creance.ai: Was das KI-Joint-Venture für Kanzleien bringt

KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech PraxisBy 3L3C

PwC und Aleph Alpha gründen creance.ai. Was bedeutet das für Compliance, DORA-Projekte und den Einsatz von KI in österreichischen und deutschen Kanzleien?

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Warum creance.ai für Rechtsanwälte plötzlich spannend ist

Der regulatorische Druck in Europa steigt rasant: DORA, NIS2, EU-AI-Act, ESG – in vielen Kanzleien stapeln sich aktuell Projekte, Gutachten und Risiko-Checks. Parallel dazu klagen Managing Partner über Fachkräftemangel, immer komplexere Mandate und Mandanten, die fixe Budgets statt Stundenzettel erwarten.

Genau vor diesem Hintergrund haben PwC Deutschland und Aleph Alpha im Juni 2024 das Joint Venture creance.ai gegründet. Offiziell geht es um KI-Lösungen für den Rechts- und Compliance-Markt. Praktisch heißt das: generative KI trifft auf tiefes Beratungs- und Regulierungs-Know-how.

Für österreichische und deutsche Rechtsanwälte ist das mehr als nur eine Branchenmeldung. Es ist ein Signal, wie sich der Markt für LegalTech und KI in Kanzleien in den nächsten Jahren entwickeln wird – und welche Rolle Sie als Kanzlei dabei spielen können.

In diesem Beitrag aus der Serie „KI für deutsche Rechtsanwälte: LegalTech Praxis“ schauen wir uns an:

  • Was hinter creance.ai steckt
  • Warum DORA als erstes Einsatzfeld gewählt wurde
  • Was das für Kanzleien im Bereich Compliance, Outsourcing und IT-Recht bedeutet
  • Wie Sie Ihre eigene KI-Strategie praxisnah aufsetzen können

Was ist creance.ai – und warum mischt PwC überhaupt mit?

creance.ai ist ein Joint Venture zwischen PwC Deutschland und Aleph Alpha mit einem klaren Fokus: generative KI-Lösungen für Recht und Compliance.

Die Rollenverteilung ist ziemlich klar:

  • PwC bringt: jahrzehntelange Beratungserfahrung im Steuer-, Rechts- und Compliance-Bereich, Branchenzugang, Methodik und Umsetzungs-Know-how.
  • Aleph Alpha bringt: europäische generative KI-Technologie, ausgerichtet auf Nachvollziehbarkeit, Datensouveränität und Enterprise-Ansprüche.

Das Ziel: Werkzeuge entwickeln, die Unternehmen helfen,

  • komplexe Regulierung schneller zu verstehen,
  • Vorgaben systematisch umzusetzen und
  • die Compliance-Wertschöpfungskette teilweise zu automatisieren.

Für Kanzleien im DACH-Raum sendet das ein deutliches Signal: Großkanzleien und Big4 setzen KI nicht mehr „on top“, sondern in die Mitte ihrer Rechts- und Compliance-Services. Wer als Kanzlei weiterhin auf reinen Manufakturbetrieb setzt, wird mittelfristig preislich und zeitlich ins Hintertreffen geraten.

DORA als erstes Einsatzfeld: Warum genau dieses Regelwerk?

Die erste Lösung von creance.ai konzentriert sich auf die EU-Verordnung „Digital Operational Resilience Act (DORA)”. DORA adressiert die digitale Widerstandsfähigkeit von Finanzunternehmen – mit klaren Anforderungen an Third-Party Risk Management und IT-Dienstleister.

Warum eignet sich DORA so gut für KI?

Weil DORA typische Merkmale hat, bei denen generative KI besonders stark ist:

  • Umfangreiche, detaillierte Regulierungstexte
  • Hohe Komplexität und Querbezüge
  • Viele interne Dokumente (Verträge, Policies, Risikoanalysen)
  • Laufende Aktualisierung und Prüfpflichten

creance.ai kündigt an, Unternehmen speziell bei der Umsetzung des Third-Party Risk Managements gemäß DORA zu unterstützen. Das heißt konkret: KI-gestützte Unterstützung bei der Bewertung und Steuerung von IT-Dienstleistern.

Für Kanzleien ergeben sich hier mehrere Ansatzpunkte:

  • Finanzaufsichtsrecht & IT-Recht: Entwicklung eigener Beratungsprodukte, die KI-gestützt DORA-Compliance prüfen.
  • Vertragsrecht & Outsourcing: Automatisierte Analyse von Auslagerungsverträgen, SLAs und Sicherheitsklauseln.
  • Compliance & Risikomanagement: Aufbau von Monitoring-Lösungen in Kooperation mit Mandanten.

Beispiel: Wie könnte eine DORA-KI in der Praxis aussehen?

Stellen Sie sich einen typischen DORA-Mandanten vor: eine österreichische Bank mit 200 IT-Dienstleistern.

Eine spezialisierte KI-Lösung kann u. a.:

  • alle Auslagerungsverträge einlesen,
  • relevante Klauseln zu Haftung, Verfügbarkeit, Sicherheitsvorfällen und Auditrechten identifizieren,
  • Abweichungen zu DORA-Anforderungen markieren,
  • Textvorschläge für Nachverhandlungen oder Vertragsänderungen generieren,
  • eine Risikomatrix erzeugen (z. B. „kritisch“, „mittel“, „niedrig“).

Die Rolle der Kanzlei verschiebt sich damit vom manuellen Klausel-Screening hin zur

  • rechtlichen Bewertung,
  • Priorisierung der Findings,
  • Verhandlungsstrategie gegenüber Dienstleistern
  • und zur Governance-Beratung.

Die Wertschöpfung bleibt juristisch – aber die Fleißarbeit übernimmt die Maschine.

Was das Joint Venture für den Kanzleimarkt bedeutet

Das spannende an creance.ai ist weniger das einzelne Produkt, sondern das Signal an den Markt: Regulatorik wird zum Testfeld für produktisierte KI-Lösungen.

Hier ein paar zentrale Auswirkungen für den Kanzleimarkt:

1. Standardfälle wandern in Tools

Alles, was stark reguliert, wiederkehrend und dokumentenlastig ist, wird mittelfristig in Standardtools gegossen. Beispiele:

  • DORA, NIS2, GDPR/DSGVO, ESG-Reporting
  • Whistleblowing-Systeme
  • Lieferkettensorgfaltspflichten (LkSG / EU-Lieferkettenrichtlinie)

Wer als Kanzlei sein Geschäftsmodell bisher primär aus Checklistenarbeit und Standard-Gutachten speist, wird spüren, wie Mandanten solche Leistungen zunehmend toolgestützt einkaufen – häufig gleich bei Beratungshäusern oder LegalTech-Anbietern.

2. Rechtsanwälte werden zu Kuratoren von KI-Ergebnissen

Die Aussage von Aleph-Alpha-CEO Jonas Andrulis bringt es auf den Punkt: KI soll die Compliance-Wertschöpfungskette transformieren und Menschen befähigen, komplexe Probleme transparenter zu bearbeiten.

Übertragen auf Kanzleien heißt das:

  • Nicht die KI entscheidet, was rechtlich richtig ist.
  • Die KI bereitet Informationen, Dokumente und Risiken so auf, dass Anwälte fundierter entscheiden können.

Die Kernkompetenz verschiebt sich von „Ich finde die Norm“ zu „Ich bewerte juristisch belastbar, was KI mir vorschlägt.“

3. Mandanten erwarten KI-Kompetenz – auch im Mittelstand

Wenn Player wie PwC und Aleph Alpha gemeinsam Lösungen auf den Markt bringen, wächst der Druck auf kleinere Kanzleien. Unternehmen – auch im Mittelstand – werden zunehmend fragen:

„Wie setzen Sie KI in Ihrer Rechtsberatung ein? Bekommen wir bei Ihnen effizientere, schnellere Ergebnisse?“

Wer hier nur mit Stundensatz und Erfahrung argumentiert, wirkt 2025 defensiv. KI-Kompetenz wird zu einem Vertrauensfaktor.

Konkrete Chancen für österreichische und deutsche Kanzleien

Die gute Nachricht: Kanzleien müssen nicht selbst ein zweites creance.ai bauen. Es reicht, bestehende Technologien gezielt für das eigene Profil zu nutzen.

1. Spezialisierung auf KI-gestützte Regulierungsberatung

Gerade im Finanz-, Energie- oder Gesundheitssektor entstehen derzeit massenhaft Projekte, etwa zu:

  • DORA
  • NIS2
  • EU-AI-Act
  • ESG-Reporting

Kanzleien können hier hybride Produkte bauen, z. B.:

  • „DORA Quick Check“: KI-gestützte Vertrags- und Policy-Analyse plus Rechtsgutachten.
  • „NIS2 Readiness Assessment“: KI-gestützte Auswertung interner Richtlinien, ergänzt um juristische Bewertung.

Wichtig ist ein klares Produktdesign:

  • Was macht die KI automatisiert?
  • Wo beginnt die juristische Bewertung?
  • Welche Ergebnisse bekommt der Mandant (Report, Ampellogik, Handlungsempfehlungen)?

2. Vertragsanalyse und Wissensmanagement in der Kanzlei

Auch abseits großer Regulierungsprojekte lohnt sich der Einsatz generativer KI in der Kanzlei-Praxis:

Vertragsanalyse

  • automatisches Erkennen kritischer Klauseln
  • Vergleich mit Kanzlei-Standards
  • Vorschläge für Alternativformulierungen

Rechtsrecherche

  • schnellere Erschließung von Rechtsprechung und Literatur
  • saubere Dokumentation der Fundstellen

Wissensmanagement

  • Aufbereitung interner Gutachten in einer „Kanzlei-KI“
  • schneller Zugriff auf frühere Argumentationslinien

Wer das sauber organisiert, kann Bearbeitungszeiten um 20–40 % senken, ohne an Qualität zu verlieren – bei gleichzeitiger höherer Konsistenz in der Argumentation.

3. Neue Preismodelle und Mandantenkommunikation

KI-gestützte Arbeit ermöglicht andere Vergütungsmodelle:

  • Pauschalpreise für klar umrissene Prüfungen
  • Abomodell für regelmäßige Compliance-Reviews
  • Kombination aus Flat-Fee + Success-Elementen bei Projekten

Gerade bei DORA, NIS2 & Co. wird es für Mandanten attraktiver, mit planbaren Budgets zu arbeiten. Kanzleien, die hier strukturiert auftreten, wirken professionell und modern.

Wie fangen Sie praktisch an? Ein Fahrplan für Kanzleien

Viele Kanzleien hängen an der Startlinie fest, obwohl sie eigentlich längst loslegen könnten. Ein pragmatischer Einstieg besteht aus vier Schritten:

Schritt 1: Anwendungsfälle definieren

Nicht mit der Technologie anfangen, sondern mit der Frage: Wo brennt es am meisten? Typische Kandidaten:

  • Standardverträge prüfen
  • wiederkehrende Compliance-Checks
  • interne Wissenssuche

Ein bis zwei klar umrissene Use Cases reichen für den Start.

Schritt 2: Toolauswahl & Datenschutz klären

Gerade in Österreich und Deutschland ist das Thema Datenschutz und Berufsrecht zentral.

  • Verwenden Sie nur Lösungen, die On-Premise oder in EU-Rechenzentren betrieben werden können oder klare Datenschutzkonzepte bieten.
  • Klären Sie, ob Mandantendaten zur Modell-Trainierung verwendet werden (sollten sie nicht).
  • Dokumentieren Sie Ihre Vorgehensweise im Rahmen Ihres Kanzlei-Qualitätsmanagements.

Schritt 3: Interne Leitlinien für KI-Nutzung festlegen

Definieren Sie verbindlich:

  • Welche Aufgaben dürfen mit KI bearbeitet werden?
  • Wer prüft die Ergebnisse?
  • Wie wird dokumentiert, dass ein Anwalt das Ergebnis fachlich verantwortet?

So behalten Sie die Kontrolle – und schaffen gleichzeitig Akzeptanz im Team.

Schritt 4: Mandanten aktiv mitnehmen

Transparente Kommunikation ist ein Wettbewerbsvorteil:

  • Erklären Sie, wie Sie KI einsetzen.
  • Stellen Sie klar, dass Entscheidungen weiterhin von Anwälten getroffen werden.
  • Zeigen Sie den Mehrwert: schnellere Bearbeitung, bessere Struktur, klare Reports.

Gerade Mandanten, die sich mit DORA, NIS2 oder ESG befassen, werden froh sein, wenn ihre Kanzlei proaktiv KI-Kompetenz anbietet.

Was creance.ai für die Zukunft der Rechtsberatung andeutet

creance.ai markiert einen Wendepunkt: Rechts- und Compliance-Know-how wird systematisch mit generativer KI kombiniert – und als Produkt gedacht. Nicht nur in globalen Kanzleien, sondern direkt aus der Verknüpfung von Big4-Beratung und europäischer KI-Technologie.

Für die Praxis in österreichischen und deutschen Kanzleien bedeutet das:

  • KI wird fester Bestandteil der Rechtsberatung – nicht Experiment am Rand.
  • Mandanten werden nachweisbare Effizienzvorteile erwarten.
  • Wer KI klug einsetzt, kann sich fachlich schärfer positionieren und neue Honorarmodelle etablieren.

Die Frage ist also weniger, ob KI Ihren Kanzleialltag prägt, sondern wie bewusst Sie diese Entwicklung gestalten. Wer sich früh mit Themen wie DORA, NIS2 oder dem EU-AI-Act beschäftigt und KI-Lösungen gezielt in seine LegalTech-Praxis integriert, wird 2025 und darüber hinaus einen klaren Vorsprung haben.

Wenn Sie Teil dieser Entwicklung sein wollen, ist jetzt der richtige Zeitpunkt, interne Pilotprojekte zu starten – bevor Ihre Mandanten Sie fragen, warum ihr Wirtschaftsprüfer beim Thema KI eigentlich weiter ist als ihre Kanzlei.