KI kann Bau-Logistik beschleunigen: weniger MedienbrĂĽche, bessere Disposition, mehr Transparenz. So ĂĽbertragen Sie E-Commerce-Prinzipien auf Baustellen.

KI in Bau-Logistik: So stoppen Sie das Schneckentempo
4,6 von 10 Punkten: So niedrig liegt der digitale Reifegrad der Schweizer Bau- und Immobilienbranche im Digital Real Estate Index 2023. Und während in Deutschland (70 %) und Frankreich (60 %) schon 2022 viele Unternehmen mit BIM arbeiten, sind es in der Schweiz nur rund 20 %. Das ist kein Nerd-Problem. Das ist ein Kosten- und Lieferkettenproblem.
Denn Bau ist Logistik in Grossbuchstaben: Material zur richtigen Zeit am richtigen Ort, mit den richtigen Papieren, in der richtigen Qualität. Wenn Informationen noch immer „mitwandern“ wie früher der Lieferschein im Führerhaus, entstehen die teuersten Fehler dort, wo man sie am schlechtesten sieht: an Schnittstellen.
In unserer Serie „KI in Logistik und Lieferkettenmanagement“ schauen wir normalerweise auf Handel und E-Commerce. Genau dort liegt aber ein überraschend guter Spiegel für die Baubranche: Der Handel hat gelernt, mit schwankender Nachfrage, knappen Ressourcen und komplexen Lieferketten datengetrieben umzugehen. Die Bauwirtschaft kann das auch – wenn sie den Sprung von Einzellösungen zu durchgängigen Datenflüssen schafft.
Warum die Baubranche bei Digitalisierung so langsam ist
Die Hauptursache ist nicht Technologie, sondern Arbeitsweise. In vielen Bauprojekten läuft das Zusammenspiel weiterhin sequenziell: Planung erstellt Pläne, Ausführung interpretiert sie, Maschinenführer extrahieren die relevanten Infos, Verwaltung tippt Daten erneut ab. Jede Übergabe erzeugt Reibung – und Reibung wird im Bau schnell teuer.
Ein Experte aus der Schweizer Praxis bringt es sinngemäss auf den Punkt: BIM macht Schnittstellen durchgängig, aber dafür müssen sich alle Beteiligten in einen gemeinsamen Gesamtprozess einordnen. Genau hier klemmt es kulturell.
Der Preis der Schnittstellen: Zeit, Geld und Nerven
3 bis 5 Milliarden Franken pro Jahr gibt die Schweiz laut Branchenschätzungen für Fehlerbehebungen aus – häufig ausgelöst durch Informationsverluste und Missverständnisse an Übergängen. Wer in Logistik denkt, erkennt sofort das Muster:
- MedienbrĂĽche (Papier, PDFs, Excel)
- Mehrfache Datenerfassung
- Unklare Verantwortlichkeiten („Wer hat die letzte Version?“)
- Intransparente Statusmeldungen (Anlieferung, Entladung, RĂĽcktransport)
Das klingt nicht nach Zukunftsdebatte, sondern nach täglichem operativem Schmerz.
BIM ist ein Start – aber noch kein Betriebssystem
BIM (Building Information Modeling) ist in der Baubranche oft das Symbol fĂĽr Digitalisierung. Zu Recht: Ein gemeinsames digitales Modell bĂĽndelt Daten und erleichtert Zusammenarbeit.
Aber: BIM allein löst die Logistik- und Lieferkettenprobleme nicht automatisch. Wenn Bestellungen, Disposition, Transport, Lieferscheine, Retouren, Recycling und Fakturierung weiterhin in getrennten Tools leben, bleibt BIM ein „digitales Inselprojekt“.
Was fehlt, ist das, was der Handel längst als Standard betrachtet: End-to-End-Prozessdaten.
Was Handel & E-Commerce besser machen – und warum das im Bau funktioniert
Der Handel gewinnt nicht, weil er „mehr digital“ ist, sondern weil er Entscheidungen an Daten knüpft. Wer E-Commerce betreibt, kann sich keine manuellen Schnittstellen leisten: Die Marge ist dafür zu dünn und das Volumen zu hoch.
Drei Prinzipien, die sich direkt auf Bau-Logistik ĂĽbertragen lassen:
1) „Single Source of Truth“ statt Projekt-WhatsApp
Im Handel sind Produktdaten, Lagerbestände und Lieferstatus zentralisiert. Auf der Baustelle ist die Realität oft: Der aktuelle Stand steckt in E-Mails, Telefonaten, PDFs und Köpfen.
Ăśbertrag in die Baulogistik:
- ein zentraler Auftrags- und Lieferstatus je Baustelle
- eindeutige Identifikatoren fĂĽr Lieferungen (digital, nicht handschriftlich)
- Versionierung von Plänen, Lieferscheinen, Nachweisen
Ergebnis: weniger Abstimmungsschleifen, weniger „Wir dachten, ihr kommt morgen“, weniger Stillstand.
2) Prognosen statt BauchgefĂĽhl
E-Commerce plant Nachfrage mit Forecasting, weil jede Fehlplanung direkt Lagerkosten oder Lieferverzug bedeutet.
Ăśbertrag in die Baulogistik:
- Materialbedarf pro Bauphase prognostizieren (inkl. Puffer)
- Auslastung von Fahrzeugen und Mischanlagen vorausschauend planen
- Engpässe (Personal, Geräte, Zeitfenster) früh erkennen
Hier wird KI interessant: Sie ist nicht „Zauberei“, sondern Statistik plus Automatisierung – ideal für wiederkehrende Muster wie Lieferfenster, Baustellenzugänge oder typische Verzögerungsrisiken.
3) Automatisierte Workflows statt „Papier wandert mit“
Im Handel sind digitale Belege, Track & Trace und automatische Rechnungsprozesse Standard.
Ăśbertrag in die Baulogistik:
- digitaler Lieferschein mit Echtzeit-Zugriff
- automatische Statusmeldungen (Anfahrt, Ankunft, Entladung, Abfahrt)
- Fakturierung aus Ist-Daten statt aus Nachbearbeitung
Das senkt nicht nur Kosten – es schafft Vertrauen, weil alle denselben Status sehen.
Praxis: Wie Kies AG Logistik mit App, Echtzeitdaten und KI denkt
Konkrete Ergebnisse kommen nicht aus PowerPoints, sondern aus konsequentem Prozessdesign. Ein Schweizer Kies- und Betonhersteller (Kies AG) zeigt, wie das aussehen kann: Ziel ist die papierlose Verwaltung sämtlicher Ressourcen ab Werk.
Der Ansatz ist bemerkenswert, weil er an der richtigen Stelle startet: nicht beim „grossen Plattformtraum“, sondern bei den operativen Knotenpunkten.
Vom Angebot bis zur Fakturierung: ein durchgängiger Datenpfad
Die Firma setzt auf eine eigene App fĂĽr die digitale Abwicklung von:
- Angebotserstellung
- Auftragsabwicklung
- Lieferscheinen (weltweit abrufbar)
- Routenplanung
- Fakturierung
Spannend ist der Einsatz von Geofencing: Das System erkennt, wenn ein Fahrzeug am Ort entlädt, und signalisiert das dem Büro. Das ist klassische Lieferketten-Transparenz – nur eben im Baukontext.
Wo KI konkret hilft: Disposition, Fahrzeugwahl, Baustellenstatus
Die Kies AG will KI vor allem in der Disposition nutzen – auch aus einem sehr pragmatischen Grund: Disponenten sind schwer zu finden. KI wird hier zum Produktivitätshebel, weil sie:
- repetitive BĂĽrokratie reduziert
- Vorschläge für das geeignete Fahrzeug liefert (auf Basis aktiver Bestellungen)
- Projektleitungen in Echtzeit mit Baustellendaten versorgt
Ich halte genau diesen Fokus für richtig: KI zuerst dort einsetzen, wo Daten schon entstehen und Entscheidungen häufig sind. Disposition ist im Bau das, was im Handel die Bestands- und Versandsteuerung ist.
Die unterschätzte Hürde: Menschen und Systemkompatibilität
Die Logistik-Leitung beschreibt zwei typische Bremsen:
- personbezogen: Angst vor Veränderung, Zurückhaltung beim digitalen Arbeiten
- systemisch: bestehende Systeme passen nicht zu neuen Anforderungen
Das ist kein Nebenschauplatz. Wer „KI in der Lieferkette“ sagt, muss Change Management meinen: Schulung, klare Rollen, Support in den ersten Wochen, und vor allem einfache Tools, die im Alltag nicht nerven.
Nachhaltigkeit, Kreislaufwirtschaft und warum Daten der Engpass sind
Klimaneutral bis 2050: Die Schweiz hat sich mit dem Klimaschutzgesetz verpflichtet. Im Bau wird das ohne digitale Methoden nicht funktionieren, weil schon die einheitliche Berechnung von COâ‚‚-Emissionen ĂĽber den Lebenszyklus von Bauteilen datenintensiv ist.
Gerade beim Baustoff Beton wird deutlich: Ohne digitale Erfassung und Berechnung bleiben COâ‚‚-Kalkulationen StĂĽckwerk.
Material sparen heisst Planung + Fertigung digital verbinden
Digitale Fertigungstechniken und Vorfabrikation können Material reduzieren – bei Betonbauteilen ist von bis zu 30 % Materialreduktion bei gleichwertiger Qualität die Rede. Das ist nicht nur ein Nachhaltigkeitsargument, sondern auch ein Lieferkettenargument: weniger Material bedeutet weniger Transporte, weniger Engpässe, weniger Kosten.
„Virtuelles Hochregallager“ für Bauteile: Idee aus dem Handel
Ein starker Gedanke aus der Praxis: Eine Plattform, die verfügbare (oder bald verfügbare) Bauteile registriert – wie ein virtuelles Hochregallager.
Im Handel heisst das: Marktplatz + Bestand + Verfügbarkeit. Im Bau könnte das bedeuten:
- Wiederverwendbare Bauteile frĂĽh sichtbar machen
- Demontage- und Lieferzeitpunkte planen
- Transport, Zwischenlager und Einbau terminieren
KI kann hier Matching leisten: Welches Bauteil passt technisch, zeitlich und logistisch? Genau solche Matching-Probleme löst KI im E-Commerce täglich.
Ein 90-Tage-Plan: So starten Bau- und Handelsunternehmen pragmatisch mit KI
Der schnellste Weg aus dem Schneckentempo ist ein klarer Pilot mit messbaren Kennzahlen. Nicht „wir machen jetzt KI“, sondern „wir verkürzen die Durchlaufzeit im Lieferscheinprozess um 30 %“.
Schritt 1: Prozess wählen, der wirklich weh tut
Gute Kandidaten (hoher Takt, viele Ăśbergaben):
- Disposition und Tourenplanung
- Lieferavis und Zeitfenstersteuerung
- digitale Lieferscheine & Abnahme
- Reklamationen und Nachlieferungen
Schritt 2: Daten sauber bekommen (nicht perfekt, aber nutzbar)
Minimal-Setup:
- eindeutige Auftragsnummern
- Zeitstempel (Anfahrt/Ankunft/Entladung)
- Artikel-/Materialdaten mit Mengen und Einheiten
- Standortdaten (Baustelle, Werk, Deponie)
Schritt 3: KI dort einsetzen, wo sie sofort entscheidet
Drei KI-Use-Cases mit schneller Wirkung:
- ETA-Prognosen (Ankunftszeiten) aus historischen Fahrten und aktuellen Bedingungen
- Dispositionsempfehlungen (Fahrzeug, Route, Reihenfolge) inkl. Nebenbedingungen
- Dokumentenautomatisierung (Belegerkennung, Plausibilitätschecks, Rechnungsfreigabe)
Schritt 4: Erfolg messen wie im E-Commerce
Messgrössen, die ich in Projekten als besonders ehrlich erlebt habe:
- „Time to Invoice“ (von Lieferung bis Rechnung)
- Leerkilometerquote
- durchschnittliche Wartezeit an der Baustelle
- Reklamationsrate je 100 Lieferungen
- Anteil papierloser Vorgänge
Wenn diese Zahlen besser werden, wird Digitalisierung plötzlich unideologisch.
Was Sie aus diesem Beispiel für Ihre Lieferkette mitnehmen können
Digitalisierung im Bau scheitert selten an fehlenden Tools, sondern an fehlenden End-to-End-Datenflüssen. BIM ist wichtig, aber Logistik und kaufmännische Prozesse müssen mitziehen – sonst bleibt der Effekt klein.
KI ist der Beschleuniger, wenn die Basis steht: saubere Statusdaten, klare Verantwortlichkeiten und ein Prozess, der sich automatisieren lässt. Genau deshalb lohnt sich der Blick in den Handel und E-Commerce: Dort sind Forecasting, Workflow-Automation und Transparenz längst Alltag – und die Prinzipien passen erstaunlich gut auf Baustellen.
Wenn Sie 2026 weniger Stillstand, weniger Nacharbeit und mehr Planbarkeit wollen, starten Sie nicht mit „einer Plattform“. Starten Sie mit einem messbaren Logistikprozess, machen Sie ihn papierlos, und setzen Sie KI dort ein, wo täglich Entscheidungen getroffen werden.
Welche Schnittstelle in Ihrer Lieferkette kostet Sie aktuell am meisten Zeit – Disposition, Lieferscheine oder Abnahme auf der Baustelle?