Birkenstocks Gewinnsprung zeigt, wie KI im Einzelhandel Nachfrage, Bestand und Personalisierung messbar verbessert. Praktische Ansätze für Retailer.

KI im Handel: Was Birkenstocks Wachstum wirklich zeigt
Birkenstock hat im Geschäftsjahr bis 30.09.2025 gleich mehrere Signale gesendet, die im Einzelhandel selten gleichzeitig auftreten: Umsatz plus 16% (berichtsbasiert) bzw. 18% (konstante Währung), Nettoergebnis plus 82% und Adjusted EBITDA plus 20%. Besonders spannend ist aber nicht die Schlagzeile „Gewinnsprung“, sondern wie so etwas heute überhaupt noch planbar gelingt – in einer Branche, in der Nachfrage, Saisonalität, Trends und Lieferketten ständig dazwischenfunken.
Most companies get this wrong: Sie behandeln Wachstum wie ein Marketingproblem. In Wahrheit ist es ein Steuerungsproblem. Wer Nachfrage, Sortiment, Bestand, Preise und Kanäle nicht sauber zusammenbringt, gewinnt vielleicht ein Quartal – und verliert dann Marge, Liquidität oder Kundenzufriedenheit.
In unserer Serie „KI im Einzelhandel und E-Commerce“ schaue ich deshalb auf Birkenstock als Fallbeispiel: Nicht, weil wir wissen, welche Tools intern konkret laufen, sondern weil die Kennzahlen ziemlich klar zeigen, welche Hebel typischerweise wirken – und warum KI für Nachfrageprognosen, Bestandsmanagement und Kundensegmentierung genau an diesen Hebeln ansetzt.
Birkenstocks Zahlen: Wachstum ist messbar – und erklärbar
Antwort zuerst: Birkenstocks Ergebnisse sprechen für ein Modell, das Nachfrage stabil bedient, Kanäle orchestriert und die Marge schützt.
Die wichtigsten Punkte aus den veröffentlichten Zahlen:
- Adjusted EBITDA: 583,4 Mio. £ (667 Mio. €), +20% YoY
- Nettoergebnis: 304,4 Mio. £ (348 Mio. €), +82% YoY
- Umsatz: 1,83 Mrd. £ (2,1 Mrd. €), +16% berichtsbasiert / +18% konstante Währung
- Q4 besonders stark: Umsatz 460,1 Mio. £ (526 Mio. €), +15% berichtsbasiert / +20% konstante Währung
- Expansion: 30 neue eigene Stores, total 97
- Sortimentsmix: Closed-toe-Anteil +500 Basispunkte auf 38%
- APAC-Anteil: +120 Basispunkte auf 11%
- Ausblick 2026: Adjusted EBITDA mindestens 612,3 Mio. £ (700 Mio. €), Umsatzwachstum konstant 13–15%
Das ist nicht „einfach nur Trend“. Das ist ein System, das skaliert: Sortimentsmix verschieben, neue Regionen ausbauen, eigene Retail-Flächen ergänzen – und gleichzeitig Q4 sauber abliefern.
Warum das fĂĽr Schweizer Retailer relevant ist
Antwort zuerst: Die Mechanik hinter diesen Zahlen ist 1:1 auf Schweizer Einzelhandel und E-Commerce übertragbar – nur mit kleineren Volumina und oft mehr Komplexität pro Standort.
In der Schweiz sehen wir genau die gleichen Spannungen: hohe Flächenkosten, anspruchsvolle Kundschaft, starke Saisonalität (Winterferien, Sport, Weihnachtsgeschäft), grenznahe Abflüsse und ein Online-Anteil, der Erwartungen an Verfügbarkeit und Lieferzeit drastisch erhöht.
Wer da wachsen will, muss zwei Dinge gleichzeitig können:
- Nachfrage präzise vorhersagen (nicht nur „letztes Jahr plus 5%“)
- Operativ reagieren, bevor die Kundschaft es merkt (Bestand, Nachschub, Preise, Content)
Und genau hier kommt KI ins Spiel.
Saisonalität ist kein Zufall: Q4-Performance entsteht Monate vorher
Antwort zuerst: Starke Quartale sind kein „Endspurt“, sondern das Ergebnis besserer Prognosen, besserer Disposition und schnellerer Entscheidungen.
Birkenstock meldet im vierten Quartal erneut kräftiges Wachstum. Im Mode- und Footwear-Bereich ist Q4 typischerweise eine harte Mischung: Geschenkekäufe, Wettereffekte, Retourenrisiko, Promo-Druck – plus die Herausforderung, dass man in vielen Kategorien zu früh oder zu spät einkauft.
KI-basierte Nachfrageprognosen sind hier nicht Buzzword, sondern eine ziemlich praktische Disziplin.
Was KI bei Nachfrageprognosen besser macht als klassische Planung
Antwort zuerst: KI integriert mehr Signale, aktualisiert häufiger und erkennt Muster, die in Excel-Planungen untergehen.
Klassische Forecasts scheitern oft an drei Dingen:
- Zu wenige Variablen (nur Absatzhistorie, vielleicht Wetter grob)
- Zu wenig Aktualisierung (monatlich statt täglich/wöchentlich)
- Zu wenig Granularität (Land statt Region, Kategorie statt SKU)
KI-Modelle können dagegen Signale wie diese kombinieren:
- Abverkauf pro SKU/Grösse/Farbe
- Preis- und Promo-Kalender
- Wetterdaten (Temperatur, Niederschlag, Schnee in Destinationen)
- Online-Such- und Onsite-Interaktionen (Clicks, Add-to-Cart, Wishlist)
- Social-/Trend-Signale (z. B. bestimmte Modelle oder Farben)
- Lead Times und Lieferkettenrisiken
Der Effekt ist selten „magisch“. Aber er ist messbar: weniger Out-of-Stock, weniger Abschriften, bessere Vollpreisquote. Und das ist am Ende Gewinn.
Mini-Playbook fĂĽr Retailer (Schweiz): So setzt du Forecasting pragmatisch auf
- Starte mit 20–50 Top-SKUs, nicht mit dem ganzen Sortiment.
- Definiere eine klare Zielgrösse: z. B. Out-of-Stock-Rate oder Bestandstage.
- Baue einen Forecast, der wöchentlich neu läuft.
- Teste „KI vs. Planer“ im Parallelbetrieb über 8–12 Wochen.
- Skaliere erst, wenn die Entscheidungskette steht (wer disponiert was, wann?).
Die Realität? Es scheitert fast nie am Modell. Es scheitert an Prozessen.
„Closed-toe +500 bp“: Sortimentsmix ist eine Daten- und Segmentierungsfrage
Antwort zuerst: Wenn ein Unternehmen den Sortimentsanteil so deutlich verschiebt, steckt dahinter saubere Kundensegmentierung und kanalĂĽbergreifende Insights.
Birkenstock nennt explizit „White-spaces“ und den gestiegenen Closed-toe-Anteil. Das ist ein Satz, den man als Händler ernst nehmen sollte: Wachstum kommt nicht nur aus mehr vom Gleichen, sondern aus einer besseren Struktur des Angebots.
KI hilft hier auf zwei Ebenen:
1) Kundensegmentierung, die wirklich nutzbar ist
Antwort zuerst: Gute Segmentierung beantwortet nicht „Wer ist die Kundin?“, sondern „Was braucht sie als Nächstes – und über welchen Kanal?“
Statt Demografie (oft unvollständig) funktionieren im Retail meist Verhaltenssegmente besser, zum Beispiel:
- Komfort-Käufer:innen (geringe Retouren, hohe Wiederkaufrate)
- Trend-getriebene Käufer:innen (hohe Interaktionsrate, neue Modelle)
- Promo-Sensitive (kaufen bei Rabatt, sonst nicht)
- Grössen-/Fit-kritische (Retouren, Beratung nötig)
Diese Segmente lassen sich mit KI dynamisch aktualisieren – und dann in Marketing, Sortiment und Service übersetzen.
2) Personalisierung im E-Commerce ohne Rabatt-Spirale
Antwort zuerst: Personalisierung soll nicht „mehr Newsletter“ bedeuten, sondern relevantere Empfehlungen und weniger Fehlkäufe.
Gerade im Schuhbereich ist Personalisierung extrem dankbar, weil man harte Signale hat:
- Grösse und Fit-Historie
- bevorzugte Leisten/Modelle
- Materialpräferenzen
- RĂĽckgabegrĂĽnde
Wenn du Empfehlungen danach aussteuerst, sinkt die Retourenquote oft stärker, als jede Kampagne es könnte. Und Retouren sind im Fashion-E-Commerce einer der grössten Margekiller.
30 neue Stores: KI ist auch eine Standort- und Omnichannel-Entscheidung
Antwort zuerst: Store-Expansion funktioniert 2025 nicht mehr nach Bauchgefühl – sie braucht Daten über Nachfrage, Einzugsgebiet und Online-Offline-Wechselwirkungen.
Birkenstock hat 30 neue eigene Stores eröffnet und steht bei 97. Das ist bemerkenswert, weil viele Händler in den letzten Jahren eher konsolidiert haben. Der Punkt ist: Eigene Stores sind nicht nur Umsatzflächen, sondern auch:
- MarkenbĂĽhne
- Service-/Beratungsfläche (Fit, Pflege, Reklamationen)
- Retouren- und Pickup-Knoten
- Datenquelle (was wird anprobiert, was wird gekauft, was nicht?)
Wie KI Standortentscheidungen verbessert
Antwort zuerst: KI kann Einzugsgebiete, Nachfrage und Kannibalisierung modellieren – und damit teure Fehlstandorte reduzieren.
Typische KI-gestĂĽtzte Inputs:
- Geodaten und Mobilitätsmuster
- Tourismus-/Saison-Hotspots
- Online-Nachfrage nach PLZ
- Wettbewerbsdichte
- Mietkosten vs. erwartete Deckungsbeiträge
- Einfluss auf Online (z. B. höhere Conversion nach Store-Eröffnung)
In der Schweiz ist das besonders relevant, weil ein Fehlstandort in 1A-Lage schnell ein sehr teurer Irrtum wird.
Was Retailer jetzt konkret tun sollten (ohne Mammutprojekt)
Antwort zuerst: Drei KI-Anwendungsfälle liefern im Handel am schnellsten messbare Effekte: Forecasting, Bestandsoptimierung, Kundensegmentierung.
Wenn ich mit Teams arbeite, die „KI einführen“ wollen, bremse ich bewusst: Nicht weil KI klein ist – sondern weil sie sonst als Grossprojekt stirbt. Besser sind drei kurze, harte Piloten:
- Nachfrageprognose für Topseller (8–12 Wochen)
- KPI: Out-of-Stock, Vollpreisquote, Bestandstage
- Bestandsumverteilung zwischen Filialen + Online
- KPI: Abverkauf, Abschriften, Lieferfähigkeit
- Segmentierung + Personalisierung im Shop
- KPI: Conversion, Warenkorb, Retourenquote
Die drei häufigsten Stolpersteine (und wie du sie vermeidest)
- Daten sind da, aber nicht verbunden: Produktdaten, Bestände, Transaktionen, Webtracking – oft in Silos.
- Fix: Erst ein minimales Datenmodell definieren (SKU, Kanal, Zeit, Standort).
- Kein Owner fĂĽr Entscheidungen: Forecast ist nett, aber wer disponiert danach?
- Fix: RACI klären (wer entscheidet, wer führt aus).
- „KI sagt…“ ohne Vertrauen: Planer:innen ignorieren Modelle, wenn sie nicht erklärbar sind.
- Fix: Erklärbarkeit einbauen (Top-Treiber, Konfidenz, Vergleich zur Baseline).
Was Birkenstocks Ausblick über 2026 verrät
Antwort zuerst: Wer 13–15% Wachstum prognostiziert, glaubt an Steuerbarkeit – und Steuerbarkeit entsteht durch bessere Daten, bessere Modelle und schnellere Prozesse.
Birkenstock erwartet für 2026 weiteres Wachstum und mindestens 700 Mio. € Adjusted EBITDA. Das liest sich wie ein Unternehmen, das nicht nur auf Nachfrage hofft, sondern sie aktiv managt: Sortiment erweitern, Regionen ausbauen, eigene Stores als Kontrollpunkte nutzen, Wholesale-Partner weiter bedienen.
Für Händler und E-Commerce-Teams in der DACH-Region ist die Lehre simpel: Wachstum ohne KI wird teurer, weil du es mit mehr Pufferbestand, mehr Rabatt und mehr manueller Planung erkaufst. Wachstum mit KI ist nicht automatisch „leicht“ – aber es ist kontrollierbarer.
Zum Schluss eine Frage, die ich in jedem Projekt stelle: Weisst du heute schon, welche 30 SKUs dich im nächsten Quartal am wahrscheinlichsten in Out-of-Stock treiben – und was du dagegen tust? Wenn die Antwort „nein“ ist, ist das kein Drama. Es ist ein perfekter Startpunkt.