenkontrolle und Auswertungen genutzt.
So wird E‑Signatur vom „nice to have“ zum strategischen Baustein Ihrer digitalen Kanzlei.
Fazit: E‑Signatur als Pflichtbaustein der modernen Kanzlei
Wer 2025 ernsthaft über KI in der Kanzlei spricht, kommt an E‑Signatur nicht vorbei. Sie ist die Voraussetzung dafür, dass digital erstellte oder analysierte Verträge auch digital und rechtssicher abgeschlossen werden. Ohne sie bleibt am Ende doch wieder der Drucker an – und viel Potenzial ungenutzt.
Die gute Nachricht: Der Markt bietet mit Lösungen wie Skribble, inSign, DocuSign und FP Sign ausgereifte Tools, die ab etwa 20–25 € im Monat meist schon günstiger sind als Ihr bisheriges Porto. Entscheidend ist, dass Sie bewusst auswählen, klare interne Regeln für Signaturniveaus aufstellen und E‑Signatur in Ihre bestehenden LegalTech- und KI‑Prozesse einbetten.
Wer das schafft, erspart dem Team nicht nur Papierstapel und Laufwege, sondern schafft die Grundlage für eine wirklich digitale – und damit zukunftsfähige – Kanzlei. Die nächste Frage lautet dann nicht mehr, ob Sie E‑Signaturen einsetzen, sondern: Wie weit gehen Sie beim Automatisieren Ihrer Vertrags- und Mandatsprozesse?