Low-Code-Integration verbindet Webshop und ERP sauber – und schafft die Datenbasis für KI: Empfehlungen, Bestandsmanagement und Service-Automation.

Low-Code-Integration: Wenn ERP & Webshop KI fĂĽttern
Am 21.12.2025 ist KI im Handel kein „Nice-to-have“ mehr, sondern wird messbar: Wer personalisiert empfiehlt, Retourenquoten senkt oder Bestände sauber plant, gewinnt Marge. Und trotzdem scheitern viele Initiativen an etwas, das auf keiner KI-Folie glamourös aussieht: inkonsistente Daten zwischen Webshop und ERP.
Ich sehe das immer wieder: Teams investieren in Empfehlungssysteme oder Forecasting-Tools – und merken erst spät, dass Produktdaten, Preise, Bestände und Auftragsstatus in zwei Systemen „ein bisschen anders“ aussehen. KI ist dann nicht zu schlecht. Sie bekommt nur schlechte Nahrung.
Die bessere Reihenfolge lautet: erst Integration und Datenhoheit klären, dann KI skalieren. Genau hier spielt Low-Code-Integration zwischen Webshop und ERP ihre Stärken aus: weniger Datensilos, schnellere Prozessänderungen und eine saubere Basis für KI im Einzelhandel und E-Commerce.
Warum die Webshop-ERP-Integration meist unterschätzt wird
Die ehrliche Antwort: Weil viele Händler Integration mit „Bestellungen ins ERP importieren“ verwechseln. Das funktioniert kurzfristig, ist aber keine echte Prozesskette.
Eine vollwertige Integration umfasst mindestens:
- Stammdaten-Synchronisation (Artikel, Varianten, Attribute, Lieferanten, Kundendaten)
- Preislogik (B2C/B2B-Preislisten, Aktionspreise, Staffelpreise, Kundengruppen)
- BestandsfĂĽhrung in Echtzeit (inkl. Reservierungen, Teillieferungen, Filial-/Lagerstandorte)
- Produktinformationen & Medien (Texte, Bilder, Datenblätter, Compliance-Infos)
- Order Lifecycle (Zahlung, Rechnung, Versand, Tracking, Retouren, Gutschriften)
Wenn das nicht sauber sitzt, entstehen Datensilos – und damit ganz praktische Probleme: falsche Lieferzeiten, Überverkäufe, manuelle Korrekturen, doppelte Pflege. Und vor allem: KI-Modelle lernen aus einem Datenmix, der nicht die Realität abbildet.
Zwei Systeme, zwei Logiken – und tausend kleine Brüche
Webshop und ERP „sprechen“ oft unterschiedliche Sprachen: andere Datenformate, andere Feldlogiken, andere Pflichtfelder. Ein klassischer Stolperstein ist die Adressstruktur (ein Feld vs. getrennte Felder), aber das Problem geht weiter:
- Variantenlogik (Größe/Farbe) ist im Shop „natürlich“, im ERP manchmal ein Sonderfall.
- Retourengründe werden im Shop als Freitext erfasst, im ERP braucht’s Codes.
- Versandarten heiĂźen im Shop marketingfreundlich, im ERP buchhalterisch.
Das Ergebnis sind Workarounds: Excel-Importe, manuell gepflegte Mapping-Tabellen, halbfertige Schnittstellen. Solange das Volumen klein ist, geht’s. Im Peak (Black Friday, Wintersale, Nachweihnachtsgeschäft) knallt es.
Datenhoheit klären: Wer ist „Single Source of Truth“?
Die klare Antwort: Es darf nur ein führendes System für Kernobjekte geben – sonst wächst der Pflegeaufwand schneller als der Umsatz.
In der Praxis klappt ein Setup besonders oft:
- ERP als führendes System für Bestände, Preise (oder zumindest die Regeln), Auftragsstatus, Rechnungen, Zahlungen, Retouren
- Webshop als Kanal fĂĽr Experience (UX, Content-Ausspielung, Checkout, Kampagnen)
- Optional PIM – aber nur, wenn Produktdatenkomplexität und Kanäle es wirklich rechtfertigen
Viele Händler bauen ein PIM ein, um Chaos zu vermeiden. Das ist sinnvoll, wenn ihr:
- 5+ Kanäle bespielt (Shop, Marktplätze, Filial-Screens, Katalog, Social Commerce)
- sehr viele Attribute/Sprachen pflegt
- regulatorische Inhalte (z. B. Material, Herkunft, Warnhinweise) sauber versionieren mĂĽsst
Aber: Ein Low-Code-fähiges ERP kann – je nach Plattform – Teile der PIM-Rolle übernehmen, inklusive Medienverwaltung und Attributlogik. Das spart Systeme, Schnittstellen und Abstimmungsrunden.
Merksatz: KI im E-Commerce ist nur so gut wie eure „Single Source of Truth“. Alles andere ist Modelltraining auf Wackelpudding.
Low Code als pragmatischer Weg zu sauberer Integration
Die direkte Antwort: Low Code reduziert Integrationsaufwand, weil Prozesse konfigurierbar statt hart verdrahtet sind. Statt monatelang individuelle Schnittstellen zu programmieren, modelliert ihr Workflows und DatenflĂĽsse modular.
Low-Code-Ansätze funktionieren besonders gut, wenn ihr regelmäßig anpassen müsst – und das ist im Handel die Regel, nicht die Ausnahme: neue Versanddienstleister, geänderte Retourenregeln, neue Zahlungsarten, saisonale Preislogik, neue Marktplätze.
Was Low Code konkret besser macht (nicht nur „schneller“)
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Visuelle Prozessmodelle statt Code-Monolithen
- Wenn ein Prozess scheitert, seht ihr wo.
- Änderungen sind nachvollziehbar und testbar.
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Weniger Redundanzen durch zentrale Datenhaltung
- Produktdaten, Bestände, Preisregeln und Statusänderungen bleiben konsistent.
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Fehlerarme Mappings
- Standardisierte Konnektoren + Validierungsregeln sind weniger anfällig als Excel-Importe.
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Skalierbarkeit für neue Kanäle
- Einmal sauber „modelliert“, können weitere Touchpoints (Marktplätze, POS, Service) schneller angebunden werden.
Praxisbeispiel: Wintersale ohne Bestandschaos
Stellt euch einen Händler mit 25.000 SKUs, zwei Lagern und zusätzlichem Abverkauf über einen Marktplatz vor. Im Sale steigen Bestellungen um Faktor 3–5.
- Ohne echte Integration: Bestände werden zeitverzögert synchronisiert, Reservierungen fehlen, Überverkäufe häufen sich.
- Mit Low-Code-Integration: Das ERP reserviert Bestände beim Bestelleingang, gleicht Lagerorte ab, veröffentlicht verfügbare Mengen kanalübergreifend und stößt Versand-/Rechnungsprozesse automatisch an.
Das ist nicht nur „komfortabler“. Es reduziert Stornos, Supportaufwand und negative Bewertungen – und macht Umsätze, die sonst in Korrekturen versickern.
Warum Low Code die KI im Handel erst richtig möglich macht
Die klare Antwort: KI braucht konsistente, zeitnahe und vollständig verknüpfte Daten. Low Code ist oft der schnellste Weg, diese Datenbasis herzustellen – und zwar entlang echter Prozesse, nicht nur als Datensammlung.
KI-Use-Cases, die direkt von Webshop-ERP-Integration profitieren
1) KI-gestĂĽtztes Bestandsmanagement & Nachfrageprognosen
Wenn Bestände, Abverkäufe, Lieferzeiten und Retouren in einem sauberen Datenmodell landen, werden Forecasts brauchbar.
Konkreter Nutzen:
- weniger Sicherheitsbestand bei gleicher Lieferfähigkeit
- frĂĽhere Nachbestellungen bei saisonalen Peaks
- bessere Umlagerungen zwischen Lagern/Filialen
2) Personalisierte Empfehlungen, die nicht „ins Leere“ laufen
Empfehlungslogik ist nur dann profitabel, wenn sie VerfĂĽgbarkeit und Marge berĂĽcksichtigt.
Eine starke Praxisregel lautet: Empfehle nur, was in der gewünschten Lieferzeit verfügbar ist – und priorisiere Artikel mit guter Marge und niedriger Retourenwahrscheinlichkeit.
Dafür müsst ihr Webshop-Verhalten (Clicks, Warenkörbe) mit ERP-Signalen (Bestände, Deckungsbeitrag, Retourencodes) zusammenbringen. Low Code macht diese Verknüpfung operativ – nicht als einmaliges BI-Projekt.
3) Automatisierte Rechnungs- und Belegverarbeitung
KI kann Belege klassifizieren, relevante Felder auslesen und Workflows anstoĂźen (Freigabe, Zahlung, Abgleich). Aber: Wenn Lieferantenstammdaten, Kontierungslogik oder Bestellbezug im ERP nicht sauber sind, entsteht manuelle Nacharbeit.
Low-Code-Workflows helfen, die „letzten 10%“ zu automatisieren:
- Ausnahmebehandlung (z. B. falsche Bestellnummer)
- Eskalationsregeln
- Audit-Logs und Nachvollziehbarkeit
4) Kundenservice-Automation (Chat, E-Mail, Sprachnachrichten)
KI kann Anliegen erkennen und in Prozesse überführen: Statusabfrage, Adressänderung, Retoure, Reklamation.
Der Unterschied zwischen „nettem Bot“ und echtem Hebel ist die ERP-Anbindung:
- Kann der Bot den Auftragsstatus wirklich prĂĽfen?
- Kann er eine Retoure anlegen und Label ausgeben?
- Kann er eine Gutschrift auslösen – regelbasiert und revisionssicher?
Ohne Integration bleibt’s beim FAQ-Chat. Mit Integration wird’s Prozessautomation.
Umsetzung: Ein 30-60-90-Tage-Plan für Händler
Die direkte Antwort: Startet klein, aber nicht beliebig. Nehmt einen End-to-End-Prozess und macht ihn wirklich sauber.
0–30 Tage: Datenhoheit und Prozesslandkarte
- Legt fest: Wer ist fĂĽhrend fĂĽr Artikel, Preis, Bestand, Kunde, Auftrag?
- Dokumentiert 3 Kernprozesse (z. B. Order-to-Cash, Return-to-Refund, Procure-to-Stock).
- Definiert Datenqualitätsregeln (Pflichtfelder, Validierungen, Dublettenlogik).
31–60 Tage: Low-Code-Integration für einen „Gold-Flow“
Wählt einen Prozess mit hohem Volumen und klarer Wirkung, z. B.:
- Bestelleingang → Reservierung → Versand → Rechnung → Status-Update
Setzt dabei auf:
- Echtzeit-Sync fĂĽr Bestand und Status
- sauberes Mapping (Varianten, Steuern, Versandarten)
- Monitoring (Fehlerraten, Queue-Backlogs, Retries)
61–90 Tage: KI auf stabile Prozesse setzen
Jetzt lohnt es sich, KI gezielt einzubauen:
- Forecasting fĂĽr Top-Kategorien
- Empfehlungssystem mit VerfĂĽgbarkeits- und Margenlogik
- Service-Automation für die 5 häufigsten Anliegen
Messgrößen, die ich dafür mag (weil sie betriebsnah sind):
- Ăśberverkaufsquote
- „Time to ship“ (Median)
- Retourenquote pro Kategorie
- Ticketvolumen pro 100 Bestellungen
- Anteil automatisiert verarbeiteter Belege
Was die meisten Teams falsch machen (und wie ihr’s besser macht)
Die klare Antwort: Sie automatisieren Symptome statt Ursachen. Wenn Daten doppelt gepflegt werden, baut ihr am Ende KI auf widersprĂĽchlichen Stammdaten.
Drei Leitplanken, die zuverlässig helfen:
- Ein EigentĂĽmer pro Datenobjekt (und der ist verantwortlich).
- Integration ist Produktarbeit, kein einmaliges IT-Projekt.
- KI erst nach Prozessstabilität – sonst optimiert ihr Chaos.
Snippet zum Mitnehmen: „Low Code ist keine Abkürzung um saubere Prozesse herum – es ist die Abkürzung zu sauberen Prozessen.“
Nächster Schritt: Erst die Basis, dann die KI-Skalierung
Low-Code-Integration zwischen Webshop und ERP ist der unspektakuläre Teil, der am Ende über KI-Erfolg entscheidet. Wer eine zentrale Datenhaltung und durchgängige Workflows etabliert, bekommt nicht nur weniger Fehler und mehr Tempo – sondern eine Datenbasis, auf der personalisierte Empfehlungen, Bestandsoptimierung und Service-Automation zuverlässig laufen.
Wenn ihr in eurer Organisation gerade über KI im Einzelhandel und E-Commerce sprecht, würde ich genau dort starten: Welche Prozesse sind schon End-to-End integriert – und welche hängen noch an Excel, manuellen Korrekturen und „wissen wir nicht genau“?
Welche Prozesskette wollt ihr als Nächstes wirklich durchautomatisieren: Bestandsführung, Retouren oder Kundenservice?